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Zwischen Frust und Hoffnung

Hamas und Fatah haben sich auf dem Papier versöhnt: Doch was erwartet sich die Bevölkerung davon?

Die Frustration ist groß in Gaza: Die Arbeitslosigkeit ist hoch, Strom fließt nur wenige Stunden am Tag, Händler beklagen die geringe Kaufkraft. Versöhnung hin oder her: Viele fühlen sich als Spielball politischer Interessen. Ein Beitrag von BR-Reporter Julio Segador.

Von Studio Tel Aviv
Am 20.10.2017

Munir Etschahusche greift in die mit roten Äpfeln vollgefüllte Kiste. Gestern erst hat der Gemüsehändler das Obst bekommen. Er schüttelt den Kopf. „Schlecht, schlecht“, sagt er. Viele Äpfel haben braune Flecken, an manchen Stellen fault das Obst bereits. Fruchtfliegen schwirren in kleinen Wolken umher. Zweite, wenn nicht dritte Wahl seien die Äpfel, die ihnen die israelischen Großhändler überlassen, meint der 52-Jährige. Doch eine bessere Ware gebe es eben nicht.

Viele Arbeitslose, wenig Strom

Munir Etschahusche hat seinen kleinen Laden im Zentrum von Gaza-Stadt, der einzigen Metropole im Gazasxftreifen. Der von den Palästinensern bewohnte Küstenstreifen leidet unter anderem unter einer Wirtschaftsblockade durch Israel. Für die knapp zwei Millionen Bewohner in Gaza ist die Versorgung seither immer schwieriger geworden. Die Streitigkeiten zwischen den rivalisierenden Palästinenser-Organisationen Hamas und Fatah tun das Übrige. Die Region hat zum Teil nur noch wenige Stunden Strom am Tag, was sich auch auf die Wasserversorgung auswirkt. Obsthändler Munir Etschahusche ist frustriert.

Viele Leute sind arbeitslos, die Kaufkraft hat nachgelassen und auch ich habe weniger Kunden. Hinzu kommt: Wir haben kaum Strom und wegen der kritischen Stromversorgung funktionieren die meisten Kühlschränke nicht. Wenn, kaufen die Leute nur noch kleine Mengen ein.

— Munir Etschahusche, Lebensmittelhändler

Gaza-Stadt bietet ein eigenartiges Bild. Pferdekarren sind auf den nur zum Teil asphaltierten Straßen genauso Verkehrsteilnehmer wie in die Jahre gekommene Autos und topmoderne SUVs. Vor den Geschäften herrscht meist wuselige Betriebsamkeit. Gekauft wird aber eher selten. Nur wenige können sich die stolzen Preise für die Waren aller Art leisten.

Die Frustration ist groß, doch es gibt Hoffnung

Auch für Asem Taruk wird es immer schwieriger, in Gaza über die Runden zu kommen. Zumindest geht an diesem Tag der Aufzug, der Strom wurde noch nicht abgeschaltet. Oft genug müssen er, seine Frau und die vier Kinder zu Fuß in den zwölften Stock. Asem Taruk hatte eigentlich im Gesundheitsministerium eine gute Arbeit. Als die radikalislamische Hamas die Fatah-Partei aus Gaza verjagte, verlor er die Stelle. Nun jobbt er nachmittags in einer Apotheke. Er muss sich durchschlagen, um in Gaza über die Runden zu kommen. Der 42-Jährige ist zutiefst frustriert.

Die Lage ist katastrophal. Durch die Blockade ist die Versorgung kritisch. Wir können nicht reisen, und seit April hat sich die Situation drastisch verschlechtert. Die Wirtschaftslage wird immer schwieriger.

— Asem Taruk, Familienvater

Im April hat Palästinenserpräsident Mahmut Abbas die Daumenschrauben angezogen, und im Gazastreifen die Stromversorgung massiv gekürzt. Auf diese Weise will er die Hamas unter Druck setzen. Eine Taktik, mit der der greise Palästinenserpräsident Erfolg zu haben scheint. Der radikalislamische Palästinenserflügel hat der Fatah-Partei von Mahmud Abbas die Hand gereicht. Ein Versöhnungsangebot, aus dem in Gaza viele Menschen nun Hoffnung schöpfen – auch Asem Taruk.

Das ist die einzige Aussicht auf eine bessere Zukunft. Ich hoffe, dass sich alles ändert, wenn die Grenzen wieder auf sind. Das würde sicher unsere Lebensverhältnisse verbessern. Und unsere Kinder hätten endlich wieder eine Perspektive.

— Asem Taruk, Familienvater

Asem Taruk spricht damit auf die Grenze zu Ägypten an, die bisher nahezu dicht war. Das Nachbarland hatte sich monatelang um eine Versöhnung von Hamas und Fatah bemüht und für die Palästinenser war sicher auch eine mögliche Grenzöffnung Anreiz, zu verhandeln. Dass beide Gruppen, Hamas und Fatah, ihre Bevölkerung enttäuscht hätten, räumt Achmed Jousef im Gespräch ein. Er gehört seit geraumer Zeit der Führungsriege der radikalislamischen Hamas an. Man wolle nun gemeinsam vorangehen und die Kräfte bündeln.

