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Zwischen Skandal und heiler Welt

In israelischen Heimen sind Senioren missbraucht und vernachlässigt worden. Wie steht es um die Pflege der Alten?

900.000 Senioren leben in Israel. Die meisten versuchen, die Unterbringung im Heim zu vermeiden. Wer etwas Geld hat, leistet sich einen privaten Pfleger aus dem Ausland, der sich rund um die Uhr kümmert.

Von Torsten Teichmann
Am 24.02.2017

Es wird zum Beispiel von einem Altenheim im Norden berichtet, in dem Patienten festgebunden worden seien. Aus den Zimmern würde einem ein stechender Uringeruch entgegenschlagen, in der Küche seien fünf Kilogramm vergammeltes Fleisch gefunden worden und die Patienten seien nur teilweise bekleidet.

— Dikla Acharon Shafran, Radioreporterin

Israels Gesundheitsministerium sei informiert gewesen, erklärt die Reporterin Dikla Acharon Shafran im Radio. Der Behörde lagen Berichte über Dreck, Nachlässigkeit und auch Misshandlung in einzelnen Altenheimen des Landes vor. In einem Fall hatten sich sogar Beschäftigte eines Heims über die Zustände beschwert – ohne Erfolg. Bis im israelischen Fernsehen Aufnahmen mit versteckter Kamera aus Haifa aufgetaucht sind. Seitdem ist der Notstand in den betroffenen Heimen öffentlich.  Der Seniorenverein Halev schätzt die Zahl der Rentner in Israel auf 900.000, gerade mal elf Prozent der Bevölkerung. 170.000 von ihnen haben Anrecht auf Pflege. Aber jeder versuche, einen Einzug ins Altenheim zu vermeiden, sagt die Rechtsberaterin Jifat Solel.

Eine Unterbringung in diesen Heimen ist wirklich nur für die Hilflosesten unter den Schwachen. Wer wählt heute schon einen Heimaufenthalt in Israel? Nur diejenigen, die wirklich keinerlei Einnahmen über die Rente hinaus haben, die keine Möglichkeit haben, zu Hause zu bleiben oder deren Gesundheitszustand sehr ernst ist.

— Jifat Solel, Rechtsberaterin der Organisation Ken Lazaken

Wie Pflege in Israel mit etwas Geld funktionieren kann, zeigt Esther Schnabel. Die Rentnerin lebt in ihrem Haus in Netanja, einer Stadt nördlich von Tel Aviv – nicht allein. Im Zimmer gegenüber der Küche wohnt Karin von den Philippinen: „Sie macht den Haushalt und sie macht sauber und sie geht mit mir überall hin. So oft ich kann, gehe ich ins Schwimmbad. Sie sitzt dann da und wartet, bis ich fertig bin mit dem Schwimmen. Sie hilft mir eventuell beim Duschen, wäscht mir den Rücken, das ist sehr wichtig.“ Hinter dem Haus von Esther Schnabel steht ein Elektrofahrzeug mit Plane. Damit fahren beide Frauen einkaufen. Rentner in Begleitung einer Pflegerin oder eines Pflegers, das ist in israelischen Städten ein gewohntes Bild.  Doch es gebe zu wenig Pflegepersonal, sagt Jakob Sandler vom Seniorenverein. Die Arbeit sei gering bezahlt. Deshalb werden Betreuer aus dem Ausland geholt:

In Israel gibt es um die 50.000 ausländische Pflegekräfte aus allen möglichen Ländern. Sobald der Rentner die Genehmigung erhält, eine Pflegekraft aus dem Ausland zu beschäftigen, wird sie über eine Firma nach Israel gebracht. Die Versicherung deckt ungefähr 40 Prozent der Kosten einer ausländischen Pflegekraft ab. Die restlichen 60 Prozent muss die Familie übernehmen.

— Jakob Sandler, Seniorenverein Halev

In Israel empfinde die Familie eine große Verantwortung gegenüber den Angehörigen, so Sandler. Er selbst habe noch keine Familie erlebt, die sich aus finanziellen Gründen für ein Heim entschieden hat. „Wenn jemand in einem Pflegeheim aufgenommen wird, prüft der Staat als Erstes die finanziellen Mittel der Familie des Rentners, dessen Rente, seinen Besitz und den Besitz der Kinder. Dann stellt er fest, wie viel Geld er für den Aufenthalt im Pflegeheim zahlen muss.“ Häufig sei es besser, eine Pflegekraft aus dem Ausland bei den Großeltern einzuquartieren. Karin lebt seit über zwei Jahren bei Esther Schnabel in Netanja. Dabei ist sie auf den Philippinen verheiratet.

Auf den Philippinen arbeitet man zwar, aber man verdient nur so viel, dass es gerade für den Tag reicht. Man hat keine Möglichkeit, Geld zu sparen. Vielleicht reicht es, eine Krankenversicherung abzuschließen, aber es ist nie genug. Deshalb gehen die meisten ins Ausland, um mehr zu verdienen und ein bisschen zu sparen.

