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Vor dem nächsten Krieg? 

Einen Monat nach der jüngsten Eskalation bleibt die Lage im Gazastreifen angespannt

Die Lebensbedingungen sind weiterhin schlecht, selbst beim Einkauf für das Fastenbrechen nach Ramadan müssen die Menschen sparen. Obendrein herrscht die Sorge vor einem bevorstehenden Krieg: Viele glauben, dass die inoffizielle Feuerpause nicht mehr lange hält.

Von Tim Assmann
Am 03.06.2019

Über enge Marktgassen schallt an diesem Nachmittag in Gaza-Stadt der Ruf des Muezzin. Der Fastenmonat Ramadan geht dem Ende entgegen. Die Menschen kaufen für das abendliche Fastenbrechen ein. Doch sie achten sehr aufs Geld, sagt Gewürzhändler Mohamad.

Die Lage ist schwierig. Niemand hat Geld. Die Leute kriegen keine Gehälter, weder von der Hamas noch aus Ramallah. Also ist kein Geld unterwegs, es gibt keine Kaufkraft und die Märkte sind quasi tot.

— Mohamad, Gewürzhändler
Der Gewürzhändler Mohammad kommt wirtschaftlich nur schwer zurecht. Foto: BR | Tim Assmann

Mohamad steht zwischen den großen Säcken mit geräucherter Paprika, Ingwerpulver und verschiedenen Sorten von Nüssen. Neben dem 40-Jährigen stapeln sich Kartons mit Datteln. Mohamads Geschäfte gehen schlecht. Er müsse sehr rechnen, erzählt der Vater von fünf Kindern. Große Geschenke, wie zum Ramadan-Ende üblich, könne er sich nicht leisten. Manche seiner Kunden haben Angst vor einem weiteren Krieg mit Israel. Mohamad gibt sich gelassen.

Krieg oder nicht. Das macht für uns in Gaza keinen Unterschied. Wir haben uns daran gewöhnt. Vielleicht gibt es einen Krieg. Ich habe keine Angst.

— Mohamad, Gewürzhändler
Kurz vor Ende des Ramadan kaufen die Menschen auf dem Markt für das Fastenbrechen ein – doch das Geld fehlt und viele Händler machen kaum Geschäfte. Foto: BR | Tim Assmann

Ein paar Meter weiter steht ein Mann Ende Vierzig mit mehreren großen Einkaufstüten. Er ist Bankangestellter und gehört zu der immer kleiner werdenden Gruppe von Menschen, die im von Arbeitslosigkeit gezeichneten und von Israel und Ägypten weitgehend abgeriegelten Gazastreifen noch ein regelmäßiges Einkommen haben.

Wir sind von der Außenwelt abgeschnitten. Man kann weder rein noch raus. Die Leute haben keine Arbeit. Wer von der Uni kommt, findet keinen Job. Damit es besser werden kann, muss die Blockade enden und es muss wieder Handel geben, damit die Leute Arbeit finden.

— Gaza-Bewohner

Es könne jederzeit zu einem Krieg kommen, sagt der Mann und ergänzt, er habe Angst um seine Familie. Die Sorge vor einem bevorstehenden Krieg hört man überall im Gazastreifen. Die Menschen glauben überwiegend nicht, dass die inoffizielle Feuerpause, die seit der jüngsten Eskalation vor einem Monat greift, noch lange hält. Anfang Mai schossen die bewaffneten palästinensischen Gruppen in dem Küstenstreifen an einem Wochenende mehr als siebenhundert Raketen auf Israel, dessen Armee mit Luftangriffen reagierte. Vieles erinnerte damals an die Situation vor dem letzten Gaza-Krieg 2014. Matthias Schmale war an jenem Wochenende vor einem Monat im Gazastreifen. Er leitet dort das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen für die Palästinenser, UNRWA.

Für mich war das Krieg. Die Frequenz der Raketen die hin und hergeflogen sind, war im Schnitt höher als 2014 und die 48 Stunden fühlten sich wie Krieg an.

— Matthias Schmale, UNRWA-Direktor in Gaza
Matthias Schmale, UNRWA-Direktor in Gaza, hat die jüngste Auseinandersetzung als Krieg empfunden. Foto: dpa | picture alliance

Auch Matthias Schmale fürchtet eine neue Eskalation, spricht von der Ruhe vor dem Sturm. Für die weitere Entwicklung sind aus seiner Sicht zwei Faktoren von großer Bedeutung. Einer ist die innenpolitische Entwicklung in Israel. Die Regierungsbildung ist gescheitert. Es kommt zu Neuwahlen im September. Die Frage, welche Kräfte sich durchsetzen, könnte mit Blick auf Gaza wichtig werden, sagt UNRWA-Direktor Schmale.

