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Zwischen Hoffnung und Katastrophe

Auch in Nähereien im Gazastreifen werden in der Corona-Krise Schutzmasken hergestellt 

Bislang ist Gaza glimpflich durch die Pandemie gekommen. Die Infektionszahlen sind gering – und in den Textilfabriken herrscht Hochbetrieb, weil dort auch dringend benötigte Masken für den Export genäht werden. Doch die Lage bleibt angespannt. 

Von Benjamin Hammer
Am 19.05.2020

Die Tage in der Textilfabrik von Nezar Jamel Hasouna sind lang geworden. Bis zu 15 Stunden dauern die Schichten. Bis vor Kurzem liefen die Geschäfte schlecht, doch jetzt – mitten in der Coronakrise – sind die Auftragsbücher voll. In der Fabrikhalle sitzen Männer und Frauen vor Nähmaschinen an kleinen Tischen. Sie stellen Mund-Nase-Masken und Schutzkittel für den Export her. Eindrücke, die unser palästinensischer Mitarbeiter im Gazastreifen gesammelt hat, denn Korrespondenten können das Gebiet aktuell nicht betreten. Die Textilfabrik liegt in Rafah, ganz im Süden des Küstenstreifens. Vor der Corona-Krise wurden hier Jeanshosen genäht. Viele Käufer gab es aber nicht. In Gaza ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung auf Lebensmittelhilfen angewiesen. Die Arbeitslosenquote gehört zu den höchsten weltweit. Und jetzt kommt ausgerechnet von hier ein Teil der weltweit so dringend benötigten Schutzausrüstung.

Auf der ganzen Welt gibt es nun eine Katastrophe. Ich will in dieser Situation helfen, so gut ich es eben kann, und damit meinen Beitrag leisten.

— Nezar Jamel Hasouna, Fabrikbesitzer
Viele der Masken aus Gaza werden auch nach Israel exportiert – darüber reden wollen die Palästinenser nicht. Foto: dpa | picture alliance

Laut der Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert, hat sich das Coronavirus hier bislang nicht verbreitet. Matthias Schmale kann das bestätigen. „Wir hoffen auf das Beste, aber bereiten uns auf das Schlimmste vor.“ Schmale lebt im Gazastreifen und ist dort der Chef des UN-Hilfswerkes UNRWA. Entwarnung will er auf keinen Fall geben.

Es ist klar aus Erfahrungen aus der ganzen Welt, dass unter 100 Corona-Kranken mindestens fünf ein Bett auf der Intensivstation benötigen würden. Es gibt im Gazastreifen insgesamt 87 Intensivstationsbetten.

— Matthias Schmale, UNRWA-Chef im Gazastreifen
Matthias Schmale leitet das UNRWA-Büro im Gazastreifen. Foto: BR | Kilian Neuwert

Bei mehr als zwei Millionen Einwohnern. Der Gazastreifen wird von Israel und in Teilen auch durch Ägypten weitgehend abgeriegelt. Schmale vergleicht Gaza in Corona-Zeiten daher mit Kreuzfahrtschiffen: Wurden die abgeriegelt und unter Quarantäne gestellt, sei es dort erst Recht zu einer Ausbreitung des Virus gekommen.

Ein lokaler Ausbruch würde hier zu einem Zusammenbruch führen. Nicht zuletzt, weil hier das Gesundheitswesen völlig überfordert ist.

— Matthias Schmale, UNRWA-Chef im Gazastreifen

Natürlich freut sich der Mann von den Vereinten Nationen, dass im Gazastreifen in diesen Tagen Schutzausrüstung produziert wird. Angesichts der enormen wirtschaftlichen Probleme seien das jedoch Tropfen auf den heißen Stein. Matthias Schmale warnt, dass die Arbeitslosenquote durch die Corona-Krise auf 70 Prozent steigen könnte. In der Fabrik in Rafah werden pro Tag 1000 Mund-Nase-Masken genäht. Die meiste Schutzausrüstung aus dem Gazastreifen wird zunächst nach Israel exportiert. Darüber sprechen die Fabrikbesitzer aber nicht gerne. Israel unterbindet weiterhin die Ein- und Ausfuhr vieler Produkte und begründet das mit der Herrschaft der Hamas, die es als Terrororganisation einstuft. Matthias Schmale von den Vereinten Nationen ist vorsichtig optimistisch, dass sich die Hamas und Israel nach Jahren der Gewalt annähern. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht.

Der Gazastreifen muss nicht in einer totalen Katastrophe enden. Es gibt hier die Kapazitäten und den Willen, sich aus dieser Krise herauszuarbeiten.

— Matthias Schmale, UNRWA-Chef im Gazastreifen

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