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„Wir wollen Aufmerksamkeit“

Die Massenproteste im Gazastreifen sollen bis Mitte Mai anhalten. Den Teilnehmern geht es um mehr als um die Nakba

Die Nakba, die Katastrophe, ist der offizielle Anlass für die Massenproteste im Gazastreifen. Vor 70 Jahren flohen hunderttausende Palästinenser oder wurden vertrieben. Doch vielen Demonstranten geht es vielmehr um die aktuellen Probleme: Armut, Arbeitslosigkeit, geschlossene Grenzen.

Von Tim Assmann
Am 03.04.2018

Das Piepen der Geräte suggeriert Stabilität und klingt nach Hoffnung, doch der junge Mann mit dem dichten schwarzen Bart und den dicken Verbänden um beide Beine hat seinen letzten Kampf verloren. Wir können ihm nicht mehr helfen, sagt der Arzt Jehad el Jeady. Er beschreibt die Verletzungen des Patienten:

Schusswunden an beiden Unterschenkeln. Er hatte quasi sein gesamtes Blut verloren. Wir konnten ihn am Leben halten, aber er ist hirntot.

— Jehad el Jeady, Arzt 

Doktor el Jeady ist Chefarzt der chirurgischen Intensivstation im Schifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt, der größten Klinik des Küstengebietes. Er geht von Krankenbett zu Krankenbett und trägt nüchtern die Verletzungsmuster vor. Die sechs jungen Männer, die noch auf der Station behandelt werden, wurden alle von Kugeln israelischer Soldaten getroffen, sagt er. El Jeady ist ein erfahrener Mediziner, er hat unter anderem im Jahr 2014 während des Gazakrieges Verletzte behandelt. Nun zieht er einen Vergleich zwischen der Arbeit damals und dem Massenanfall von Verletzten nach den jüngsten Zusammenstößen an der Grenze.

Ich denke, 2014 war es schlimmer. Es waren einfach so viele auf einmal, Hunderte. Schon vor 12 Uhr mittags bekamen wir rund 100 Patienten.

— Jehad el Jeady, Arzt

Nur rund einen Kilometer vom Schifa-Krankenhaus entfernt werben Händler auf einem Markt für ihre Waren. Die Auswahl ist groß und die Preise sind niedrig, dennoch herrscht nicht viel Betrieb. Bei einer Arbeitslosenrate von etwas über 40 Prozent und einer Jugendarbeitslosigkeit von mehr als 60 Prozent kaufen die Leute nur das Nötigste. Seit fast elf Jahren ist der Gazastreifen weitgehend abgeriegelt und die Lage wird immer schlimmer, auch wenn das eigentlich schon lange nicht mehr möglich scheint. Dieser Händler sitzt vor seinem leeren Geschäft, weil er schlicht nichts anderes zu tun hat. Er ist schon seit Monaten bankrott. Die Massenproteste an der Grenze zu Israel hält er für richtig.

Es sind politisch organisierte Demonstrationen. Sie richten sich an die Weltöffentlichkeit und sollen zeigen, dass wir unter der Blockade leiden. Die Amerikaner haben unter Trump Hilfsgelder für die Palästinenser eingefroren und damit wird unsere Lage noch schlimmer werden.

— Bankrotter Händler

Aufmerksamkeit schaffen – geht es darum? Rund 700.000 Palästinenser flohen vor fast 70 Jahren oder wurden vertrieben. Die Palästinenser sprechen von der Nakba, der Katastrophe. Das sogenannte Rückkehrrecht für die Flüchtlinge ist der offizielle Anlass für die Massenproteste, die bis zum Jahrestag der Nakba, dem 15. Mai, andauern sollen. Für viele Teilnehmer gehe es aber vor allem um etwas anderes, sagt Mechemar Abu Sada, Politologe an der Al-Azhar Universität in Gaza.

Die meisten protestierten gegen ihre Lebensbedingungen: Armut, Arbeitslosigkeit, geschlossene Grenzen, Strom- und Trinkwassermangel.

— Mechemar Abu Sada, Politologe

Die Massenproteste sollen fortgesetzt werden und Israel will weiter auf Härte setzen. Die Demonstrationen speisen sich aber aus den miserablen Lebensbedingungen der Bevölkerung. Und um die zu verbessern, braucht es eine politische Lösung für Gaza.

