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Zeit der Versöhnung

Israel steht ab heute Abend 25 Stunden lang still – es ist Jom Kippur, und viele Israelis üben sich in strenger Askese

Auf der Stadtautobahn joggen? Auf der Schnellstraße nach Jerusalem radeln? Oder mitten auf der vierspurigen Hauptverkehrsstraße mit den Rollerblades entlangdüsen? So verrückt ist das gar nicht, zumindest nicht an Jom Kippur. Ein Beitrag von BR-Reporter Julio Segador.

Von Studio Tel Aviv
Am 29.09.2017

Nach und nach wird an diesem Abend alles still: Die Autos bleiben in den Garagen, Busse und Bahnen in ihren Depots. Nicht einmal die Flugzeuge landen oder heben mehr ab. Geschäfte, Restaurants und Kinos bleiben zu. Und am nächsten Morgen erscheint keine Tageszeitung. Das Land kehrt zur Ruhe, an Jom Kippur, dem Versöhnungsfest. Es ist der höchste jüdische Feiertag. Von Freitagabend bis Samstagabend – 25 Stunden lang – bitten gläubige Juden in aller Welt um die Vergebung ihrer Sünden.

Ich faste, und bete in der Synagoge, den ganzen Tag. Nachts lege ich mich vier Stunden schlafen, danach gehe ich wieder in die Synagoge. Ich esse und trinke während dieser Zeit nichts.

— Elazar Gottlieb, orthodoxer Jude

Der 78-jährige Elazar Gottlieb ist ein streng religiöser Jude, der an  jedem Jom Kippur diesem festen Rhythmus folgt. Strenge Rituale – doch er hat damit kein Problem, erklärt er. Für seine Frau Dina, die vor 45 Jahren aus den USA nach Israel kam, ist es nicht ganz so einfach.

Ich habe Hunger. Und ich vermisse meinen Kaffee. Manchmal knurrt mir schon der Magen. Aber da hilft das Beten. Man besinnt sich auf die wirklich wichtigen Dinge. Man ist nicht abgelenkt. Wir benutzen an dem Tag auch kein Handy. Wir denken über das Leben nach. Was war, was sein wird. 

— Dina Gottlieb, orthodoxe Jüdin

Essen und Trinken oder gar körperliche Kontakte sind tabu. Die meisten Juden üben sich an Jom Kippur in strenger Askese. Bei orthodoxen Gläubigen ist selbst Baden und Duschen verpönt. Ebenso das Tragen von Lederschuhen, was schnell als Luxus interpretiert werden könnte. Händler von Plastik- und Leinenschuhen machen daher vor dem Feiertag ein gutes Geschäft. Jom Kippur wird selbst von Juden eingehalten, die es sonst mit den religiösen Bräuchen während des Jahres nicht so genau nehmen. Die 23-jährige Luna aus Tel Aviv versucht an dem Tag, einfach zur Ruhe zu kommen.

Als ich noch streng religiös lebte, hatte dieser Tag für mich eine große Bedeutung. Jetzt geht es mir mehr um die Selbstüberprüfung. Ich schaue, wie ich im neuen Jahr ein besserer Mensch werden kann.

— Luna, Tel Aviverin
Orthodoxe Juden tragen an Jom Kippur kein Leder. An den Tagen zuvor boomt das Geschäft derer, die Plastikschuhe verkaufen. Foto: BR | Julio Segador

Jom Kippur ist der jüdischen Tradition nach wie ein vorgezogenes Gericht Gottes. Und jeder versucht zu bestehen, indem er Gott für seine Verfehlungen um Vergebung bittet, und Nachbarn und Freunde um Entschuldigung. Für den Tel Aviver Eitan hat Jom Kippur dagegen keine größere religiöse Bedeutung. Er genießt die Ruhe und die leeren Straßen.

Für mich ist Jom Kippur einfach ein zusätzlicher Urlaubstag. Ein Tag, an dem ich mit dem Fahrrad auf allen Straßen fahren kann, ohne dass mich die Autos stören. Das ist das Beste.

— Eitan, Tel Aviver
Am Ende des Ruhetages wird der Schofar, ein Widderhorn, geblasen. Foto: dpa | picture alliance

Wie sehr das öffentliche Leben in Israel an Jom Kippur still steht, zeigt eine Untersuchung der israelischen Umweltbehörde. Während des Feiertages geht die Luftverschmutzung in Städten wie Tel Aviv oder Jerusalem drastisch zurück, zum Teil um bis zu 90 Prozent. Keine Pause macht an dem Feiertag allerdings die israelische Armee: Sie bleibt in Bereitschaft – eine Folge des Jom-Kippur-Krieges im Jahr 1973. Damals griffen an dem Feiertag Syrien und Ägypten Israel an. Das Land hat das bis heute nicht vergessen. Am Samstagabend, nach 25 Stunden, ist dann die Zeit der Einkehr vorbei.  Der Ton aus dem Schofar, dem Widderhorn, beendet Jom Kippur. Es ist vorbei, rufen die Juden, und feiern das Ende des Festtages mit einem üppigen Mahl.

Kommentare

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3 thoughts on “Zeit der Versöhnung”

    gunther, Dienstag, 10.10.17, 13:10 Uhr

    Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag. Es ist ein zutiefst religiöses Fest, das zum Innenhalten, Nachdenken, zum Nachdenken über das eigene Tun anhält. Ausgerechnet an diesem Feiertag überfiele ...

    Jom Kippur ist der höchste jüdische Feiertag. Es ist ein zutiefst religiöses Fest, das zum Innenhalten, Nachdenken, zum Nachdenken über das eigene Tun anhält.
    Ausgerechnet an diesem Feiertag überfielen 1973 Ägypten und Syrien den Staat Israel. Der Staat Israel stand vor dem Abgrund. die beiden arabischen Staaten wollten Israel endgültig vernichten.
    (Anm.d.Red.: Dieser Beitrag wurde auf Grund der Kommentarrichtlinien gekürzt.)

    gunther, Samstag, 07.10.17, 12:04 Uhr

    Herr K., besonders beliebt bei palaestinensischen Terroristen / Moerdern sind israelische Feiertage. Versoehnung, fordern Sie das auch von Hamas, Fatah, Hisbollah und Iran?

    Herr K.,

    besonders beliebt bei palaestinensischen Terroristen / Moerdern sind israelische Feiertage.

    Versoehnung, fordern Sie das auch von Hamas, Fatah, Hisbollah und Iran?

    Michael K., Montag, 02.10.17, 21:53 Uhr

    Das müsste doch der Tag sein, an dem man auf die Palästinenser zugeht. Um Versöhnung bittet!! Wieder nichts. Statt dessen werden alle Grenzen, Checkpoints geschlossen und die Bewegungsfreiheit der Pal ...

    Das müsste doch der Tag sein, an dem man auf die Palästinenser zugeht. Um Versöhnung bittet!! Wieder nichts. Statt dessen werden alle Grenzen, Checkpoints geschlossen und die Bewegungsfreiheit der Palästinenser noch mehr eingeschränkt. Versteht das jemand? Besonders gravierend finde ich, dass man alle Schotten dicht macht, um unter sich zu sein und ohne Gewissensbisse die Palästinenser für einige Tage von der Aussenwelt abriegelt. Gefügige Untertanen müssen das selbstverständlich hinnehmen, alles andere wäre Aufbegehren gegen die Besatzungsmacht. Das wäre lt. Netanyahu ja einsbedeutend mit Aufwiegelung und Aufhetzung. Und das geht gar nicht!?