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Wenn Corona auf Armut trifft

Die Pandemie hat längst die palästinensischen Gebiete erreicht – vor allem im Gazastreifen könnten die Folgen fatal sein

Im Westjordanland gilt bereits der nationale Gesundheitsnotstand. Nun sind auch im Gazastreifen die ersten Infektionen registriert worden. Das Problem: In den Krankenhäusern mangelt es schon jetzt an allem.

Von Tim Assmann
Am 24.03.2020

Es war die Hiobsbotschaft, mit der schon lange gerechnet wurde: Am Wochenende meldeten die Gesundheitsbehörden im Gazastreifen die ersten Corona-Infizierten. Zwei Palästinenser, die in Pakistan waren und über die ägyptische Sinai-Halbinsel nach Gaza einreisten, seien gleich nach ihrer Ankunft positiv auf den Erreger getestet worden, teilten die Behörden mit. Beide Patienten sind isoliert und werden in einer Art Feldlazarett behandelt, versicherte Youssef Abu el-Reesh. Er ist Vize-Gesundheitsminister im Gazastreifen und er machte deutlich, wie ernst die Lage ist.

Diese Pandemie ist eine große Herausforderung für die ganze Welt, selbst für Länder mit besserer Ausstattung. Wie wird es dann im Gazastreifen sein, angesichts der Abriegelung? Wir brauchen Hilfe für den medizinischen Bereich, um mit dieser Pandemie umgehen zu können. 

— Youssef Abu el-Reesh, Vize-Gesundheitsminister im Gazastreifen

Zwei Wochen lang sollen nun die Moscheen geschlossen bleiben, das verordnete das Religionsministerium der Hamas. Eine erste Maßnahme im Küstenstreifen, der mit seinen mehr als zwei Millionen Einwohnern eine der am dichtesten besiedelten Gegenden der Welt ist. Die Bevölkerung ist völlig verarmt und die Arbeitslosigkeit sehr hoch. Sauberes Trinkwasser muss importiert werden. Der Strom fällt regelmäßig aus und die Abwasserentsorgung funktioniert überwiegend nicht. Hinzu kommt ein völlig unterentwickeltes Gesundheitssystem. In Gazas Krankenhäusern fehlt quasi alles: qualifiziertes Personal, ausreichend Medikamente, Geräte, Intensivbetten, Isolierstationen. Sollte sich die Pandemie im Gazastreifen ausbreiten, würde sie auf wenig Widerstand treffen. Das weiß auch die Bevölkerung. Dieser alte Mann braucht regelmäßig Medikamente.

Ich fühle Angst und Panik. Wir sind abgeriegelt, haben keine Medizin und nun ist Corona da. Die Menschen fürchten sich. Ich werde im Krankenhaus nach Medikamenten für chronisch Kranke wie mich fragen.

— Bewohner des Gazastreifens
Vor allem im Gazastreifen gab es bereits vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie nur eine geringe Auswahl an Seifen und Reinigungsmitteln. Foto: reuters

Im palästinensischen Westjordanland wurden die ersten Corona-Fälle schon vor Wochen gemeldet. Es gilt weiter der nationale Gesundheitsnotstand. Am Wochenende verhängte die Autonomiebehörde in Ramallah weitgehende Ausgangsbeschränkungen, die denen in Deutschland ähneln. Die Menschen sollen möglichst zuhause bleiben, ihre Dörfer nicht verlassen. Wer im Ausland war, muss zwei Wochen in Quarantäne. Israel hat seine Grenzen zum Westjordanland für palästinensische Arbeiter, die täglich rein und raus pendelten, geschlossen. Das betrifft direkt Zehntausende und indirekt viele, viele mehr, erzählt dieser Palästinenser, der normalerweise jeden Tag in Israel arbeitet.

Wir Arbeiter haben Schulden und müssen arbeiten, damit jeden Monat der Scheck kommt. Ich muss diese Woche noch eine Rate tilgen und ich muss zu Hause acht Menschen ernähren. Nur ich habe Arbeit.

— Palästinensischer Arbeiter 

Ein Ende der Eindämmungsmaßnahmen ist nicht absehbar. Für die ohnehin sehr schwache palästinensische Volkswirtschaft werden die Folgen der Corona-Krise voraussichtlich verheerend.

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