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Kommentare

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11 thoughts on “„Wir wollen Aufmerksamkeit“”

    gunther, Freitag, 06.04.18, 8:32 Uhr

    Die Opfer: 7 Angehörige des militärischen Flügels der Hamas, der Izz al-Din al-Qassam Brigaden 1 Angehöriger des militärischen Flügels des Islamischen Dschihads, Saraya al-Quds 2 Aktivisten des militä ...

    Die Opfer:
    7 Angehörige des militärischen Flügels der Hamas, der Izz al-Din al-Qassam Brigaden
    1 Angehöriger des militärischen Flügels des Islamischen Dschihads, Saraya al-Quds
    2 Aktivisten des militärischen Flügels der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), Katayef al-Maqawama al-Wataniya al-Filastina
    1 Angehöriger der al-Aqsa Märtyrer-Brigaden, des militärischen Flügels der Shahid Nakhl al-‘Amudi-Fraktion der Fatah
    1 bewaffneter Angehöriger der Sicherheitskräfte der Hamas
    1 am bewaffneten Kampf der Fatah beteiligter Aktivist
    1 Angehöriger von Shada al-Aqsa, der ‚Märtyrer’-Einheit der dem Iran nahestehenden Gruppe Nabil Mas’du
    1 mit den Izz al-Din al-Qassam-Brigaden affiliierter Hamas-Mitarbeiter
    1 Aktivist der Hamas (ob er dem militärischen Apparat der Hamas angehört, ist unklar)
    3 der Getöteten waren mit keiner Organisation unmittelbar in Verbindung zu bringen

    gunther, Donnerstag, 05.04.18, 17:58 Uhr

    Feststellungen: Die Hamas ist eine Terrororganisation. Die Hamas kämpft nicht für Freiheit. Die Hamas verordnet der Bevölkerung in Gaza Unfreiheit, wirtschaftliche Katastrophe, Diskriminierung von Fra ...

    Feststellungen:
    Die Hamas ist eine Terrororganisation. Die Hamas kämpft nicht für Freiheit.
    Die Hamas verordnet der Bevölkerung in Gaza Unfreiheit, wirtschaftliche Katastrophe, Diskriminierung von Frauen, Verfolgung von Homosexuellen, öffentliche Hinrichtungen, Raketenabschuss von UNO-Schulen aus.
    Die Hamas instrumentalisiert den „Marsch“ für ihre eigenen Ziele (Wissenschaftler an der Al-Azhar-Universität in Gaza !).
    Die Hamas wird vom Iran finanziert mit dem Ziel, Israel zu zerstören.
    Die Hamas zweigt von intern. Hilfsgeldern für ihre Funktionäre ab.
    Die Hamas kauft von den intern. Hilfsgeldern Waffen und baut mit dem Geld Tunnel, um Terroristen nach Israel zu bringen.

    Herr K., das alles können auch Sie nicht leugnen. Aber es passt nicht in Ihr Weltbild. Warum?

    Inzwischen ist in der Wissenschaft anerkannt, dass sich hinter Israel- und Zionismuskritik meist Antisemitismus verbirgt.

    Michael K., Dienstag, 03.04.18, 15:40 Uhr

    Egal aus welchem Grunde, man sollte niemals einer leidenden Bevölkerung den Rücken zeigen. Der deutsche Aussenminister war ja gerade in Israel. Man kann nur hoffen, dass er Netanyahu vorschlug bei sei ...

    Egal aus welchem Grunde, man sollte niemals einer leidenden Bevölkerung den Rücken zeigen. Der deutsche Aussenminister war ja gerade in Israel. Man kann nur hoffen, dass er Netanyahu vorschlug bei seinem nächsten Besuch Gaza zu besuchen. Ein Mann den Auschwitz in die Politik getrieben hat, wird sich nicht vor anderem menschengemachtem Unheil verschliessen können. Oder wird ihm der Mut dazu fehlen? Er hat ja bisher nur von einigen Unstimmigkeiten gesprochen, als wäre Besatzung und das Gaza-Problem nur ein kleiner Schönheitsfehler. Es ist durchaus legitim für Aufmerksamkeit zu sorgen.

      ariel, Dienstag, 03.04.18, 21:28 Uhr

      man sollte tatsaechlich nicht den leidenden den ruecken zeigen. aber es gibt auf der welt dutzende, wenn nicht hunderte voelker, dennen es viel schlechter geht oder wo eine loesung viel einfacher waer ...

