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Vor dem zweiten Lockdown

Die Corona-Zahlen steigen – kurz vor den jüdischen Feiertagen will die Regierung wieder strengere Regeln verhängen

Im kleinen Israel werden pro Tag rund 4000 Neuinfektionen gemeldet. Viele halten sich nicht an die Hygienevorschriften - treffen sich ohne Maske in großen Gruppen. Nun soll es einen weiteren Lockdown geben. 

Von Benjamin Hammer
Am 13.09.2020

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Rambam-Krankenhauses in Haifa haben schon viel erlebt. Jetzt aber sind sie langsam am Ende ihrer Kräfte.

Wir haben nur noch ein letztes Bett mit einer Beatmungsmaschine zu vergeben. Ich habe hier schon viel mitgemacht. Zum Beispiel den zweiten Libanon-Krieg. Der Kampf gegen das Corona-Virus ist am härtesten. Bei einem Krieg gibt es einen Anfang und ein Ende. Aber hier können wir das Ende gar nicht absehen.

— Krankenschwester im israelischen Fernsehen
Mitarbeiter der Covid-Station im Ramban-Krankenhaus in Haifa. Foto: dpa | picture alliance

In Israel infizieren sich immer mehr Menschen. Aktuell werden etwa 4000 Infektionen pro Tag nachgewiesen. Gerechnet auf die Bevölkerung sind es 24 Mal so viele wie in Deutschland. Gleichzeitig tauchen in Israel in diesen Wochen immer wieder Videos auf, die schwere Regelverstöße zeigen: Eine Feier junger Menschen ganz in der Nähe vom Rambam-Krankenhaus. Viele Menschen, keine Masken, kein Abstand. Ein anderes Video zeigt eine Hochzeit ultraorthodoxer Juden. Hunderte Menschen sind auf dem Video zu sehen, kaum jemand trägt eine Maske. Sogar ein Vize-Minister der israelischen Regierung schaute vorbei. In einer arabischen Stadt im Norden Israels sollen 5000 Menschen gefeiert haben, ebenfalls viele ohne Maske. Nach Einschätzung des Gesundheitsministeriums haben die illegalen Feiern enorm zu den hohen Infektionsraten beigetragen.

Mein nicht-wissenschaftlicher Eindruck, basierend auf meiner internationalen Erfahrung, ist: Ja, Israelis sind recht undiszipliniert. Während der ersten Corona-Welle haben wir hier sehr viel Disziplin gesehen. Mittlerweile aber haben die Leute weniger Angst. Sie kommen zum Ergebnis, dass ihr individuelles Risiko in Israel eher gering ist, weil die Bevölkerung vergleichsweise jung ist.

— Dov Chernichovsky ist emeritierter Professor für Gesundheitsökonomie

Und dann, sagt der Wissenschaftler, sei da natürlich die politische Unsicherheit des vergangenen Jahres. Die habe nicht geholfen. Israels Regierungskoalition, die im Mai angeblich nur antrat, um die Corona-Krise zu lösen, droht immer wieder auseinanderzubrechen. Die Regierung verkündete rote Linien für ihr Handeln und hielt sich später selbst nicht dran. Im Frühjahr – während des ersten Lockdowns – trafen sowohl der israelische Premierminister als auch der Präsident Verwandte. Damit brachen sie ihre eigenen Regeln. All das könnte nun ebenfalls zur mangelnden Disziplin mancher Israelis beitragen. Und so greift Israels Regierung zum letzten Mittel: einem zweiten Lockdown. Der soll in einer Woche beginnen, falls die Regierung die Pläne noch einmal bestätigt. Micky Rosenfeld, Sprecher der israelischen Polizei, gibt sich entschlossen, die Regeln durchzusetzen.

Wenn es zu einem Lockdown kommt, werden wir zusätzlich tausende Polizistinnen und Polizisten rausschicken. Wir werden verhindern, dass sich Menschen mehr als 500 Meter von ihren Häusern entfernen. Die Botschaft ist klar: Haltet Euch an die Regeln.

— Micky Rosenfeld, Polizei-Sprecher
Polizeisprecher Micky Rosenfeld will dafür sorgen, dass sich die Menschen an die Regeln halten. Archiv-Foto: dpa | picture alliance

Allerdings konnte oder wollte die israelische Polizei in der Vergangenheit viele Feiern eben nicht unterbinden. In einer Woche beginnt das jüdische Neujahrsfest. Teile der ultraorthodoxen Bevölkerung kündigten bereits an, in großen Massen beten zu wollen – trotz eines möglichen Lockdowns.

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