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Zwischen Krisen- und Feierstimmung

Nach einer erneuten Eskalation entlang des Gazastreifens beginnt in wenigen Tagen der ESC in Tel Aviv 

600 Raketen wurden in den vergangenen Tagen in Richtung Israel abgefeuert – nun ist wieder Ruhe eingekehrt und das Land macht sich bereit für den Eurovision Song Contest. Doch andere politische Themen könnten die Harmonie stören.

Von Benjamin Hammer
Am 09.05.2019

Eine Gruppe von Fans genießt im Messezentrum von Tel Aviv in Liegestühlen die Sonne. Hier wird in wenigen Tagen der Eurovision Song Contest ausgetragen. Aus den Lautsprechern tönt Abba – die ESC-Gewinner von 1974. Es wirkt beinahe idyllisch. Dabei erlebte die Region am Wochenende die schwerste Eskalation zwischen der Hamas im Gazastreifen und Israel seit fünf Jahren. Über 600 Raketen hatten militante Palästinenser abgefeuert. Allerdings nicht auf den Großraum Tel Aviv. Die Bewohner der Stadt hoffen, dass die Waffenruhe mit der Hamas hält.

Ich bin froh, dass der ESC zu uns kommt. Das wird ein Spaß. Der ESC in Tel Aviv bedeutet, dass wir so sind, wie jeder andere Ort auch. Zumindest wollen wir das glauben. Dass wir den Wettbewerb wie andere Länder ausrichten können. Dass viele Leute kommen und eine gute Zeit haben.

— israelischer ESC-Fan

Als die Israelin Netta Barzilai im vergangenen Jahr den ESC gewann, waren viele Israelis begeistert. Israel – ein kleines Land, das im Nahen Osten auch 71. Jahre nach der Staatsgründung weitgehend isoliert ist. Der Blick vieler Israelis ist in Richtung Europa gerichtet. Und nun kommt Europa nach Israel. Mit der vielleicht wichtigsten Samstagabendshow der Welt. Tausende Fans werden in Tel Aviv erwartet. Benjamin Hertlein ist schon da. Der Deutsche ist Fan und Blogger. Er hat seit zehn Jahren kaum einen ESC verpasst. In Israel fühlt er sich wohl. Aber auch für ihn ist das kein Song Contest wie jeder andere.

 

Wenn man weiß, dass der Austragungsort in einer Krisenregion liegt, dann ist das natürlich nicht „business as usual“. Ebenso wie vor zwei Jahren in Kiev, ein Land, das mit einem anderen im Krieg ist. 

— Benjamin Hertlein, ESC-Blogger
Der Blogger Benjamin Hertlein ist bei jedem ESC dabei. Austragungsorte wie Tel Aviv sind für ihn was Besonderes. Foto: BR | Benjamin Hammer

Dass der ESC in Tel Aviv stattfindet, war zunächst nicht sicher. Eigentlich war Jerusalem der Wunschkandidat der israelischen Regierung. Die Stadt ist religiöser und konservativer als Tel Aviv. Der deutsche Blogger Benjamin Hertlein freut sich, nun in Tel Aviv zu sein. Bei den ESC-Fans komme die Stadt gut an.

Es gibt eine große Überschneidung mit der Gay-Community. Tel Aviv ist eine der Gay-Hauptstädte der Welt. Da haben sich schon viele gefreut, dass wir hier hinfahren.

— Benjamin Hertlein, ESC-Blogger

Im liberalen Tel Aviv wird für den ESC auch am jüdischen Feiertag Schabbat gearbeitet. Das geht nicht anders, weil das Finale an einem Samstagabend stattfindet. Bei vielen ultraorthodoxen Juden sorgt das jedoch für Entrüstung. Und so unterbrach eine ultraorthodoxe Partei sogar die aktuellen Koalitionsverhandlungen mit dem Likud von Premierminister Benjamin Netanjahu. Der Streit in der israelischen Politik, der Konflikt mit der Hamas im Gazastreifen Boykottaufrufe der BDS-Bewegung: All das könnte die gewollte Harmonie während des Eurovision Song Contest stören. Die Veranstalter hoffen daher, dass diese Themen so schnell wie möglich in den Hintergrund rücken. Auf dem Twitter-Account des Wettbewerbes werden sie schlicht nicht erwähnt.

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