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Vom General zum Politiker

Fast alle ehemaligen Armeechefs in Israel entscheiden sich später für eine politische Karriere

Benny Gantz ist bei Weitem nicht der Erste in Israel, der Uniform gegen Anzug tauscht. Ruhestand und Gartenarbeit kommen für Generäle außer Dienst wie ihn nicht infrage – es geht um politische Mitsprache.

Von Benjamin Hammer
Am 17.01.2019

Im Februar 2011 machten Benjamin Netanjahu und Benny Gantz in Jerusalem noch gemeinsame Sache. Der Premierminister ernannte Gantz zum Generalstabschef der israelischen Armee, die beiden sangen gemeinsam die israelische Nationalhymne. Heute wäre so viel Eintracht undenkbar. Denn aus den beiden Weggefährten sind politische Rivalen geworden. Benny Gantz – mittlerweile im Ruhestand – will Benjamin Netanjahu nach den anstehenden Wahlen als Premierminister ablösen und gilt als dessen größter Konkurrent. Der frühere Chef der israelischen Armee gründete vor wenigen Wochen die Partei „Stärke für Israel.“ Dass Israels Generäle nach ihrer Armeezeit in die Politik wechseln, hat eine lange Tradition. Seit der Staatsgründung gab es 21 Generalstabschefs. Fast alle entschieden sich später für eine politische Karriere. Manche Generäle wurden sogar Premierminister: Darunter Jitzchak Rabin und Ehud Barak. Der israelische Politikwissenschaftler Yoram Peri hat ein vielbeachtetes Buch geschrieben. Der Titel: Generäle im Kabinettszimmer.

Israel hatte immer den höchsten Anteil von ehemaligen hochrangigen Militärs in der Politik. Ein Grund ist, dass Israel das einzige Land ist, das sich seit der Staatsgründung in einer Art Kriegszustand befindet. Und Sicherheit und Verteidigung: Das ist den Israelis am wichtigsten.

— Yoram Peri, Politikwissenschaftler
Der Politikwissenschaftler hat den Gang israelischer Militärchefs in die Politik untersucht. Foto: dpa | picture alliance

Zwanzig Prozent der Ministerposten, so Peri, seien in Israels Geschichte von ehemaligen hochrangigen Militärs eingenommen worden. Im israelischen Parlament, der Knesset, seien es zehn Prozent der Abgeordneten. Warum aber zieht es die Generäle überhaupt in die Politik? Und warum genießen sie nicht einfach ihren Ruhestand?

Die Generäle hatten in ihrer Zeit bei der Armee viel mit Politik zu tun. Sie waren damals direkt an politischen Entscheidungen beteiligt. Wenn Du einmal soweit bist, willst Du dich nicht zurücklehnen und in Deinem Garten arbeiten. Du willst weiter Einfluss haben. Und so werden die Militärs in die Politik gezogen.

— Yoram Peri, Politikwissenschaftler
Ehud Barak war einst Generalstabschef und wurden später Verteidigungsminister sowie Premier. In diesen Tagen beginnt Benny Gantz seine politische Karriere. Foto: dpa | picture alliance

Journalisten versuchten in diesen Wochen, Benny Gantz in dessen Auto abzufangen. Doch der sagte nur, dass alles in Ordnung sei. Benny Gantz, der General im Ruhestand, der Benjamin Netanjahu als Premierminister ablösen will, hat sich in den vergangenen Wochen kaum geäußert. Es ist unklar, was der Mann politisch überhaupt erreichen will. Dennoch ist die junge Partei des Armeegenerals laut mehreren Umfragen zur zweitstärksten Kraft hinter dem Likud von Premierminister Netanjahu geworden. Einen im Vergleich so aussichtsreichen Konkurrenten hatte Netanjahu lange nicht mehr.

Die Israelis stehen der Politik sehr skeptisch gegenüber. Wenn Sie sich Umfragen anschauen, wem die Israelis vertrauen: An erster Stelle kommt die Armee. Ganz unten kommen dann Politiker, Parteien und die Medien. Die Leute vertrauen also der Armee. Sie denken: Die Generäle sind bereit, ihr Leben für die Nation zu opfern. Die Politiker hingegen kümmern sich nur um sich.

— Yoram Peri, Politikwissenschaftler

Benny Gantz wird von vielen als Anti-Netanjahu gesehen. Gantz war ein hochrangiger General – Netanjahu war es nicht. Gantz ist praktisch skandalfrei – Netanjahu steht in mehreren Fällen unter Korruptionsverdacht. Benny Gantz trat in der Vergangenheit eher leise auf – Netanjahu griff neulich zur besten Sendezeit in einer Ansprache die Staatsanwaltschaft an. Doch der Druck auf Benny Gantz wächst, endlich seine politischen Positionen zu benennen. Bislang äußerte er sich nur zum umstrittenen Nationalitätsgesetz, dass er „richten“ will, um die drusische Bevölkerung zu unterstützen. Vielleicht wartet er auf Israels Generalstaatsanwalt. Der könnte Netanjahu in den möglichen Korruptionsfällen noch vor den Wahlen anklagen. Und das könnte der Kandidatur des ehemaligen Armeechefs weiteren Auftrieb geben. Im November hatte Netanjahu auch das Amt des Verteidigungsministers übernommen. Kurz darauf hielt er vom Hauptquartier der Armee aus eine Ansprache.

Bürger Israels. Ich habe mein ganzes Leben der Sicherheit Israels verschrieben. Ich war ein Kämpfer und Kommandeur in der Eliteeinheit Sayeret Matkal. Ich habe Kameraden verloren. Ich habe meinen Bruder Yoni verloren. In einem Gefecht am Suezkanal wäre ich beinahe gestorben.

— Premier Benjamin Netanjahu

Netanjahu mag kein Armeegeneral gewesen sein. Doch er setzt seit Jahren auf das gleiche Thema, das auch Israels Militärs wie Benny Gantz zu beliebten Politikern macht: Sicherheit. Mit dieser Taktik hat Netanjahu Erfolg. Umfragen zeigen: Viele Israelis vertrauen dem Premierminister, der unter Korruptionsverdacht steht, noch immer.

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