— Karin, Pflegerin von den Philippinen

Das Aufenthaltsrecht des Pflegers oder der Pflegerin ist an die zu pflegende Person gebunden. Im Fall des Todes müssen ausländische Betreuer schnell eine neue Stelle finden oder Israel wieder verlassen. Die Unsicherheit ist für sie sehr groß. Und auch für die Rentner kann es noch härter kommen: Jakob Sandler rechnet damit, dass die Sozialversicherung im Jahr 2040 nicht mehr genügend Geld in der Kasse hat, um alle Aufgaben wahrzunehmen. Er setzt sich dafür ein, ältere Israelis auf freiwilliger Basis länger arbeiten zu lassen, um das Sozialsystem zu entlasten. Im Skandal um die Zustände in einigen Altenheimen setzt das Gesundheitsministerium in Zukunft auf mehr Überwachung. Zum Beispiel mit Kameras und zusätzlichen Inspektionen. Von einem Pflegegipfel wie in Deutschland ist in Jerusalem aber noch keine Rede.

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Kommentare

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8 thoughts on “Zwischen Skandal und heiler Welt”

    Andrea, Montag, 06.03.17, 13:58 Uhr

    Darueber hinaus meine ich, dass hier solche Maßnahmen: "Im Skandal um die Zustände in einigen Altenheimen setzt das Gesundheitsministerium in Zukunft auf mehr Überwachung. Zum Beispiel mit Kameras und ...

    Darueber hinaus meine ich, dass hier solche Maßnahmen:

    „Im Skandal um die Zustände in einigen Altenheimen setzt das Gesundheitsministerium in Zukunft auf mehr Überwachung. Zum Beispiel mit Kameras und zusätzlichen Inspektionen.“

    nicht ausreichen. Sondern hier meine ich, dass Israel ein höheres Aufkommen an Steuergeldern braucht. Israel muss mehr Steuern einnehmen, um die Heime besser zu finanzieren. Eventuell muss auch der Sozial-Etat oder der Pflege-Etat in Israel deutlich aufgestockt werden. Von daher meine ich, dass hier auch in Israel mal ueber höhere Steuern diskutiert werden muesste innerhalb der israelischen Bevölkerung und unter Einbindung der in Israel lebenden Palästinenser (soweit sie keine Hamas-Terroristen sind).

    Andrea, Montag, 06.03.17, 13:54 Uhr

    Hier haben beide Pflegekonzente etwas fuer sich, aber auch etwas gegen sich. Was diese Voruwerfe die hier im Artikel genannt werden angeht, sollte schon mal untersucht werden was da dran ist oder was ...

    Hier haben beide Pflegekonzente etwas fuer sich, aber auch etwas gegen sich. Was diese Voruwerfe die hier im Artikel genannt werden angeht, sollte schon mal untersucht werden was da dran ist oder was nicht. Denn wenn hier wirklich solche eklatanten Mängel sind – die es ueberigens nicht nur in Israel gibt sondern auch bei uns in Deutschland – dann muessen diese Mängel abgestellt werden. Außerdem wäre die Frage, wie sich diese Heime in Israel finanzieren.

    Eventuell ist diese Problem Pflege etwas, was auch mal ueber die internationale Ebene besprochen werden sollte.

    Und bei diesen privaten Pflegern habe ich mal die Frage:
    wie werden die bezahlt?? Bekommen die sowas wie einen Mindestlohn?? Und wenn ja: wie hoch ist dieser Mindestlohn in Israel?? Denn da könnte man doch mal ueber einen globalen Mindestlohn und ueber einen globalen Arbeitsmarkt reden oder??

    Grueße

    Müller, Mittwoch, 01.03.17, 2:37 Uhr

    hallo ariel. ich hatte es hier schon mehrfach in den kommentaren gesagt. die kommentare zb von dir sind nur israel freundlich und für meine begriffe auch abwertent gegenüber palästinenser. ebenso gibt ...

    hallo ariel. ich hatte es hier schon mehrfach in den kommentaren gesagt. die kommentare zb von dir sind nur israel freundlich und für meine begriffe auch abwertent gegenüber palästinenser.
    ebenso gibt es auch hier die andere seite: da wird nur gegen israel abwertent geredet.
    insofern macht eine diskussion hier keinen sinn für mich in den kommentaren.
    solange nur gegen den anderen geschossen wird. und man nix mehr diskutieren kann, weil andere ansichten einfach nicht gelten. was soll da an diskussionen stattfinden?

      ariel, Donnerstag, 02.03.17, 11:36 Uhr

      also gibt es keinen unterschied zu anderen blogs und foren, oder? es geht nicht um diskutieren. mir geht es uberhaupt um nichts, ausser spass am schreiben. es geht also nicht um eine diskussion, sonde ...

      also gibt es keinen unterschied zu anderen blogs und foren, oder? es geht nicht um diskutieren. mir geht es uberhaupt um nichts, ausser spass am schreiben. es geht also nicht um eine diskussion, sondern darum zu kommentieren.

    gunther, Montag, 27.02.17, 15:51 Uhr

    Warum hier nicht mehr diskutiert wird? Die Beiträge des Studios sind entweder Belanglosigkeiten oder verfolgen vornehmlich 2 Ziele: - Alles, was in Israel passiert, wird angegriffen. Eine wirklich der ...