      man sollte tatsaechlich nicht den leidenden den ruecken zeigen. aber es gibt auf der welt dutzende, wenn nicht hunderte voelker, dennen es viel schlechter geht oder wo eine loesung viel einfacher waere. die ressursen sind leider begrenzt. man kann nicht ueberall helfen.

      die palaestinenser sind die mit abstand privilegiertesten fluechtlingen weltweit. sie haben als die einzige einen eigenen fluechtlingshilfswerk, der mit riesigen summen unterstuetzt wird. wie viel aufmerksammkeit willst du den palaestinensern noch schenken? diese zusaetliche aufwendung wuerde aufgrund der begrenzten „hilfsresoursen“ zwingend auf kosten anderer fluechtlinge stattfinden.

      weisst du, dass die palaestinenser nicht als staatenlos gelten, da sie eine mehrheit in jordanien haben.

      wieso sollen die palaestinenser mehr bekommen, als die millionen fluechtlinge des syrien krieges? wieso sollen sie mehr bekommen, als rohingya oder jesiden? wieso sollte man sich um sie kuemmern und nicht um tibet oder die kurden?

      Michaek, Mittwoch, 04.04.18, 2:24 Uhr

      Wenn man die verschiedenen Kommentare liest bekommt man wirklich den Eindruck, dass alle Probleme nur von der Hamas herrühren. Es gibt eine Auffassung, die davon ausgeht, dass Hamas vor mehr als 10 Ja ...

      Wenn man die verschiedenen Kommentare liest bekommt man wirklich den Eindruck, dass alle Probleme nur von der Hamas herrühren. Es gibt eine Auffassung, die davon ausgeht, dass Hamas vor mehr als 10 Jahren gewählt wurde, weil man von den bisherigen Friedensbemühungen enttäuscht war und sich von der Hamas eine bessere Zukunft erhoffte. Zu Zeiten der als aussichtsreich erscheinenden Friedensverhandlungen spielte Hamas kaum eine Rolle. Hamas enstand auf Grund der israelischen Besatzung. Ernsthafte Friedensverhandlungen, die zu einer Lösung geführt hätten, hätten auch ein Hamas-Problem nie aufkommen lassen.

      Was Kommentare verschweigen und nicht erkennen wollen ist eine nicht aufgearbeitete Vergangenheit, Flucht, Vertreibung und Verlust der Heimat, die Kontrolle über Menschen durch eine Besatzungsmacht und damit die fehlende Friedenslösung als wirkliches Problem der Situation in Gaza ist. Würden Menschen nicht demonstrieren, man würde sie einfach vergessen. Nichts würde sich ändern.

      Ariel, Mittwoch, 04.04.18, 15:17 Uhr

      Falsche Auffassung ist zu glauben, dass dir jemand etwas schuldet oder dass einer mehr bekommen soll, als er schon hat. Israel hat gaza verlassen ohne die meeresgrenze zu kontrollieren. Die Bewohner b ...

      Falsche Auffassung ist zu glauben, dass dir jemand etwas schuldet oder dass einer mehr bekommen soll, als er schon hat.

      Israel hat gaza verlassen ohne die meeresgrenze zu kontrollieren. Die Bewohner bekommen verglichen mit anderen voelker eine riesige unterstuetzung.

      Aber anstatt gaza aufzubauen hat man die hamas gewaehlt welche von foerderung der entwicklung und Zusammenarbeit mit israel nicht wissen will. Mrd wurden in kriege investiert. Als folge wurde die grenze gesperrt.

      Man darf fragen nach israel stellen. Man darf aber nicht von den fragen an hamas und fatah wegrennen. Was hat hamas und fatah gemacht um in den 12 jahren nach dem abzug, das leben der gazianer zu verbessern. Und die antwort ist nichts! Sie haben nichts gemacht! Es geht ihnen nicht um die menschen in gaza.

      martina, Mittwoch, 04.04.18, 16:12 Uhr

      hallo michael. was du hier verschweigst, ist dass du gewalt von den palästinenser befürwortest als antwort auf die besatzung von israel. das ist der grund, warum ich dich nicht mehr ernst nehme. denn ...

      hallo michael. was du hier verschweigst, ist dass du gewalt von den palästinenser befürwortest als antwort auf die besatzung von israel.
      das ist der grund, warum ich dich nicht mehr ernst nehme. denn gewalt von isreaelis verurteilst du aufs schärfste, die gewalt von palästinenser legitimierst du zumindest….
      gruß

    Lustig, Dienstag, 03.04.18, 14:05 Uhr

    Ich empfehle, den Artikel "Wo es wirklich um „Umvolkung“ geht" zu googlen. Das Titelbild spricht Bände. Im Bildvordergrund laufen Frauen und Kinder angeblich vor dem Tränengas der Israelis weg und kri ...

