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Völlig losgelöst

Bei den Ultraorthodoxen steigen die Corona-Zahlen weiter - das zeigt auch, wie gespalten die Gesellschaft ist 

Wochenlang beklagten säkulare Israelis, dass die Polizei in ultraorthodoxen Vierteln die Corona-Regeln kaum durchsetzte. Das ändert sich nun.

Von Benjamin Hammer
Am 10.10.2020

Es sind Videos, die es eigentlich gar nicht geben dürfte: Die kurzen Filme zeigen Synagogen in Israel, in denen ultraorthodoxe Männer beten oder dicht gedrängt feiern. Sie halten wenig Abstand und tragen keine Masken. Während des sogenannten Lockdowns in Israel müssen auch Synagogen geschlossen bleiben. Aber viele streng-religiöse Gemeinden ignorieren diese Vorgabe. Die Videos stammen vom Twitter-Account von Israel Frey. Er ist Journalist und gehört selbst dem ultraorthodoxen Judentum an. Mit den vielen Regelbrüchen ist er aber nicht einverstanden. Deshalb dokumentiert er sie auf Twitter.

Innerhalb ihrer Autonomie machen die Rabbiner das, was sie für richtig halten. Und wenn sie es für richtig halten, dass die Synagogen geöffnet bleiben, dann kann ihnen keiner was.

— Israel Frey, Journalist
Vor Jom Kippur begehen strengreligiöse Juden das Kapparot-Ritual - dich gedrängt und teilweise ohne Maske. Foto: reuters

In Israel leben etwa 1,1 Millionen ultraorthodoxe Juden. Das entspricht etwa zwölf Prozent der Bevölkerung. Trotzdem wird mittlerweile fast die Hälfte aller neuen Corona-Infektionen in diesem Sektor der Bevölkerung nachgewiesen. Ende September – am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur – versammelten sich in der Synagoge der Belz-Gemeinde in Jerusalem etwa 4000 Gläubige. Die meisten ohne Maske. In der Corona-Krise wird deutlich, wie gespalten Israel ist. Und wie abgeschottet vom Staat ein Teil der ultraorthodoxen Bevölkerung lebt.

Das Problem haben jetzt die säkularen Israelis. Seit der Staatsgründung vor über 70 Jahren haben sie diese Autonomie ermöglicht. Keine Armeepflicht für die Ultraorthodoxen, keine Beteiligung am Wirtschaftsleben, die Finanzierung unserer Religionsschulen. Und jetzt, 72 Jahre später, kämpfen wir mit der Corona-Pandemie. Und der Staat hofft, dass sich die ultra-orthodoxen Bürger an die Regeln halten.

— Israel Frey, Journalist

Israel hat eine der höchsten Corona-Infektionsraten der Welt. In der sogenannten säkularen jüdischen Bevölkerung – darunter sind durchaus gläubige Juden – sank die Zahl der nachgewiesenen Infektionen zuletzt. Gleiches geschah bei den arabischen Israelis. Bei den Ultraorthodoxen aber steigen die Zahlen trotz des sogenannten Lockdowns weiter. Das liegt nicht nur an Regelbrüchen. Die Charedim, wie die streng-gläubigen Juden auch genannt werden, leben häufig in sehr beengten, ärmlichen Verhältnissen. Das macht es schwerer, Abstand zu halten. Shuki Friedman schätzt, dass etwa die Hälfte der Charedim die Vorgaben des Staates schlicht nicht einhält. Er erforscht am israelischen Institut für Demokratie das Verhältnis zwischen Staat und Religion.

Die Gemeindemitglieder folgen den Anweisungen ihres Rabbiners. Nicht der Politik. Es geht hier um Werte. Und manche Rabbiner haben Angst, dass sie gewissermaßen die Seelen in ihren Gemeinden verlieren, wenn das religiöse Leben eingeschränkt wird. Gerade jetzt in der Zeit der hohen jüdischen Feiertage. Manche dieser Rabbiner sagen ganz klar: Das spirituelle Leben hat eine größere Bedeutung als das körperliche Leben. Sie machen das also ganz bewusst.

— Shuki Friedman, israelisches Demokratie-Institut

Wochenlang beklagten säkulare Israelis, dass die israelische Polizei in ultraorthodoxen Vierteln und Städten kaum aktiv wurde. Dass der Staat kein Interesse zeigte, die Regeln durchzusetzen. Kritiker werden Premierminister Netanjahu eine zu große Abhängigkeit und Nähe zu den ultraorthodoxen Parteien vor. Deshalb habe er diesem Teil der Bevölkerung so viel durchgehen lassen. Seit ein paar Tagen geht die Polizei aber gegen die illegalen Versammlungen vor. Manche ultra-orthodoxe Juden in Israel beschimpfen die Polizisten bei den Konfrontationen als „Nazis“. Dass sie ihre jüdischen Mitbürger mit den Mördern ihrer Vorfahren vergleichen – zumindest rhetorisch – zeigt, wie angespannt die Lage ist. Der Forscher Friedman ist sehr besorgt.

Ohne Zweifel werden die Corona-Krise und das Verhalten der ultra-orthodoxen Bevölkerung enorme negative Auswirkungen auf die Gesellschaft haben. Es wird jetzt noch schwieriger, die Spaltung zu überwinden und das Land zu vereinen. Große Teile der israelischen Bevölkerung machen die Ultraorthodoxen für die zweite Corona-Welle und den Lockdown verantwortlich. Und es wird lange dauern, bis wir die Spaltung in der Gesellschaft kleiner wird.

— Shuki Friedman, israelisches Demokratie-Institut
Im ultraorthodoxen Jerusalemer Stadtteil Mea Shearim kam es bei Polizeieinsätzen zu Ausschreitungen. Foto: reuters

Es gibt auch Szenen, die Hoffnung machen in diesen Tagen. An Feiertag Jom Kippur beteten viele Gläubige im Freien. So wie hier auf dem Rabin-Platz in Tel Aviv. Dort beteten ultra-orthodoxe und etwas liberalere Juden gemeinsam. Alle trugen eine Maske.

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