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Welle der Gewalt

In den arabischen Dörfern Israels steigt die Gewalt – die Bewohner fürchten zunehmend um ihre Sicherheit

Clan-Kriminalität, Familienfehden, Morde. Seit Jahresbeginn sind in den arabischen Städten im Norden Israels mehr als 65 Menschen getötet worden. Die lokalen Behörden werfen der israelischen Polizei Untätigkeit vor. Aus Protest nahmen die 13 israelisch-arabischen Abgeordneten nicht an der konstituierenden Sitzung des Parlaments in Jerusalem teil. Ein Beitrag von BR-Reporter Benny Riemer. 

Von Studio Tel Aviv
Am 06.10.2019

„Polizei, Polizei, hört ihr zu? Die Verbrecher sind immer noch frei!“ Das rufen die jugendlichen Demonstranten in Um El-Fachem. So einen Protestzug gibt es hier momentan fast täglich. Denn die Bürger der 55-tausend-Einwohner-Stadt im Norden Israels haben Angst und fordern die Polizei zum Handeln auf. Seit Anfang des Jahres sind im Land schon mehr als 65 arabische Israelis getötet worden – die meisten wohl durch Bandenkriminalität und Fehden zwischen Familienclans. Erst vergangene Woche wurde der 26-jährige Youssef erschossen – mitten am Tag. Die Hintergründe: unklar. Er soll zwischen zwei Fronten geraten sein. In einem kleinen Haus, versteckt in den engen und steilen Gassen von Um El-Fachem, sitzt die Familie des getöteten Youssef: die Männer vor dem Eingang im Stuhlkreis, die Frauen drinnen auf den Sofas im dunklen Erdgeschoss. Die Großmutter, eine Tante, eine Cousine von Youssef. Sie kümmern sich um die trauernde Mutter. Sie weint nicht, ihr Gesicht wirkt versteinert, in der Hand hält sie eine Gebetskette.

Das ist sehr schwierig für mich, denn mein Herz ist gebrochen. So schlimm, wenn eine Mutter ihren Sohn verliert – und er wurde so brutal getötet. Es ist genug für diese Stadt, genug mit den Morden. Ich habe Angst am Abend schlafen zu gehen, weil ich dauernd Schüsse höre. Das ist kein Leben, das hält man nicht aus, ich ertrage das nicht mehr.

— Mutter des getöteten Youssef

Eigentlich gilt Israel als relativ sicher, was Kriminalität betrifft. Die meisten aller Mordopfer im Land sind Araber – ihr Anteil ist in den letzten beiden Jahren deutlich gestiegen, von 63 auf fast 80 Prozent. Tatorte sind fast ausschließlich die arabischen Gebiete im Norden. Jamal Hakrush ist selbst arabischer Israeli und bei der israelischen Polizei. Er sagt: Ja, das ist ein Problem, das mit der arabischen Gesellschaft zu tun hat.

Da geht es auch um arabische Verhaltensmuster. Einige glauben nicht an das staatliche Gesetz und gehen zu einer Art Familiengesetz über. Da sprechen wir dann über Vergeltung. Und wenn dann ein Mord passiert, warten diese Leute nicht auf die Polizei. Dann gilt: Wer getötet hat, wird getötet.

— Jamal Hakrush arabisch-israelischer Polizist
Jamal Hakrush ist arabischer Israeli und arbeitet bei der Polizei. Foto: BR | Benny Riemer

Hakrush weiß aus eigener Erfahrung: Die Polizei ist da teilweise überfordert. Und da sei auch noch ein anderes Problem, sagt er: Das Misstrauen zwischen der israelischen Polizei und der arabischen Bevölkerung. Auf Zusammenarbeit mit den Bürgern, um die Anführer von bestimmten Clans ausfindig zu machen, könne man nicht zählen. Und arabische Polizisten gibt es in Israel kaum. Hakrush fordert mehr Polizeistationen, um die Gewalt in den Griff zu bekommen. Für Mudar Younes, den Vorsitzenden aller arabischen Kommunen im Norden Israels, ist das zu kurz gedacht.

Von mir ist die nächste Polizeistation weniger als fünf Minuten entfernt und trotzdem braucht die Polizei bis zu 30 Minuten, um an einem Tatort zu sein. Denn sie ist immer gerade woanders, es fehlt an Personal! Es geht um Grundsatzentscheidungen, um mehr Finanzmittel. Man hat die arabische Bevölkerung jahrelang vernachlässigt.