    Ich empfehle, den Artikel „Wo es wirklich um „Umvolkung“ geht“ zu googlen. Das Titelbild spricht Bände. Im Bildvordergrund laufen Frauen und Kinder angeblich vor dem Tränengas der Israelis weg und kriegen sich vor Lachen kaum ein. Grinsen in die Kamera wie auf einer Party. Der Rest der Leute im Hintergrund bleibt stehen und sieht keinen Grund, wegzulaufen.

    Dieses Phänomen ist in der Psychologie als „Duping Delight“ bekannt: „The pleasure of being able to manipulate someone, often made visible to others by flashing a smile at an inappropriate moment.“ Wenn jemand bewusst eine Show abzieht, dann kann er (wenn er ein schlechter Schauspieler ist) sich nicht zusammenreißen und muss lachen. Soviel zum Thema „aktuelle Probleme“.

    Gerd-Frederic Lummerzheim, Dienstag, 03.04.18, 12:43 Uhr

    "Doch vielen Demonstranten geht es vielmehr um die aktuellen Probleme: Armut, Arbeitslosigkeit, geschlossene Grenzen." Genau so sehe ich das, dass Hamas die Frustration versucht auf Israel zu lenken, ...

    „Doch vielen Demonstranten geht es vielmehr um die aktuellen Probleme: Armut, Arbeitslosigkeit, geschlossene Grenzen.“

    Genau so sehe ich das, dass Hamas die Frustration versucht auf Israel zu lenken, weil die wissen, dass sie selbst das Problem sind, Hamas!

    Gazaianer, lasst euch nicht von euren Verführern verführen!
    Ihr wisst genau, dass die sich an euren Geldern bereichern!
    Lasst euch nicht von den Einpeitschern der Hamas in die Zäume treiben, so wie es Assad versuchte mit den Palästinensern aus Syrien. Dort bombardierte Assad dann selbst Yarmuk.

    Ich weiß, ihr habt Angst vor Hamas, und das ist nicht unbegründet, doch wenn ihr euch nicht in die Zäune treiben lasst, euch gegen Hamas wehrt, sie aus ihren Machtzentralen entlasst, dann seid ihr frei, und ihr werdet sehen, Israel ist nicht das letzte Land, das euch die Hand reichen wird, in Freiheit, endlich.

    SLM

    gunther, Dienstag, 03.04.18, 8:47 Uhr

    Anders ausgedrückt: Das ist billige Stimmungsmache

    Anders ausgedrückt:
    Das ist billige Stimmungsmache

    gunther, Dienstag, 03.04.18, 8:22 Uhr

    Ein äußerst undifferenzierter, zum Teil falscher Beitrag. Wie viele der sog. Palästinenser wurden vertrieben? Wie viele flohen? Warum flohen sie? Wer will Aufmerksamkeit? Welche Rolle spielt die Hamas ...

    Ein äußerst undifferenzierter, zum Teil falscher Beitrag.
    Wie viele der sog. Palästinenser wurden vertrieben? Wie viele flohen? Warum flohen sie?
    Wer will Aufmerksamkeit?
    Welche Rolle spielt die Hamas?
    Warum interessiert das die arabischen Staaten nicht?
    Welche Rolle spielt der Iran?
    Wie viele „Opfer“ sind Mitglieder der Hamas oder anderer Terrororganisationen?
    Gegen wen richtete sich der Protest ursprünglich?
    Warum geht es den Menschen in Gaza so schlecht?
    Was macht die Hamas mit den Abermillionen internationaler Hilfsgelder?
    In welchen anderen Fällen außer bzgl. Israel haben Nachgeborene, auch im Ausland, ein Recht auf Rückkehr?

    Ganz, ganz schlecht.