Foto: BR | Benjamin Hammer

Züchtig mit Stil

Ultraorthodoxe Frauen wollen sich heute modisch kleiden – mittlerweile gibt es sogar eine Designschule nur für Religiöse

Arme und Beine müssen bedeckt sein, genauso die Haare. Ansonsten aber sind der Kreativität der ultraorthodoxen Frauen in Sachen Mode keine Grenzen gesetzt – vorausgesetzt, die Ehemänner stimmen zu.

Von Benjamin Hammer
Am 29.06.2018

Auf einer stylishen Dachterasse im 18. Stock nahe Tel Aviv posiert Miri Beilin vor einer Gruppe von Reportern. Auf den ersten Blick könnte sie die Darstellerin einer Hochglanzserie aus New York sein. Sie trägt ein elegantes Kleid mit Blumenmuster, viel Schmuck und sehr dicken Lippenstift. Aber dann fällt auf, dass das Kleid Arme und Beine fast vollständig bedeckt. Auf dem Kopf trägt Miri Beilin eine sehr lange Perücke.

Wir befinden uns in Bnei Brak. Es ist die Stadt mit dem größten Anteil von ultraorthodoxen Juden in ganz Erez Israel. In diesem Viertel unserer Stadt ist ein Geschäftszentrum entstanden. Das ist in unserer Welt etwas Neues, dass wir nicht mehr nur zu Hause oder auf der Straße arbeiten, sondern in modernen Hochhäusern.

— Miri Beilin, ultraorthodoxe Designerin

In Bnei Brak leben fast ausschließlich ultraorthodoxe Juden, die Charedim. Eine Welt, die sich nach wie vor von der säkularen Welt in weiten Teilen abschottet. Auch Miri Beilin ist eine ultraorthodoxe Jüdin. Doch in dem Hochhaus hat die Dozentin für Modedesign mit ihren Kolleginnen eine kleine Revolution angestoßen. In den Seminaren der Designschule sollen ultraorthodoxe Frauen Mode entwerfen, die zwar züchtig ist. Aber trotzdem modern. Miri Beilin trägt spitze gelbe Schuhe mit hohen Absätzen. Dazu Netzstrümpfe und darüber silberne Nieten. Ein gewagtes Outfit. Aber es entspricht den strengen Vorgaben.

Es gibt sehr genaue Regeln. Da geht es um die Länge der Röcke und die Länge der Ärmel. Die Kleidung darf nicht zu eng sitzen. Aber offene Schuhe sind okay. Nirgendwo in der Thora steht geschrieben, dass eine Frau nicht schön sein darf. Im Gegenteil. Aber wir müssen eben wissen, für wen wir die Kleidung anziehen.

— Miri Beilin, ultraorthodoxe Designerin

Miri Beilin sagt, dass sie sich für sich selbst schön anziehe. Und für ihren Mann. Auf keinen Fall will sie mit ihrem züchtigen, aber extravaganten Outfit jedoch die Blicke anderer Männer auf sich ziehen. „Wir können das nicht bestreiten: Männer schauen nun einmal. Und sie wollen was sehen. Wenn ich die Männer also füttere, dann werden sie auch essen. In so einer Lage möchte ich einfach nicht sein.“ Die Rabbi-Akiva-Straße im Zentrum der Stadt Bnei Brak: Hier ist schon der Blick zwischen einem Mann und einer Frau verpönt. Werbeplakate, die Frauen zeigen, sind in der Einkaufsstraße tabu. Und in den Modeboutiquen werden sogar die Schaufensterpuppen mit einem Sichtschutz zur Straße hin verdeckt.

Männer bestimmen, was modisch erlaubt ist

Wie sich ultraorthodoxe Jüdinnen anziehen, hängt auch von der religiösen Strömung ab, der sie angehören – und von den Männern. Mehrfach betont die Modedesignerin Miri Beilin, dass es die Männer sind, die entscheiden, was geht und was nicht. Und nein, sagt Miri, damit habe sie kein Problem. Manche der Frauen in Bnei Brak tragen Perücken, andere Kopftücher. Viele laufen in eher tristen, weit geschnittenen Röcken und Blusen herum. Aber nicht alle. Eine Frau trägt eine enge Bluse im Leopardenlook, eine pinke Handtasche, hochhackige Schuhe und dünne hautfarbene Strumpfhosen. Vor ein paar Jahren war das noch undenkbar. Die israelische Soziologin Sima Zalcberg hat das Thema erforscht. Die Moderevolution bei den ultraorthodoxen Frauen war überfällig, sagt sie.