— Mudar Younes, Vorsitzender der arabischen Kommunen

An dem Tag, an dem der 26-jährige Youssef erschossen wurde, reagierte der Bürgermeister von Um El-Fachem, Samir Mahamid, mit einer drastischen Maßnahme. Er schloss die Polizeiwache der Stadt – vorübergehend. Ein symbolischer Akt, denn er wirft der israelischen Polizei vor, wegzuschauen und nichts zu unternehmen. Er droht, das nächste Mal ernst zu machen.

Das kann man ganz legal tun: Diese Wache endgültig schließen. Denn wir fordern, dass die Polizei ihren Job macht. Aber vielleicht kommen wir diesem Ziel ja bald ein bisschen näher – in ein paar Tagen gibt es ein Treffen mit der Polizei. Denn wir wollen ja, dass die Verbrechen, die hier in Um El-Fachem passieren, aufgeklärt werden.

— Samir Mahamid, Bürgermeister von Um El-Fachem
Am Tag von Youssefs Ermordung ließ Bürgermeister Samir Mahamid die Polizeistation vorübergehend schließen. Foto: BR | Benny Riemer

Aufklärung statt Vergeltung. Auch dafür demonstrieren die Menschen hier fast jeden Tag. Sie haben die Hoffnung auf eine sichere Heimatstadt noch nicht aufgegeben.

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3 thoughts on “Welle der Gewalt”

    ariel, Sonntag, 06.10.19, 11:36 Uhr

    die arabische parlamentariar haben GEGEN eine weitere polizeistaation in arabischen ortschaften gestimmt. aber es geht nicht nur um die polizei. israelische ambulancen weigern sich ohne polizeibegleit ...

    die arabische parlamentariar haben GEGEN eine weitere polizeistaation in arabischen ortschaften gestimmt.

    aber es geht nicht nur um die polizei. israelische ambulancen weigern sich ohne polizeibegleitung in die arabische ortschaften reinzufahren. (ich spreche ueber israel innerhalb der gruennen linie). die ambulancen und auch feuerwehr werden immer wieder zu zielen der gewalt.

    die arabische klan gesellschaft wollte jahrzehnte lang, wie es in arabischen staaten ueblich ist, ihre probleme selbst loesen. innerhalb des klans haben die aeltere entschieden, wie ein problem zu loesen ist. und wenn es zwischen verschiedenen klaennen probleme gegeben hat, so hat man sich alleine verstaendigen muessen.

    das funktioniert anscheinend nicht mehr oder man will es nicht mehr dulden, da viele endlich verstehen, dass so was nicht normal ist.

    hier hat sowohl der staat, als auch die arabische gesellschaft versagt. aber nur der staat kann es loesen, aber die gesellschaft muss es eben zulassen.

    Florian, Sonntag, 06.10.19, 7:42 Uhr

    Ach so, ich vergaß, der Ort liegt in Israel. Gibt es in Israel arabische Orte? Apartheid?

    Ach so, ich vergaß, der Ort liegt in Israel. Gibt es in Israel arabische Orte? Apartheid?

    Florian, Sonntag, 06.10.19, 7:32 Uhr

    Seltsam, die Gewalt geht von den sog. Palästinensern aus. Und jetzt rufen sie nach der israelischen Polizei. Aber wehe, wehe, sie taucht auf. Dann gibt es Proteste. Warum schreitet die Palästinensisch ...

    Seltsam, die Gewalt geht von den sog. Palästinensern aus. Und jetzt rufen sie nach der israelischen Polizei. Aber wehe, wehe, sie taucht auf.
    Dann gibt es Proteste.
    Warum schreitet die Palästinensische Autonomiebehörde nicht ein?

    Israel ist an allem schuld.

    Die Unfähigkeit der Palästinenser, einen funktionierenden Staat zu organisieren, ist eklatant. Umso besser gelingen Korruption, Bereicherung und Misswirtschaft. Gute Aussichten.

    Für jeden MIst, den die Paläsinenser selbst zu verantworten haben, wird Israel beschuldigt. Das geht nun so seit mehr als 20 Jahren. Und die die Welt klatscht Beifall.