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Vorreiter Israel?

Mitte September verhängte Israel als erstes westlich geprägtes Land den zweiten Shutdown - der zeigte Wirkung

Von 10.000 täglichen Neuinfektionen auf 700 - mittlerweile feiert sich Premier Netanjahu selbst für sein Krisenmanagement. Und auch Experten sind zuversichtlich. Eine Maßnahme war besonders effektiv. 

Von Benjamin Hammer
Am 03.11.2020

Benjamin Netanjahu musste viel Kritik einstecken für seinen Umgang mit der Corona-Krise. Doch mittlerweile feiert sich der israelische Premierminister für sein Krisenmanagement.

Vor ein paar Wochen gab es jene, die lautstark behaupteten, Israel habe jede Orientierung verloren. Natürlich ist ein Lockdown keine einfache Sache. Aber wir mussten handeln. Und die Zahlen sprechen für sich.

— Premier Benjamin Netanjahu
Maske auf: Premier Netanjahu sieht seine Corona-Politik als erfolgreich. Foto: dpa | picture alliance

Israel war das erste westlich geprägte Land, das einen zweiten Shutdown verhängte. Der begann Mitte September. Damals wurden in Israel fast 10.000 neue Corona-Infektionen pro Tag nachgewiesen. Gerechnet auf die Bevölkerung war das ein globaler Negativrekord. Mittlerweile, sechs Wochen später, ist die Zahl der Infektionen dramatisch gesunken – auf etwa 700. Eran Segal ist Professor für Bioinformatik am Weizmann-Institut in Rechovot. Von ihm kam in den vergangenen Monaten viel Kritik am zeitweise planlosen Umgang der israelischen Regierung mit der Krise. Aber nun sagt er: Angesichts des starken Rückgangs der Fallzahlen habe der Lockdown auf jeden Fall gewirkt. Eran Segal und sein Team kommen zu einem Ergebnis, das auf den ersten Blick überrascht: Der zweite Lockdown in Israel habe schneller und stärker gewirkt als der erste. Obwohl die Regeln beim zweiten Mal weniger strikt waren.

Der wichtigste Faktor, der den zweiten Lockdown effektiver gemacht hat, das waren die Masken. Die wurden beim ersten Lockdown seltener getragen. Mittlerweile ist es anders. Die Maskenpflicht wird durchgesetzt und die meisten Menschen halten sich an die Regel. 

— Eran Segal, Bioinformatiker
Empfiehlt das Tragen von Masken: Bioinformatiker Eran Segal. Archiv-Foto: Weizmann

Die Einschränkungen in Israel waren deutlich strikter als die Regeln, die nun in Deutschland gelten. So mussten in Israel die meisten Geschäfte mit Kundenkontakt schließen. Synagogen, Kirchen und Moscheen ebenfalls. Die Maskenpflicht galt draußen in sämtlichen öffentlichen Bereichen. Außerdem wurden die Israelis zwischenzeitlich sogar daran gehindert, das Land zu verlassen. Und auch sämtliche Schulen und Kindergärten mussten schließen. Die Infektionsraten in Israel waren in vielen Teilen des Landes jedoch auch deutlich höher als in Deutschland. Es sei klar, dass Schulkinder das Virus verbreiten könnten, sagt der Bioinformatiker Segal.

Die Erfahrung, die Israel mit der Welt teilen kann: Es ist eine gute Idee, das Schulsystem offen zu halten, wenn die Infektionsrate einer bestimmten Gemeinde niedrig ist. Ansonsten können Schulen dazu beitragen, das Virus weiter zu verbreiten.

— Eran Segal, Bioinformatiker
Die Grundschulen sind nach den Lockdown-Lockerungen wieder offen. Foto: dpa | picture alliance

Vertreterinnen und Vertreter der Opposition beklagen, dass die Regierung das ganze Land herunterfuhr, nicht nur jene Städte und Viertel mit einer hohen Infektionsrate. Das Verhältnis zwischen der Bevölkerung und der Polizei wurde durch den zweiten Shutdown ebenfalls auf eine harte Probe gestellt. Micky Rosenfeld ist Sprecher der israelischen Polizei, die die Regeln durchsetzen sollte.

Während der zweiten Welle haben wir ohne Zweifel weniger Disziplin und weniger Verständnis seitens der Bevölkerung gesehen.

— Micky Rosenfeld, Polizeisprecher
Die Polizei ist beim zweiten Shutdown auf weniger Verständnis gestoßen, sagt Polizeisprecher Micky Rosenfeld. Archivbild: dpa | picture alliance

Der zweite, im Vergleich zu Deutschland strikte, Shutdown in Israel ist noch immer nicht beendet. Viele Einschränkungen gelten weiterhin. Immerhin diese Erkenntnis bleibt den Israelis: Ein Shutdown wirkt. In dieser Woche dürfen zumindest die Grundschulen in Israel wieder öffnen.

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