Die ultraorthodoxe Gesellschaft öffnet sich immer mehr der Mehrheitsgesellschaft. Die Charedim sind nun besser integriert. Sie studieren an der Universität, sie nutzen häufiger das Internet und sehen dort, was in der Welt geschieht. Mittlerweile arbeiten ultraorthodoxe Juden auch in der Welt da draußen. Und das alles hat einen Einfluss auf die Mode, auf das Make-up und die Farben.

— Sima Zalcberg, Soziologin

Im Seminarraum im modernen Hochhaus in Bnei Brak bilden Miri Beilin und ihre Kolleginnen eine neue Generation von Modedesignerinnen aus. Alles Frauen, alle ultraorthodox. Man ist unter sich. Und das findet Miri Beilin gut so. An der Wand hängen Fotos von den Ehefrauen der britischen Prinzen. Auch deren Outfits sind sehr zugeknöpft. Die Herzoginnen Kate und Meghan leben im Vergleich zu den Haredim von Bnei Brak in einer völlig anderen Welt. Und doch sind für große Vorbilder für die ultraorthodoxen Modefrauen. Denn die Royals seien stylish – aber dennoch züchtig.

Kommentare

Kommentare werden vor der Freischaltung geprüft.
Mehr in den Kommentarrichtlinien

5 thoughts on “Züchtig mit Stil”

    Lustig, Dienstag, 03.07.18, 18:41 Uhr

    Hallo Martina, was hat das jetzt wieder mit Haaren zu tun? Ich sagte "halbnackt", und damit meine ich nicht so was normales wie Haare auf dem Kopf. Und das weißt Du ganz genau! Tu bitte nicht so, als ...

    Hallo Martina, was hat das jetzt wieder mit Haaren zu tun?

    Ich sagte „halbnackt“, und damit meine ich nicht so was normales wie Haare auf dem Kopf. Und das weißt Du ganz genau! Tu bitte nicht so, als wenn du nicht weißt, wie die Mehrheit der Frauen auf den roten Teppichen rumläuft.

      martina, Donnerstag, 05.07.18, 12:49 Uhr

      hallo lustig. tja dann überleg es dir gut, ob du im bikini am wasser bist. das könnte ja als aufforderung gelten. bei musliminnen heißt das dann burkini bei orthodoxen jüdinnen habe ich für koschere b ...

      hallo lustig. tja dann überleg es dir gut, ob du im bikini am wasser bist. das könnte ja als aufforderung gelten. bei musliminnen heißt das dann burkini bei orthodoxen jüdinnen habe ich für koschere badesachen noch keinen namen gefunden. aber siehe bei orf oder bei evengelisch nach unter koschere bademode…. gruß

      martina, Donnerstag, 05.07.18, 12:52 Uhr

      hallo lustig. ich sage das deswegen wegen der bademode, da unterwäsche auch nicht mehr bedeckt.... gruß

      hallo lustig. ich sage das deswegen wegen der bademode, da unterwäsche auch nicht mehr bedeckt…. gruß

    Lustig, Freitag, 29.06.18, 17:35 Uhr

    „Wir können das nicht bestreiten: Männer schauen nun einmal. Und sie wollen was sehen. Wenn ich die Männer also füttere, dann werden sie auch essen. In so einer Lage möchte ich einfach nicht sein.“ 10 ...

    „Wir können das nicht bestreiten: Männer schauen nun einmal. Und sie wollen was sehen. Wenn ich die Männer also füttere, dann werden sie auch essen. In so einer Lage möchte ich einfach nicht sein.“

    100%ige Zustimmung. Warum sollte sich eine Frau freiwillig zu einem Sexobjekt für Männer degradieren? Frauen die „halbnackt“ rumlaufen, sich nicht einmal normal nach vorne beugen können, ohne dass alles draußen bzw. sichtbar ist, haben keinen Respekt vor sich selbst. Und die visuell orientierten, prinzipienlosen Männer behandeln sie dann auch entsprechend. Ein Mann mit Moral und Prinzipien wird um eine solche Frau einen weiten Bogen machen.

    Wenn man sich manche Photos von Weinstein mit Frau auf dem roten Teppich anschaut, dann sind einige Frauen halbnackt. Damit sollen Männer wie Weinstein nicht entschuldigt werden, sondern die Frage gestellt werden: Wieviel haben diese Frauen zu seinen Verbrechen beigetragen? Hätte er sie genauso behandelt, wenn sie sich ANGEZOGEN hätten?

      martina, Sonntag, 01.07.18, 5:00 Uhr

      hallo lustig, genau aus diesem grund tragen musliminnen ein kopftuch. die jüdin darf dafür eine perücke tragen. da musst dich noch entscheiden, wie du das mit deinen haaren lösen willst. gruß

      hallo lustig, genau aus diesem grund tragen musliminnen ein kopftuch. die jüdin darf dafür eine perücke tragen. da musst dich noch entscheiden, wie du das mit deinen haaren lösen willst. gruß