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Wirt im Hungerstreik

Wie Shlomi Salomon, einer von vielen betroffenen Wirten, gegen die Corona-Politik der Regierung protestiert

Erst sollen sie wegen der Pandemie schließen - dann durften sie wieder öffnen. Und sollten kurz darauf wieder schließen. Oder doch nicht? Sicher ist nur: Viele Restaurant- und Ladenbesitzer haben zuletzt große Verluste gemacht. Und die Aussichten sind nicht gut.

Von Tim Assmann
Am 30.07.2020

Amore Mio – das ist eine Institution in Tel Aviv. Shlomi Salomon und seine Frau Susanna haben das italienische Lokal vor rund 20 Jahren gegründet. In normalen Zeiten geht das Geschäft sehr gut. Während der ersten Corona-Welle war das Amore Mio dann geschlossen. Ende Mai öffneten sie wieder. Dann kam die zweite Pandemie-Welle und es kam jener Freitagmorgen, an dem Shlomi den Glauben an Israels Regierung endgültig verlor. Um vier Uhr morgens fiel die Entscheidung, die Restaurants noch am gleichen Nachmittag zu schließen.

In diesem Moment ist etwas in mir zerbrochen und ich beschloss, in den Hungerstreik zu treten. Aus Protest gegen die Regierung, die so etwas mit uns macht. Und dann, am Nachmittag, hieß es überraschend, dass wir doch aufmachen könnten. In der Zwischenzeit hatte ich die eingekaufte Ware an meine Mitarbeiter verteilt, denn es wäre ja schade gewesen, das alles wegzuwerfen. Danach konnte ich natürlich nicht mehr arbeiten und das Restaurant blieb zu. Am Sonntag machten wir dann ganz normal auf und am Montag hieß es wieder, dass wir schließen sollten. Das ist wirklich nicht normal.

— Shlomi Salomon, Restaurant-Besitzer
Zu Beginn der Krise entschied sich die israelische Regierung für den kompletten Lockdown. Foto: dpa | picture alliance

An jenem Freitag trat der 58-Jährige in den Hungerstreik. Er ging abends auch nicht nach Hause. Shlomi übernachtete im Lokal. Das planlose Krisenmanagement der Regierung führte bei Shlomi dazu, dass sich monatelang aufgestauter Frust Bahn brach. Schon durch die Lokal-Schließung während der ersten Corona-Welle habe er enorme Verluste gemacht, erzählt der Wirt.

Aber erst jetzt, nach vier Monaten, kriegen wir Kompensationszahlungen von der Regierung. Und auch das erst, nachdem wir, die Selbstständigen, viel Druck gemacht haben. Nicht alle haben die Hilfen schon bekommen. Es gibt Selbstständige, die seit März warten und immer noch nichts erhalten haben. Nichts. Diese Leute haben nichts, sie können sich nicht mal Essen leisten.

— Shlomi Salomon, Restaurant-Besitzer
Dann durften die Restaurants wieder öffnen – Premier Netanjahu forderte die Menschen sogar auf, raus zu gehen und Spaß zu haben. Es folgte die zweite Welle. Foto: dpa | picture alliance

In Folge der Corona-Krise schnellte die Arbeitslosigkeit in Israel von knapp vier auf mehr als 20 Prozent. Gerade viele Selbstständige wie Gastronomen, kleine Dienstleister und Einzelhändler, sind weitgehend auf sich gestellt. Die staatliche Unterstützung kam für viele zu spät und fiel zu gering aus. Wer durch Tel Avivs Innenstadt läuft, sieht zahlreiche Geschäfte, die nach der ersten Corona-Welle nicht mehr aufgemacht haben. In den Straßen mit den höchsten Ladenmieten sei jedes zweite Geschäft zu, sagt Shlomis Frau Susanna. Sie winkt einer jungen Frau zu, die gerade das Lokal verlässt. Die hat hier früher mal gearbeitet und nun wegen Corona keinen Job mehr, erzählt Susanna.

Auf einmal ist sie arbeitslos und sie ist nur ein Fall. Eine, die eines Morgens aufsteht und keine Miete mehr zahlen und auch nicht im Supermarkt einkaufen kann. Sie ist nun schon seit drei, vier Monaten ohne Job. Wie oft kann man mit 35,36 Jahren noch zu seinen Eltern laufen und fragen, ob man bei ihnen wohnen kann? Und sie dann auch noch um Geld bitten? Davon gibt es Hunderttausende zurzeit in Israel und deswegen brennt hier alles. Ich erinnere nur an die Proteste 2011 auf dem Rothschild-Boulevard. Das war die erste große Explosion. Einige Dinge wurden verbessert, aber dann geriet vieles in Vergessenheit. Und jetzt kommt alles wieder hoch.

— Susanna Salomon, Restaurant-Besitzer

Die Sozialproteste in Israel 2011 werden häufig erwähnt, wenn man in diesen Tagen mit Menschen spricht, die gegen die Regierung auf die Straße gehen und den Rücktritt von Premier Netanjahu fordern. Vieles ist seit 2011 nicht besser geworden. Mieten und Lebensmittelpreise sind weiter extrem hoch und das wirkt sich nun während der schwersten Wirtschaftskrise in der israelischen Geschichte aus.  Die Situation wird sich weiter zuspitzen, prophezeit Shlomi.

Es wird sehr, sehr schlimm enden. Die Leute wollen ihren Kindern Essen auf den Tisch bringen. Und das passiert gerade nicht. Alle haben bereits ihre gesamten Ersparnisse ausgegeben. Sie haben nichts mehr.

— Shlomi Salomon, Restaurant-Besitzer
Ob offen oder zu: Viele Selbstständige hat die Lage bereits an den Rande der Existenz gebracht. Foto: dpa | picture alliance

Als wir das Interview führen, ist Shlomi den zwölften Tag in Folge im Hungerstreik. Stunden später kommt er nach einem Kreislaufkollaps ins Krankenhaus. Die Ärzte raten dringend, wieder zu essen. Shlomi Salomon hört auf sie. Über seinen Hungerstreik wurde landesweit berichtet. „Von der Regierung hat sich niemand bei mir gemeldet“, sagt er.

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