Foto: Privatbesitz Liora Yitzhak

Foto: Privatbesitz Liora Yitzhak

Bollywood in Israel

Liora Yitzhak: eine indisch-israelische Sängerin mit ungewöhnlicher Karriere

Zwei Heimaten haben sei schwer, meint die indisch-israelische Sängerin Liora Yitzhak. Ihr Song „Mala Mala“ erzählt von ihrem Wunsch, ihre beiden kulturellen Heimaten – Indien und Israel – auf ganz persönliche Art miteinander musikalisch zu verflechten.
Gabriele Shenar hat sich mit der Sängerin getroffen.

Von Studio Tel Aviv
Am 29.11.2016

Ein Musikvideo im Bollywood-Style vor israelischer Hintergrundkulisse. Dreht die weltweit gefeierte Mumbai-Film-Industrie jetzt auch in Israel? Eine Bollywood-Delegation war ja bereits 2011 vor Ort, um mögliche Drehorte und Produktionsbedingungen auszukundschaften. Doch das Video ist eine rein israelische Produktion der ersten Single der indisch-israelischen Sängerin Liora Yitzhak. Ihr Song „Mala Mala“ („Hinauf, Hinauf“) läuft seit Wochen in Israels populärem Armee-Radio und das Morgenprogramm des Fernsehsenders Chanel 10 stellte Liora kürzlich als „die Sängerin, die Bollywood nach Israel bringt“ vor. Es gibt also doch einen bemerkenswerten Bezug zur Traumfabrik Bollywood: Liora Yitzhak ist die bislang einzige jüdische und israelische Sängerin, die es geschafft hat, eine Zeit lang in die Bollywood-Musikindustrie einzusteigen. Eine bemerkenswerte Leistung für die israelische Außenseiterin. „Vielleicht imponierte der von Männern dominierten Musikproduzentenwelt im damaligen Bombay, dass ich aus Israel kam. Sie wussten natürlich, dass israelische Frauen am Militärdienst teilnehmen. In Indien galt das allerdings als sehr exotisch“, lächelt Liora bescheiden. Mittlerweile ist bekannt, dass indische Juden von Anfang an in der indischen Film-Industrie mitwirkten. Wie etwa Sulochana, Firoza Begum, oder Pramila, die 1947 die erste Miss Indien wurde. Aber eine jüdische Sängerin wie Liora gab es eben noch nicht.

Video mit freundlicher Genehmigung von Liora Yitzhak

Eine indische Kulturnische in Lod

Lioras Eltern wanderten 1973 von Gujarat nach Israel aus. Ein Jahr später wurde Liora dort geboren. Gern erinnert sie sich an das pulsierende indische Gemeindeleben ihrer Kindheit inmitten der Nachbarschaft der alten Busstation in Lod, einer Stadt nahe Tel Aviv, in der Araber und Juden gemeinsam leben. Hier schafften sich indische Einwanderer ihre eigene kulturelle Nische. Eine Art indisches Wohlfühlambiente zwischen Cricket, Film, Tanz, Gesang, Liturgien, Ritualen und dem Klang diverser indischer Sprachen. Auch indische Synagogen entstanden damals, ungefähr 50 gibt es heute israelweit. In Wohnzimmern rückten Verwandte, Freunde und Nachbarn auf dem Boden zusammen und sahen sich gemeinsam indische Filme auf VHS-Kassetten an, oft zum wiederholten Male. Im Kino liefen damals noch indische Filme und ab und an sogar im israelischen Fernsehen. „Dann blieben zum Freitagabendgebet schon mal viele Stühle leer“, berichtet Yaakov, Vorsitzender einer indischen Synagoge in Lod. In dieser farbenfrohen und klangvollen Welt erhielt Liora ihre erste Ausbildung in klassischer indischer Musik bei Nash Solomon: Gesang, Sitar und Harmonium. Der jüdisch-indische Einwanderer unterrichtete auch andere begabte Kinder „orientalischer“ Einwanderer, denn an Musikschulen und Konservatorien wurde nur westliche klassische Musik angeboten. Mit 12 Jahren kam dann die erste Gelegenheit mit in Israel gastierenden Bollywood-Sängern aufzutreten. Ein großer Erfolg für die junge Liora, der ihre musikalische Laufbahn bestimmen sollte.

Mit 15 Jahren allein nach Indien

Mit 15 Jahren reiste Liora mit ihrem Vater nach Indien, um ihre musikalische Ausbildung abzurunden. Zunächst kam sie bei einer Hindu-Familie in Pune unter und wurde an der Sur Sarvadhan Musikschule angenommen. Bereits nach drei Monaten hatte sie sich so gut eingelebt, dass ihr Vater entschied, sie könne auch ohne ihn auskommen. Nach einem Jahr waren ihre Musiklehrer der Meinung, dass sie ihr eigentlich nichts mehr beibringen könnten. So zog Liora weiter  nach Bombay, dem heutigen Mumbai. Dort nahm sie Unterricht bei Padma Talwarkar und Pandit Ramesh Nadkarni. Partys, Reisen oder Herumhängen mit Freunden kannte sie damals nicht. Sie lebte nur für ihre Musik. Das bedeutete morgens um vier Uhr aufstehen und Unterricht bis in die späten Abendstunden. Auch die gewaltsamen Unruhen, die 1992 in Bombay ausbrachen, brachten sie nicht aus ihrer täglichen Routine. Heute erscheint Liora rätselhaft, wie sie ihre Ängste damals im Griff hatte, inmitten von Ausgangsperren, Sprengstoffattentaten und unsäglicher Gewalt. „Mit Israel kann man das gar nicht vergleichen. Es war viel schlimmer“, meint Liora.

