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Vom besten Freund zum Risikofaktor

Die USA ziehen sich immer mehr aus dem Nahen Osten zurück – für Israel verheißt das nichts Gutes

Vom ultimativen Friedensdeal, den US-Präsident Trump im Wahlkampf versprochen hatte, ist bis heute nichts zu sehen. Mehr noch: Seine Nahostpolitik könnte für Israel sogar gefährlich werden, warnen Sicherheitsexperten. 

Von Tim Assmann
Am 25.10.2019

Es hätte der Beginn einer ganz großen, einer ewigen Freundschaft sein können, damals, am 6. Dezember 2017 im Oval Office des Weißen Hauses, als Donald Trump Israels Anspruch auf das ungeteilte Jerusalem als Hauptstadt anerkannte. Trump sei der beste Freund, den Israel im Weißen Haus jemals gehabt habe, jubelte Israels Premier Netanjahu und wiederholte diese Lobpreisung noch einige Male: als die US-Botschaft von Tel Aviv nach Jerusalem umzog, als Donald Trump den von der israelischen Regierung so verachteten Nuklear-Deal mit dem Iran aufkündigte und als er auch noch den israelischen Anspruch auf die annektierten Golanhöhen anerkannte. Nun, fast zwei Jahre nach Trumps Jerusalem-Entscheidung, ist kaum ein Land den USA gefolgt. Am umstrittenen Status der Stadt hat sich nichts geändert. Viel mehr als Symbolcharakter ist nicht geblieben. Aus den Worten von Avi Benayahu, dem ehemaligen Brigadegeneral und Armee-Sprecher, klingt Ernüchterung heraus.

Als Jude und Israeli bin ich sehr glücklich darüber, dass Jerusalem anerkannt und die Botschaft verlegt wurde. Ja, das ist nett. Aber wir werden dafür einen hohen Preis zahlen müssen.

— Avi Benayahu, ehemaliger Brigadegeneral und Armee-Sprecher
Als Trump die Golanhöhen als Teil Israels anerkannte, benannte Israel zum Dank ein Dorf nach Trump. Das Schild steht bereits, das Dorf selbst muss allerdings erst noch gebaut werden. Foto: dpa | picture alliance

Denn die Realpolitik von Donald Trump im Nahen Osten steht nach Ansicht von Benayahu im krassen Gegensatz zu Gesten wie der Jerusalem-Entscheidung. Die USA ziehen sich aus der Region zurück und hinterlassen ein Vakuum, das für Israel, Washingtons engsten Verbündeten, gefährlich werden kann, bilanziert der ehemalige Brigadegeneral.

Sobald die Amerikaner den Nahen Osten verlassen, werden die Russen und – wenn sie können – auch die Türken ihren Platz einnehmen. Wir haben gesehen, wie Putin in der Ukraine Gebiete eroberte und die Welt dazu schwieg. Sie schwieg auch, als in Syrien eine halbe Million Menschen ermordet wurden. Wir haben es hier mit einer Art Anarchie zu tun und mit dem Verlust der Abschreckung durch die Weltpolizei, nicht nur in unserer Region, sondern generell.

— Avi Benayahu, ehemaliger Brigadegeneral und Armee-Sprecher

Israel steckt in einem sicherheitspolitischen Dilemma: Während die „Weltpolizei“ USA kaum noch präsent ist, wird Israel in der Region weiterhin als Stellvertreter Washingtons gesehen. Der Rückzug Trumps aus dem Nuklear-Deal mit dem Iran und die Verhängung von Sanktionen wurden und werden in Israel zwar generell begrüßt, aber es mehren sich die mahnenden Stimmen, die davor warnen, dass Israel von iranischen Verbündeten wie der libanesischen Hisbollah oder Milizen in Syrien angegriffen werden könnte. Der mutmaßlich iranische Drohnenangriff auf die saudische Erdölförderung wurde von Experten wie Amos Gilad mit Sorge beobachtet. Gilad, mittlerweile im Ruhestand, war Generalmajor in der israelischen Armee und Chef des militärischen Nachrichtendienstes.

Zwischen uns und den Vereinigten Staaten gibt es immer mehr Differenzen bei der Einschätzung von Situationen und bei konkreter Politik. Natürlich müssen wir besorgt sein, wenn zum Beispiel der Iran unseren strategischen Partner Saudi-Arabien angreift und damit die gemeinsamen Interessen beschädigt werden. Oder wenn die Kurden, nachdem sie im Krieg gegen den IS unsere Partner waren, jetzt im Stich gelassen werden – und dass auf wahnsinnige Art und Weise. 

— Amos Gilad, Sicherheitsexperte
Die Freude über Trump war in Israel so groß, dass Premier Netanjahu den US-Präsidenten sogar in seinen Wahlkampf einbezog. Foto: dpa | picture alliance

Trump sei nicht bereit, gegen den Iran notfalls auch militärisch vorzugehen und ermuntere Teheran so, auf Gewalt zu setzen, glaubt Amos Gilad. Der Rückzug der US-Truppen aus Syrien wird in Israel mehrheitlich als schwerer strategischer Fehler bewertet. Premier Netanjahu hält sich zwar mit offener Kritik zurück. Sicherheitsexperten fürchten allerdings, dass der Iran sich in Syrien weiter militärisch festsetzt und Israel in seinen Bemühungen, diesen Einfluss einzudämmen, auf sich allein gestellt ist. Donald Trump gilt vielen in Israel mittlerweile als Sicherheitsrisiko.

Trump handelt nach eigenem Ermessen. Israel spielt nur eine Nebenrolle. Trump ist scheinbar eine unzuverlässige Stütze. Das wird immer deutlicher. Langfristig gesehen kann man sich auf ihn nicht verlassen.

— Amos Harel Militär-Korrespondent der Tageszeitung Haaretz

Auch die Hoffnung, dass Donald Trump tatsächlich einen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern vermitteln kann, wie er es einst angekündigt hatte, ist weitgehend verflogen. Mittlerweile zweifeln viele in Israel daran, dass Trump seinen Nahost-Friedensplan jemals vorlegen wird.

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1 thought on “Vom besten Freund zum Risikofaktor”

    ariel, Freitag, 25.10.19, 10:14 Uhr

    die ard reporter sollten anfangen andere zeitungen ausser der linken haaretz zu lesen. solange der falsche an der macht ist, wird alles pessimistisch betrachtet. "Es hätte der Beginn einer ganz großen ...

    die ard reporter sollten anfangen andere zeitungen ausser der linken haaretz zu lesen. solange der falsche an der macht ist, wird alles pessimistisch betrachtet.

    „Es hätte der Beginn einer ganz großen, einer ewigen Freundschaft sein können“ – das war es auch.

    „zwei Jahre nach Trumps Jerusalem-Entscheidung, ist kaum ein Land den USA gefolgt“ – und wie steht es im widerspruch zu dem ersten zitat? hat trump versprochen andere laender dazu zu zwingen?

    die amerikaner haben sich aus den kurden gebieten abgezogen, aber sie werden ihre praesens um den oelquellen ausbauen um sie von der ISIS zu schuetzen. ausserdem bleiben sie weiterhin mit ihren stuetzpunkten in der region.

    die us praesents in syrien hat dem israel in keinster weise geholfen. zwischen iran, hissbollah und israel gab es keine us truppen oder aehnliches.

    ich finde es lustig, dass die linke haaretz es als schlecht, sieht dass trump gegen iran nicht militaerisch vorgeht. ist es nicht zu frueh? waere es nicht gefaehrlich?