    Warum hier nicht mehr diskutiert wird?
    Die Beiträge des Studios sind entweder Belanglosigkeiten oder verfolgen vornehmlich 2 Ziele:
    – Alles, was in Israel passiert, wird angegriffen. Eine wirklich der journalistischen Aufgabe verpflichtete Berichtwerstattung gibt es nicht.
    – Alles, was Palästinenser sagen, schreiben, tun wird gerechtfertigt.
    Kein Wort zu den Zuständen in den palästinensichen Gefängnissen. Kein Wort zu den Drohungen des Iran. Kein Wort zu der Politik der Hamas in Gaza.
    Warum sollte da jemand etwas schreiben?
    Das Studio hat sich wahrlich geoutet.

    lotte, Sonntag, 26.02.17, 12:48 Uhr

    Hallo Ariel, manchmal gibt es die Duplizität der Ereignisse ... Da berichtet mir mein Kollege/Freund aus Israel, selbst Arzt, am Freitag von eben solchen Missständen im Pflegeheim, in dem sein Vater v ...

    Hallo Ariel,

    manchmal gibt es die Duplizität der Ereignisse …

    Da berichtet mir mein Kollege/Freund aus Israel, selbst Arzt, am Freitag von eben solchen Missständen im Pflegeheim, in dem sein Vater versorgt wird (handverlesen und teuer).
    Samstag lese ich mit Interesse diesen Bericht, den ich wichtig finde – in beiden Ländern.
    Wie gehen wir als Gesellschaft mit Menschen, Schutzbefohlenen wie Kindern und Alten (am Anfang des Lebens und am Ende des Lebens) um?
    Ein Pflegegipfel allein, Kontrolle, Kontrolle oder Papier, Papier, … helfen da allerdings nicht.

    Dass hier kaum jemand mehr kommentiert ist wohl die Mischung zwischen nicht mehr gut möglicher Diskussion, die tiefer geht und ganz einfach: Abstimmung mit den Füssen.

    ariel, Samstag, 25.02.17, 20:59 Uhr

    es ist schon ziemlich krass, was in dem fernsehebericht gezeigt wurde, welcher hier zitiert wird. sehr gut, dass daruber in israel gesprochen wird und dass ueberhaupt nichts unter den teppich gekehrt ...

    es ist schon ziemlich krass, was in dem fernsehebericht gezeigt wurde, welcher hier zitiert wird. sehr gut, dass daruber in israel gesprochen wird und dass ueberhaupt nichts unter den teppich gekehrt werden kann, da es eine wirklich freie presse gibt.

    jetzt aber eine frage an die blockredaktion. glaubt ihr wirklich, dass es so interessant fur das deutsche publikum ist. es gibt so viele interessante sachen, die diese woche in israel passiert sind und nicht in die deutsche nachrichten kamen. schon zu richard schneiders zeiten war der blog kaum interessant, aber in der letzten zeit kommen nur leere berichte. fragt ihr euch nicht, wieso hier kaum jemand schreibt?

    ich personlich schreibe hier, da ich sonst keine gelegenheit habe auf deutsch zu schreiben. aber in letzter zeit, gibt es kaum etwas zu kommentieren. wollt ihr nicht auch offters ueber andere sachen berichten. unis? auslandische studenten? hi-tech firmen? siedler alltag? beer schewa? haifa? tel aviv? jerusalem? zfat? tveria?

      Quittenbaum, Freitag, 03.03.17, 16:22 Uhr

      Das Themenspektrum bzw. Angebot an Beiträgen ist breit gefächert. Neben Berichten über das kulturelle Leben in Israel und Pälestina, finden sich ebenso viele wie interessante Artikel über die Politik, ...

      Das Themenspektrum bzw. Angebot an Beiträgen ist breit gefächert. Neben Berichten über das kulturelle Leben in Israel und Pälestina, finden sich ebenso viele wie interessante Artikel über die Politik, Wissenschaft, Aktuelles (siehe Siedler, Auflösung von illegal gebauten Siedlungen ect.), Städteporträts, Politikertreffen, Bericht über eine Firma in Israel (Technikbereich) und viel Interessantes mehr, wie das Alltagsleben in Israel und Palästina. Dass es im Sozialbereich Probleme gibt, ist seit längeren bekannt. Aber auch das gehört zu einem größeren Ganzen dazu. Die Lage der Pflegekräfte in Israel, deren Status und geringer Verdienst, wird anhand des Beispiels einer philippinischen Helferin nur noch bestätigt.