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Von schlecht zu schlechter

Ein neuer UN-Bericht zeigt: Corona hat die wirtschaftliche Lage in den palästinensischen Gebieten weiter verschlechtert

Etwa einen Monat nach dem Ausbruch der Krankheit gingen die Einnahmen aus Handel, Tourismus und Transfers zurück auf den niedrigsten Stand seit zwanzig Jahren. Die UN gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um drei bis viereinhalb Prozent schrumpfen wird. Ein Gastbeitrag von Dietrich Karl Mäurer aus dem ARD-Studio Zürich.

Von Studio Tel Aviv
Am 23.09.2020

Es ist ein Wirtschaftsbericht in einem politisch sensiblen Umfeld: Beauftragt durch verschiedene Resolutionen der UNO-Generalversammlung analysiert die UNO-Konferenz für Handel und Entwicklung UNCTAD in Genf regelmäßig die ökonomische Entwicklung in den besetzten palästinensischen Gebieten. Dazu zählt UNCTAD im Wesentlichen den Gazastreifen und das Westjordanland. Der Auftrag sei ohne eine politische Bewertung der Situation im Nahen Osten kaum zu bewerkstelligen, erklärt der UNCTAD-Direktor für Globalisierung, Richard Kozul-Wright:

Es gibt da offensichtlich einen schmalen Grat. Wenn man über besetztes Land spricht, angesichts der Geopolitik in der Region, ist es sehr schwierig, die Politik von der Wirtschaft zu trennen.

— Richard Kozul-Wright, UNCTAD-Direktor für Globalisierung 
Richard Kozul-Wright ist UNCTAD-Direktor für Globalisierung und sagt: Die Wirtschaft im Nahen Osten kann nicht getrennt von der Politik bewertet werden. Foto: dpa | picture alliance

Die palästinensischen Gebiete sind ökonomisch nicht sonderlich stark entwickelt. Es gibt einen Mix aus kleineren Produktionsbetrieben für Textilien, Lederwaren oder Keramik, es gibt Bauwirtschaft, Tourismus mit der Geburtsstadt Jesu Betlehem und vor allem Landwirtschaft mit dem Hauptprodukt Olivenöl, aber auch dem Anbau von Zitrusfrüchten. Abgesehen von komplizierten und blockierten Transportwegen unterlägen gerade viele der fruchtbarsten Gebiete einer besonders strengen Regulierung durch Israel, sagt Richard Kozul-Wright:

Zum Beispiel wird der Zugang zu Wasser, der für jede Art von Landwirtschaft ja entscheidend ist, von den israelischen Behörden stark reguliert. Das macht es für viele landwirtschaftliche Kleinproduzenten sehr schwierig, zuverlässig zu produzieren.

— Richard Kozul-Wright, UNCTAD-Direktor für Globalisierung 

Laut dem nun vorgelegten neuesten UNCTAD-Bericht zu den Palästinensergebieten schrumpfte 2019 das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf das dritte Jahr in Folge, während die Armut und Arbeitslosigkeit sehr hoch blieben. Ein Drittel der Bevölkerung hatte keinen Job. Bei Jugendlichen lag die Arbeitslosenquote bei über 45 Prozent, bei Frauen gar über 60 Prozent. Die Armutsquote ist leicht angestiegen auf fast dreißig Prozent. Vier von fünf Menschen seien auf internationale Hilfe angewiesen. Und die Coronavirus-Pandemie habe die katastrophale Lage noch einmal verschärft:

Die Haupteinnahmequellen standen schon seit einiger Zeit unter Druck, sie sind jedoch in der Folge von Covid-19 sehr nachteilig beeinflusst worden. Daher sehen die Aussichten für dieses und das nächste Jahr besonders düster aus.

— Richard Kozul-Wright, UNCTAD-Direktor für Globalisierung 
Mit Corona hat sich die Lage verschlechtert – und die ansonsten belebten Straßen bleiben während des Lockdowns leer. Foto: dpa | picture alliance

Etwa einen Monat nach dem Ausbruch der Krankheit gingen die Einnahmen aus Handel, Tourismus und Transfers zurück auf den niedrigsten Stand seit zwanzig Jahren. UNCTAD geht davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf um drei bis viereinhalb Prozent schrumpfen wird. Eine zusätzliche finanzielle Belastung für die Autonomiebehörde ist der Streit um die durch Israel für die Palästinenser eingenommenen Zölle und Steuern. An die Weltgemeinschaft richtet Richard Kozul-Wright die Bitte nach einer „wirksamen finanziellen Unterstützung, die den palästinensischen Behörden gewährt wird, um sicherzustellen, dass sie mit dem Aufbau einer lebenswichtigen und breit aufgestellten Wirtschaft beginnen können“. Diese wiederum könnte eine Voraussetzung für einen palästinensischen Staat bilden und damit für eine Zwei-Staaten-Lösung im Nahost-Konflikt.

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1 thought on “Von schlecht zu schlechter”

    Florian, Donnerstag, 24.09.20, 13:02 Uhr

    Überlegenswert für die palästinensischen Gebiete und die UNO: Die Millionen internationaler Hilfsgelder für die Lebensumstände der Bevölkerung verwenden und nicht in den Bau von Tunneln und Waffen ste ...

    Überlegenswert für die palästinensischen Gebiete und die UNO:
    Die Millionen internationaler Hilfsgelder für die Lebensumstände der Bevölkerung verwenden und nicht in den Bau von Tunneln und Waffen stecken. Die Korruption der pal. Politiker beenden. Die Rentenzahlungen für Attentäter und Mörder beenden.