Waghalsiger Protest

Körperbehinderte Israelis stellen sich auf die Autobahn, legen den Verkehr lahm und kämpfen so für mehr Geld vom Staat

Umgerechnet 560 Euro staatliche Grundsicherung im Monat? Das reicht nicht zum Überleben, sagen viele Körperbehinderte in Israel. Auf Proteste hat der Staat jetzt reagiert, zukünftig sollen sie 800 Euro erhalten. Noch immer zu wenig, findet die Gruppe „behinderte Panther“, und sorgt mit ihrer Protestaktion deshalb weiterhin für Stau auf der Autobahn 6.

Von Benjamin Hammer
Am 02.10.2017

Um ihre Ziele zu erreichen, haben sich die „behinderten Panter“ mitten auf die Autobahn 6 gestellt. Wo sonst Autos mit über 100 Stundenkilometern entlangdüsen, sitzt heute Raanan Kehrlich in seinem Elektrorollstuhl neben anderen Körperbehinderten Israelis. Raanan Kehrlich, um die 60 Jahre alt, hat Diabetes. 14 Mal wurde er operiert, ein Bein haben die Ärzte vollständig amputiert, das andere bis zum Knie. Er hat keine Angst mehr, auch nicht vor Autobahnverkehr. Die herannahenden Autos bremsen ab, der Verkehr kommt zum Erliegen. Und die „behinderten Panther“ haben die Aufmerksamkeit die sie brauchen, um auf ihre Ziele aufmerksam zu machen.

Wir haben nichts mehr zu verlieren. Natürlich leiden die Autofahrer unter unseren Aktionen, aber wir haben keine andere Wahl. Es ist der einzige Weg, damit sich vielleicht etwas ändert. Natürlich können mich die Autos überfahren, aber ich sehe das so: Entweder sterbe ich auf der Straße oder ich verhungere.

— Raanan Kehrlich, Demonstrant
Raanan Kehrlich leidet an Diabetes, ein Bein wurde ihm schon amputiert, das andere zur Hälfte. Der Protest auf der Autobahn macht ihm keine Angst mehr. Foto: BR | Benjamin Hammer

Raanan Kehrlich und seine Mitstreiter kämpfen für mehr Geld vom Staat. Die Grundsicherung liegt bei umgerechnet 560 Euro im Monat und wurde seit 15 Jahren kaum erhöht. Der Staat übernimmt außerdem Pflegekosten und bezuschusst die Miete mit 175 Euro. Raanan Kehrlich sagt: Das alles reicht vorne und hinten nicht. Mittlerweile habe er sein gesamtes Erspartes aufgebraucht. Dass einige Behinderte für mehr Geld nun sogar den Autobahnverkehr lahmlegen, liege daran, dass alle anderen Aktionen bisher nichts gebracht haben, erklärt der Vorsitzende Eyal Cohen. Sein Herzmuskel wurde von Bakterien angegriffen, seitdem liegt seine Herzleistung nur noch bei 20 Prozent.

 

Seit Jahren erhöht die Regierung die Zuschüsse nicht. Sie lassen die Behinderten zurück. Nichts hat geholfen: Demonstrationen, Telefonate, Briefe – man hat uns einfach nicht beachtet. So als wären wir unsichtbar. Seit einem halben Jahr blockieren wir nun die Straßen. Und auf einmal werden die Behinderten gesehen.

— Eyal Cohen, Vorsitzender der behinderten Panther

Mit ihren Straßenblockaden schaffen es die Aktivisten nicht nur in den Verkehrsfunk im Radio. Israels Medien berichten seit Wochen ausführlich über die Proteste der Behinderten, die von der Polizei begleitet und gesichert werden. Der Druck auf die Regierung stieg. In der Nacht zum Freitag gab es eine erste Einigung: Die Grundsicherung soll von umgerechnet 560 auf mindestens 800 Euro steigen, Schwerbehinderte bekommen mehr. Alle Organisationen von Menschen mit Behinderungen stimmten dem Kompromiss zu – außer die „behinderten Panther“. Die fordern rund 1300 Euro pro Monat. Israel sei einfach viel zu teuer und ein gutes Essen an den jüdischen Feiertagen könnten sich viele schlicht nicht leisten. Und so protestieren sie weiter auf der Autobahn 6 im Norden Israels. Die Blockade hat an diesem Tag schon für einen langen Stau gesorgt. Viele Pendler müssen zur Arbeit und manche sind genervt.

Manche sind immer sauer. Wenn sie zu uns kommen, erkläre ich ihnen aber eine wichtige Sache: Vielleicht sind sie heute noch gesund, aber morgen können auch sie krank und zu Pflegefällen werden. Ich kämpfe für alle. Auch für diejenigen, die möglicherweise in Zukunft behindert sein werden.

— Eyal Cohen, Vorsitzender der behinderten Panther

Die meisten Autofahrer haben Verständnis. Einer von ihnen läuft von seinem Auto nach vorne und gibt jedem einzelnen der Körperbehinderten die Hand. Auf der Gegenfahrbahn hupen manche und recken ihre Daumen in die Höhe.