Vorsingen nachts um zwei

Inzwischen hatte sie sich entschlossen von der klassischen zur Bollywood-Musik zu wechseln. Das hieß zunächst einmal, auf eine Gelegenheit zum Vorsingen zu warten und besonderen Wert auf ihre äußere Erscheinung zu legen. Nachdem sie wieder einmal einen ganzen Tag im Wartezimmer eines Musikproduzenten ausgeharrt hatte, durfte sie nachts um zwei Uhr vorsingen und wurde sofort angenommen. Während ihrer Zeit in Bollywood traf sie viele berühmte Stars und sang mit bekannten Playbacksängern, wie etwa Sonu Nigam, Udid Narayan oder Bappy Lahiri. So verstrichen acht Jahre und ihre Eltern daheim in Israel verlangten, sie solle sich zwischen Indien und Israel entscheiden. Liora stand vor einer schweren Entscheidung, denn jahrelang hatte sie sich fast ausschließlich in der Bollywood-Musikszene bewegt und dabei auf enge Familienbande und echte Freundschaften verzichtet. Aber trotz allen Trubels brachte dieses Leben viel Einsamkeit mit sich. Sie beschloß, nach Israel zurückzukehren.

Fremd in Israel – zwei Heimaten haben ist schwer

Die Rückkehr nach Israel bedeutete einen weiteren Neuanfang meistern zu müssen. Vieles hatte sich verändert. Alte Freunde waren eigene Wege gegangen und im tristen Lod fehlte ihr die hektische Betriebsamkeit des indischen Großstadtlebens. Zudem war ihr Hebräisch inzwischen brüchig geworden und den Zugang zur israelischen Musikszene musste sie erst einmal finden. Langsam ging es dann voran. Sie sang wieder für die indische Gemeinde, knüpfte parallel dazu aber auch Kontakte mit israelischen Sängern und Musikern. So arbeitete sie mit Etti Ankri, Hadag Nahash, Idan Raichel und anderen bekannten Musikern. Während ihrer Abwesenheit hatten Israel und Indien diplomatische Beziehungen aufgenommen und für zehntausende junge Israelis wurde Indien zu einem beliebten Reiseziel nach dem Militärdienst. Damit eroberten sich auch Bollywoods Filmsongs sowie indische klassische Musik ihren Platz in Israel. So wurde Liora zu Botschaftsempfängen eingeladen, später ins Haus des israelischen Präsidenten sowie auch zu vielen Veranstaltungen, auf denen Israelis ihre Liebe zur indischen Musik feiern. Überall wurde sie begeistert aufgenommen, und passte dennoch nirgendwo richtig hinein. Erst mit ihrer indischen Cover-Version eines bekannten israelischen Wiegenliedes (Pismon LaYakinton) wurde sie vor einigen Jahren auch einem breiteren israelischen Publikum bekannt. Und dann traf sie auf den Musikproduzenten Amitai Pariente, der seit 30 Jahren im  israelischen Musikgeschäft mitmischt und den die schlichte Schönheit von Lioras Stimme berührte. Seitdem arbeiten sie gemeinsam mit Text- und Songschreibern an Lioras eigenen Liedern.

Und dann kam Karma ins Spiel

Liora und Amitai sind überzeugt, dass Karma eine Rolle in ihrer Zusammenarbeit spielt. Der Beweis: Seit sie am Song „Mala Mala“, dem ersten Lied für das geplante Album, zu arbeiten begannen, öffneten sich Türen, kam Hilfe, verschwanden Hindernisse. So war es auch mit der Produktion des Musikvideos: Das erste Tanzstudio, das sie anriefen, hatte durch puren Zufall gerade eine Bollywood-Choreographin aus den USA im Hause. Schnell wurde mit ihr eine Choreographie zusammengestellt; israelische Mode-Designer und Stylisten halfen mit den Kostümen. Besonders am weißen Hochzeitskleid wurde lange gearbeitet. Der Manager vom Ramla-Markt gestattete zwei Drehtage. Ladenbesitzer halfen mit Strom, Tee und Kaffee. Eine Polizistin, die für die allgemeine Sicherheit sorgen sollte, tanzte in Uniform mit. Weitere Tänzer stellte die indische Gemeinde sowie ein Tanzstudio in Kfar Saba. Sogar der israelische Schauspieler Tzachi Halevi, bekannt vor allem aus dem Film „Bethlehem“ und der TV-Show „Fauda“, wirkte mit. Seine Rolle als romantischer Protagonist führte dabei zu einigen Missverständnissen. Die Bollywood-Inszenierung war wohl zu echt und Liora wurde nach Veröffentlichung des Musikvideos öfter zur Hochzeit mit Tzachi beglückwünscht. Wenn alles so weiter läuft wie in den vergangenen Monaten, dann wird Liora ihr Album bald auf den Markt bringen. Dabei verlässt sie sich nicht nur auf ihr Karma, sondern arbeitet hart. Ihre nächste Single erscheint im Dezember, während weitere Lieder getextet und komponiert werden. Im Song „Mala Mala“ singt sie vom Neuanfang in Israel und davon, dass sie sich nicht unterkriegen lassen möchte. Auf die Frage, ob man zwei Heimaten haben kann, eine indische und eine israelische, antwortet sie bestimmt: „Das ist schwer.“ Noch heute habe sie das Gefühl, etwas Unausgegorenes zurückgelassen zu haben. Aber sie hat sich eben für Israel entschieden. Wichtig ist und bleibt für Liora, dass sie ihre beiden kulturellen Heimaten ineinander verweben möchte, zumindest musikalisch.