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Wachsende Spaltung 

70 Jahre nach der Staatsgründung herrscht eine Kluft zwischen säkularen und strengreligiösen Israelis

Noch immer sind Ultraorthodoxe vom Wehrdienst ausgenommen, der für alle anderen Israelis Pflicht ist. Sollen sie dienen? Die Frage spaltet das Land – und verdeutlicht die innergesellschaftliche Kluft zwischen Säkularen und den Strengreligiösen.

Von Tim Assmann
Am 20.04.2018

Männer in schwarz-weißer Kleidung blockieren eine Straße in Jerusalem. Die Polizei räumt. Es kommt zu Rangeleien. Wasserwerfer werden eingesetzt. Hintergrund der Proteste der strengreligiösen Juden ist der Streit darüber, ob auch ultraorthodoxe Juden ihrem Land an der Waffe dienen sollen. Die Frage spaltet Israel seit Jahren und kann auch stellvertretend für die innergesellschaftliche Kluft zwischen der säkularen Mehrheit und der strengreligiösen Minderheit stehen. Yoelish Krois ist Vorsitzender einer radikalen ultraorthodoxen Gemeinschaft im Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim. Für Krois steht fest, dass der Wehrdienst dazu führt, dass die jungen strengreligiösen Männer die Bindung zu ihrem Glauben verlieren.

Langsam aber sicher, nach ein paar Monaten, sind die Schläfenlocken nicht mehr so wie vorher. Sie sind kürzer und die Kippa wird kleiner. Ich bin der Meinung, dass es keine Charedim im Militär gibt. Wer zur Armee geht, ist nach ein paar Monaten bereits säkular.

— Yoelish Krois, Vorsitzender einer radikalen ultraorthodoxen Gemeinschaft

Charedim ist der hebräische Begriff für die Ultraorthodoxen und heißt übersetzt: die Gottesfürchtigen. Viele strengreligiöse Männer arbeiten nicht, sondern widmen sich nur dem Studium ihres Glaubens. Vom Wehrdienst waren die Charedim lange überwiegend ausgenommen und das soll so bleiben, auch wenn Israels Oberster Gerichtshof entschieden hat, dass eine bisherige Ausnahmeregelung rechtswidrig ist. Zu den israelischen Politikern, die auch die Charedim in der Armee sehen wollen, und damit für die Mehrheit der Bevölkerung stehen, gehört der Oppositionspolitiker Yair Lapid, der schon vor Jahren erklärte:

 

Wir können nicht länger zigtausende von Thorastudenten ernähren, die keinen Wehrdienst leisten und nicht auf dem Arbeitsmarkt sind. Ich bin nicht anti-religiös und meine Forderung ist es auch nicht. Wir können euch einfach nicht mehr bezahlen und wir können dem Staat nicht alleine dienen.

— Yair Lapid, Oppositionspolitiker
Oppositionspolitiker Yair Lapid setzt sich seit Langem für den Wehrdienst der Ultraorthodoxen ein. Foto: dpa | picture alliance

Ungeachtet des Widerstands ihrer religiösen Führer und der zwei ultraorthodoxen Parteien in der israelischen Regierung entscheiden sich immer mehr junge Strengreligiöse für den Dienst an der Waffe – in speziellen Einheiten der Armee. Der Journalist und Experte für Religionsfragen Schachar Ilan sieht eine Erosion innerhalb der Charedim. Der Streit um die Wehrpflicht erinnert ihn daran, wie führende Ultraorthodoxe einst gegen Smartphones kämpften.

Je lauter sie schrien und je mehr Smartphones sie zerstörten, desto deutlicher wurde, dass sie nichts ausrichten konnten. Es ist eine Revolution zu beobachten. Wir wissen zwar noch nicht, welche Richtung sie genau nehmen wird, aber die ultraorthodoxe Gesellschaft zerbröckelt langsam.

— Schachar Ilan, Experte für Religionsfragen

Gleichzeitig versuchen die ultraorthodoxen Parteien immer mehr Einfluss auf die Umsetzung religiöser Regeln im Alltag der säkularen Israelis zu nehmen. Mal geht es darum, dass am jüdischen Ruhetag, dem Schabbat, keine Geschäfte geöffnet sein sollen, mal darum, dass dann auch keine Züge repariert werden dürfen. Den Staat Israel erkennen viele Charedim unterdessen gar nicht an. Auch Yoelish Krois nicht. Er ist ein Vertreter des sogenannten radikalen Antizionismus.

Laut der Thora darf das Volk Israel keine Regierung haben, bis der Messias kommt.

— Yoelish Krois, Vorsitzender einer radikalen ultraorthodoxen Gemeinschaft

Krois ergänzt, dass es auch keinen Staat geben darf.  Ultraorthodoxe Paare haben im Schnitt sieben Kinder. War der Anteil der Gottesfürchtigen bei der israelischen Staatsgründung vor 70 Jahren noch verschwindend gering, liegt er nun bei 13 Prozent. Konflikte zwischen den strengreligiösen und den säkularen Juden werden Israels Gesellschaft wohl auch in Zukunft spalten.

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1 thought on “Wachsende Spaltung ”

    teddy, Sonntag, 22.04.18, 18:38 Uhr

    Von Tim Assmann, thanks a lot for the post.Really thank you! Much obliged.

    Von Tim Assmann, thanks a lot for the post.Really thank you! Much obliged.