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Wie ein Eisberg

Israel steht im engen Austausch mit Aserbaidschan – angesichts der Kämpfe in Bergkarabach ist das nicht unumstritten

Es geht um Öl, Waffen - und die Nachbarschaft zum Erzfeind. Für beide Länder ist die Beziehung eine Win-Win-Situation. Doch vieles läuft im Geheimen. 

Von Benjamin Hammer
Am 12.10.2020

Vor etwa vier Jahren reiste Israels Premierminister Benjamin Netanjahu nach Aserbaidschan. Dort traf er sich mit dem Machthaber des Landes: Präsident Ilham Aliyev. Netanjahu sagte, wie wichtig die Öllieferungen aus Aserbaidschan für Israel seien. Und nannte weitere Projekte:

Wir denken, dass wir gemeinsam Wunder vollbringen können. In der Landwirtschaft, der Bildung, dem IT-Sektor. In jedem Bereich.

— Premier Benjamin Netanjahu
Über Waffenlieferungen sprach Premier Netanjahu nicht. Foto: reuters

Über eine Sache sprach der israelische Premierminister öffentlich nicht: dass Israel viele Waffen und Rüstungssysteme nach Aserbaidschan liefert. Präsident Aliyev war da offener.

Wir arbeiten auch im Bereich der Rüstungsindustrie zusammen. Das machen wir schon seit vielen Jahren. Ich nenne Ihnen mal eine Zahl, die verdeutlicht, wie eng wir zusammenarbeiten. Bisher belaufen sich die Verträge auf fast fünf Milliarden US-Dollar.

— Aserbaidschans Präsident Iham Aliyev

Doch das Geschäft hat auch Schattenseiten: Aufnahmen der Nachrichtenagentur AP von Ende September zeigen einen Armenier, der in Bergkarabach durch Trümmer läuft. Er hält ein Stück Metall in die Höhe. Es sollen die Reste einer Drohne sein, die vor dem Haus eingeschlagen sein soll. Seine Mutter sei getötet worden, sagt der Mann. In einem Interview mit der israelischen Nachrichtenseite Walla bestätigte ein Berater des aserbaidschanischen Präsidenten, dass israelische Drohnen auch bei den aktuellen Kämpfen in und um Bergkarabach eingesetzt werden. Die israelischen Harop-Drohnen können mit Sprengstoff ausgerüstet werden und rasen in ihr Ziel. Hergestellt werden die sogenannten Kamikaze-Drohnen vom Unternehmen IAI, das seinen Sitz in einem abgeschirmten Teil des Flughafens Ben Gurion bei Tel Aviv hat. Neben Angriffs- und Überwachungsdrohnen liefert Israel ballistische Raketen und Radarsysteme. In den vergangenen Wochen registrierten israelische Journalisten mehrere Frachtflüge zwischen Aserbaidschan und einem Flugplatz der israelischen Luftwaffe in der Wüste Negev. Was in die Flugzeuge geladen wurde, kommentiert Israels Verteidigungsministerium nicht. Auch Anfragen, ob Israel trotz der jüngsten Kämpfe weiter Waffen liefere, blieben unbeantwortet. Dabei kämen mittlerweile 60 Prozent der Rüstungsimporte Aserbaidschans aus Israel, sagt Pieter Wezeman vom Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI.

Es geht hier um hochmoderne Waffen mit großen Reichweiten. Aserbaidschan bekommt sie vor allem aus Israel und teilweise aus Russland. Russland beliefert auch Armenien. Durch diese Waffen steigt das Risiko einer weiteren Eskalation. Im Fall von Aserbaidschan steigt das Risiko, dass die Führung glauben könnte, dass mit diesen Waffen ein Krieg gewonnen werden kann. Auch wenn das gar nicht zutrifft. Allein die Wahrnehmung, dass diese Waffen zum Durchbruch führen könnten, senkt die Hemmschwelle, auf Gewalt zu setzen.

— Pieter Wezeman vom Stockholmer Friedensforschungsinstitut SIPRI
Ein Mann in Bergkarabach zeigt auf sein durch einen Drohnenangriff zerstörtes Haus. Foto: dpa | picture alliance

Mehrere Länder, darunter Deutschland, liefern unter Verweis auf den Konflikt keine oder nur sehr begrenzt Waffen nach Armenien und Aserbaidschan. Israel macht allem Anschein nach weiter. Armenien protestiert scharf. Erst vor wenigen Wochen eröffnete Armenien eine Botschaft in Tel Aviv. Armeniens Regierung rief den Botschafter gleich wieder zurück und verwies auf die angeblichen israelischen Waffenlieferungen an den Feind. Israel brachte sein Bedauern zum Ausdruck. Aserbaidschan sei nun mal ein enger Partner. Die Zusammenarbeit richte sich aber nicht gegen Armenien. Es gibt mehrere Gründe, warum Israel Aserbaidschan weiterhin die Treue hält. Da ist zum einen die Energie. Israel beziehe etwa 40 Prozent seines Öls aus dem Land, sagt Gallia Lindenstrauss, die sich am Tel Aviver Institut INSS mit den Beziehungen zwischen Israel und Aserbaidschan beschäftigt.

In der Vergangenheit war Israel ziemlich besessen, wenn es um Energiesicherheit ging. Die Sorgen waren groß. Damals hatte Israel noch keine nennenswerten eigenen Energiequellen. Viele Märkte, wie die der arabischen Golfstaaten, waren geschlossen. Die Zusammenarbeit zwischen Israel und Aserbaidschan hat sich ausgezahlt. Israel erhält seit zwei Jahrzehnten konstant Öllieferungen. Das ist eine wichtige Komponente der Beziehungen.

— Gallia Lindenstrauss, INSS

Die Ölimporte Israels bringen Aserbaidschan hohe Geldsummen. Die kann das Land wiederum in Waffen aus Israel investieren. Eine Win-Win-Situation für beide Seiten. In Israel gibt es eine gewisse Tradition, auf enge Beziehungen zu muslimisch geprägten, aber nicht arabischen Staaten zu setzen. So gab es eine enge Partnerschaft mit der Türkei und – bis zur islamischen Revolution – mit dem Iran. Heute ist der Iran gewissermaßen der Erzfeind Israels und ein weiterer wichtiger Grund, warum Israel mit Aserbaidschan zusammenarbeitet. Aserbaidschan grenzt an den Iran. Und laut Medienberichten nutzen israelische Geheimdienste das aus. Was genau geschieht, bleibt geheim. So wie Israel die Frage nicht kommentiert, ob es trotz der Kämpfe in und um Bergkarabach Waffen an Aserbaidschan liefert. Ilham Aliyev, der Machthaber Aserbaidschans, soll das Verhältnis seines Landes zu Israel einst mit einem Eisberg verglichen haben. 90 Prozent seien unter der Wasseroberfläche und nicht zu sehen.

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