Man hat von hier aus den Eindruck, dass es ein paar Hardliner gibt, die bereit sind, eine kriegerische Auseinandersetzung zu führen. Die Frage ist: Behalten sie die Oberhand oder nicht. Eine zweite ist: Deal of the Century, was die Amerikaner vorschlagen werden. Ich glaube, die Leute warten ab, ob sich etwas tun wird, ob sich etwas im täglichen Leben verbessert.

— Matthias Schmale, UNRWA-Direktor in Gaza

Die US-Regierung will Ende des Monats auf einer Konferenz in Bahrain den wirtschaftlichen Teil ihres Friedensplans für die Region vorstellen. Danach soll der politische Teil folgen. Doch durch die angesetzten israelischen Neuwahlen könnte sich alles verzögern. Ob die aktuelle Feuerpause hält, hängt vom Verhalten der bewaffneten Palästinensergruppen ab und zwar vor allem von der Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert. Ein weiterer Versuch, mit Raketen Zugeständnisse zu erpressen, könnte zum Krieg führen. Bassem Naim ist hochrangiges Mitglied der Hamas und Vorsitzender des Rates für Internationale Beziehungen.

Von einer wirklichen Feuerpause kann man nicht sprechen. Wir sind zurückgekehrt zu den Vereinbarungen von 2014. Solange die Israelis nicht die Lebensbedingungen hier verbessern und die Blockade nicht aufheben, wird die Lage immer fragil bleiben.

— Bassem Naim, hochrangiges Hamas-Mitglied

Die Hamas steht unter großem Druck. Im April gab es im Gazastreifen Massenproteste der Bevölkerung gegen die Bewegung. Sicherheitskräfte gingen mit Gewalt gegen die Demonstranten vor. Danach entschuldigte sich die Hamas dafür. Gelingt es ihr, die Lebensbedingungen zu verbessern, erhöht das ihren Rückhalt in der Bevölkerung. Die Hamas hat also ein Interesse an einer Lockerung der Blockade. In einem Cafe in Gaza-Stadt qualmen die Wasserpfeifen. Bei arabischem Kaffee und süßem Tee wird die politische Lage diskutiert. Mhkaimar Abu Sada ist Politikprofessor an der Al-Azhar-Universität in Gaza-Stadt.

Ob Israel und die palästinensischen Fraktionen in eine weitere Konfrontation und eine israelische Großoffensive geraten, hängt von Israels Verpflichtung zu den Feuerpause-Vereinbarungen ab und von der Bereitschaft der Palästinenser, keine Gewalt gegen die israelische Armee entlang der Grenze anzuwenden.

— Mhkaimar Abu Sada, Politikprofessor

Nachdem die palästinensischen Gruppen den Raketenbeschuss einstellten, öffnete Israel den während der Kämpfe geschlossenen Warenübergang in den Gazastreifen wieder. Außerdem sind Geldzahlungen aus Katar in das Küstengebiet gelangt und die Fischereizone wurde ausgeweitet. Im Hafen von Gaza-Stadt liegt der Fang der letzten Nacht in roten Plastikkisten. Ein Fischer steht vor einem klapprig wirkenden Kutter. Mit neun Kollegen war er die ganze Nacht auf See. Wir haben fast nichts gefangen, erzählt der 29-Jährige. Die Gewässer vor dem Gazastreifen seien leer, unabhängig davon, wie weit die israelische Armee sie rausfahren lasse: „Vier, sechs, zehn oder 15 Meilen. Das ändert nichts. Es gibt so gut wie keinen Fisch. Nur ganz wenig.“ Eigentlich könne er von seiner Arbeit schon lange nicht mehr leben, erzählt der Fischer. Aber eine Alternative zum Fischen habe er im Gazastreifen eben auch nicht.

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Kommentare

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2 thoughts on “Vor dem nächsten Krieg? ”

    Lotte, Dienstag, 04.06.19, 11:24 Uhr

    "Die Frequenz der Raketen, die hin und her flogen ..." Sie flogen also "hin und her" (das Märchen von den beiden Seiten) ... die ca. 700-800 Raketen, die innerhalb von 48 Stunden aus dem 2005 geräumte ...

    „Die Frequenz der Raketen, die hin und her flogen …“
    Sie flogen also „hin und her“ (das Märchen von den beiden Seiten) … die ca. 700-800 Raketen, die innerhalb von 48 Stunden aus dem 2005 geräumten Gaza auf Israel und israelische Zivilisten abgefeuert wurden ?
    Mehr braucht man/frau nicht zu wissen/zu kommentieren.

    Florian, Montag, 03.06.19, 23:31 Uhr

    Wie immer. Zitiert werden ausschließlich Palästinenser. Das Studio bezieht eindeutig Stellung. Der nächste Krieg wird herbeigeredet. Der nächste Krieg muss kommen, um den Juden die Schuld geben zu kön ...

    Wie immer.
    Zitiert werden ausschließlich Palästinenser.
    Das Studio bezieht eindeutig Stellung.
    Der nächste Krieg wird herbeigeredet.
    Der nächste Krieg muss kommen, um den Juden die Schuld geben zu können.