Wir haben als Palästinenser den Glauben an uns und an unseren Kampf verloren. Ebenso die Unterstützung anderer arabischer Staaten. Wir haben fast alles verloren. Der einzige Gewinner nach zehn Jahren Bruderkrieg ist Israel. Deshalb sind wir auch auf die Fatah-Partei zugegangen. Nur so können wir die palästinensische Einheit wiedererlangen.

— Achmed Jousef, Mitglied der Hamas-Führungsriege
Hamas-Mann Achmed Jousef glaubt, dass beide Palästinenserorganisationen, Hamas und Fatah, die Menschen enttäuscht haben. Foto: BR | Julio Segador

Bis Dezember soll die Fatah-Partei von Palästinenserpräsident Abbas wichtige Bereiche der Verwaltung übernehmen, die Grenzsicherung und auch die Polizeigewalt. Einen Schritt aber lehnt die Hamas ab: Sie will ihre Waffen nicht abgeben. Die berüchtigten Kassam-Brigaden, die schon drei Mal gegen Israel Krieg führten, wehren sich gegen ihre Entwaffnung. Eine Ankündigung, die Hamas-Funktionär Achmed Jousef unterstützt.

Wir haben das Recht, diese Waffen zu unserer Verteidigung zu tragen. Wir wollen uns erneuern und müssen uns wehren. Schließlich ist die Aggression gegen die Palästinenser Teil der israelischen Agenda. Dieser Punkt steht gar nicht zur Verhandlung, weder in Gaza noch im Westjordanland. Wir haben das Recht, uns zu verteidigen.

— Achmed Jousef, Mitglied der Hamas-Führungsriege

Eine Haltung, die eine Lösung im Nahost-Friedensprozess deutlich erschwert. Das israelische Sicherheitskabinett unter Vorsitz von Ministerpräsident Netanjahu hat bereits reagiert und angekündigt, nicht mit den Palästinensern zu verhandeln, wenn die Hamas Teil der palästinensischen Regierung ist. Asem Taruk, der als Apothekenhelfer versucht, über die Runden zu kommen, sieht sich angesichts dieser Diskussion bestätigt. Die Menschen im Gazastreifen sind ein Spielball unterschiedlichster Kräfte und Interessen. Und die Verlierer dieser Entwicklung sind für ihn die Kleinsten. „Die Kinder sind die eigentlichen Opfer dieses internationalen Konfliktes.“

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Kommentare

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4 thoughts on “Zwischen Frust und Hoffnung”

    ariel, Sonntag, 22.10.17, 14:49 Uhr

    sie wollen weiterhin auf kosten der bevoelkerung die revolutionaere spielen. man braucht wohl weitere 10 jahre elend um die waffen abzugeben.

    sie wollen weiterhin auf kosten der bevoelkerung die revolutionaere spielen. man braucht wohl weitere 10 jahre elend um die waffen abzugeben.

      gunther, Dienstag, 24.10.17, 7:39 Uhr

      Ariel, ich fuerchte, das wird nie geschehen. Der Judenhass ist die einzige Daseinsberechtigung von Hamas und Fatah. Nur so koennen die herrschenden Clans weiter ihre Gewinne machen. Die Menschen sind ...

      Ariel, ich fuerchte, das wird nie geschehen. Der Judenhass ist die einzige Daseinsberechtigung von Hamas und Fatah. Nur so koennen die herrschenden Clans weiter ihre Gewinne machen. Die Menschen sind ihnen voellig egal.

      Axel Stolpe, Samstag, 28.10.17, 22:49 Uhr

      Nein, es gehört mit zur Propagandastrategie dem Feind, also Israel, klar zum machen, dass 110% aller Palästinenser zur Fatah oder Hamas stehen. Also damit ihr das richtig versteht, gemeint ist, 110% s ...

      Nein, es gehört mit zur Propagandastrategie dem Feind, also Israel, klar zum machen, dass 110% aller Palästinenser zur Fatah oder Hamas stehen. Also damit ihr das richtig versteht, gemeint ist, 110% stehen zur Fatah und 110% zur Hamas. Das macht zusammen 220% doch propagandistisch geht das, nur mathematisch nicht. Deshalb hat die Autonomiebehörde auch folgendes bei Todesstrafe verboten. Einmal den Landverkauf an Juden und zum anderen die Kollaboration. Und der zweite Punkt ist dehnbar, wie sich immer wieder bestätigt. Wenn ein Palästinenser aus einen Flüchtlingslager mit den Israelis zusammenarbeitet, damit seine Landsleute mehr Wasser, Strom oder die Abwasserentsorgung funktioniert, dann kann denjenigen es schon einmal den Kopf kosten. Auch israelische Araber halten sich häufig mit überschwänglichen proisraelischen Aussagen zurück, weil sie meist Verwandte drüben haben.

    gunther, Sonntag, 22.10.17, 7:06 Uhr

    Der Gaza-Chef der radikal-islamischen Palästinenserorganisation Hamas hat das Ziel der Zerstörung Israels bekräftigt. Es geht nicht darum, ob wir Israel anerkennen oder nicht, sondern um die Frage, wa ...

    Der Gaza-Chef der radikal-islamischen Palästinenserorganisation Hamas hat das Ziel der Zerstörung Israels bekräftigt. Es geht nicht darum, ob wir Israel anerkennen oder nicht, sondern um die Frage, wann wir es auslöschen und seine Existenz beenden“, sagte Jihia al-Sinwar in Gaza.
    Prächtige Aussichten.