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Verschont und doch betroffen

Auch wenn es im Gazastreifen keinen Corona-Ausbruch gegeben hat, bekommen die Menschen die Pandemie stark zu spüren

Schon vor der Krise war die Lage schlecht und die Arbeitslosigkeit hoch. Immerhin aber konnten einige wenige mit Sondergenehmigungen über die Grenze, um in Israel zu arbeiten. Wegen Corona ist die Zahl der Ausreisen aber stark gesunken.

Von Benjamin Hammer
Am 18.07.2020

Auf dem Wochenmarkt in Deir al Ballach im Zentrum des Gazastreifens hoffen die Verkäufer auf ein gutes Geschäft. Bis vor wenigen Wochen herrschte eine Corona-Ausgangssperre. Jetzt sind die  Stände voller Auberginen, Tomaten und Gurken. Dennoch: Der Markt ist fast leer. Viel leerer als sonst, wie unser Mitarbeiter im Gazastreifen berichtet, der für uns vor Ort ist. Auslandskorrespondenten können den Küstenstreifen wegen des Coronavirus aktuell nicht betreten. Die wirtschaftliche Lage in Gaza war schon vor dem Virus schlecht. Jetzt haben viele Menschen noch weniger Geld zur Verfügung.

Ich muss Besorgungen machen. Es gibt so viele Dinge, die ich gerne kaufen würde. Aber ich kann es einfach nicht. Der ganze Gazastreifen wirkt verschlafen. Egal, wo man hingeht. In die Parks, ans Meer. Und die Märkte sind leer.

— Palästinenserin im Gazastreifen
Viel Obst und Gemüse - aber kaum Kunden: die Märkte in Gaza nach der Wiedereröffnung. Foto: dpa | picture alliance

Das neuartige Coronavirus hat sich im Gazastreifen bisher kaum verbreitet. Bisher wurden weniger als 100 Fälle dokumentiert. Das Horrorszenario, ein Ausbruch im armen, dicht besiedelten Küstenstreifen mit wenigen Intensivbetten, ist bisher also nicht eingetreten. Dies dürfte auch mit der weitgehenden Blockade des Küstenstreifens durch Israel und in Teilen durch Ägypten zusammenhängen. Israel begründet die Maßnahme mit Sicherheitsinteressen. Die Palästinenser lehnen sie strikt ab. Mochsen Abu Ramadan ist Politik-Analyst und lebt im Gazastreifen. Die Blockade sei eine Kollektivstrafe sagt er. Aber manchmal habe sie auch Vorteile.

Wegen der Blockade hat sich Covid-19 nicht verbreitet. Das macht mich und die meisten Menschen in Gaza glücklich. Zusätzlich hat unsere Verwaltung Maßnahmen gegen das Virus ergriffen und Einreisende unter Quarantäne gestellt und die Menschen so geschützt. Was aber die Blockade betrifft: Die ist sehr schlecht, weil sie sehr negative Auswirkungen auf das soziale und wirtschaftliche Leben in Gaza hat.

— Mochsen Abu Ramadan, Politik-Analyst

Auch wenn es kaum Infektionen gibt, hat die Corona-Pandemie längst wirtschaftliche Schäden im Gazastreifen verursacht. Vor der Krise hatten etwa 6.000 Palästinenser aus dem Gazastreifen eine Arbeitserlaubnis für Israel. Zum Beispiel Raed, Mitte 40, der nur seinen Vornamen nennen will. Raed erzählt, dass er in einem Schlachthof in Israel arbeitete und pro Monat umgerechnet etwa 1.300 Euro verdiente. Im Gazastreifen ist das sehr viel Geld. Aktuell befindet er sich im Gazastreifen in Quarantäne. Und wegen des Coronavirus darf er nicht zurück nach Israel.

Wenn das so weiter geht, werden wir Hunger leiden. Im Gazastreifen gibt es keine Arbeit und ich muss acht Familienmitglieder ernähren. Nur in Israel kann ich Geld verdienen.

— Raed, palästinensischer Arbeiter
Die Armut war in Gaza auch schon vor der Krise deutlich sichtbar. Foto: dpa | picture alliance

Arbeiter wie Raed haben ein weiteres Problem: Weil Israels Premier Netanjahu angeblich Teile des Westjordanlandes annektieren will, hat die Palästinensische Autonomiebehörde die Zusammenarbeit mit Israel eingestellt. Deshalb werden für Männer wie Raed im Moment keine neuen Arbeitsgenehmigungen ausgestellt. Der Übergang Erez zwischen Gaza und Israel ist im Moment so gut wie menschenleer. Miriam Marmur arbeitet für die israelische Organisation Gisha, die sich für mehr Bewegungsfreiheit für die Menschen in Gaza einsetzt. Im gesamten Monat Juni seien nur 218 Ausreisen von Gaza nach Israel dokumentiert worden, sagt sie. Im Februar waren es noch über 21.000.

Israel erlaubt es den Arbeitern nicht mehr, nach Israel zu gelangen. Übrigens im Gegensatz zu Palästinensern aus dem Westjordanland, die dürfen weiterhin einreisen. Die Auswirkungen im Gazastreifen werden längst deutlich. Tausende Arbeiter haben ihr Einkommen verloren. Das bedeutet, dass die Kaufkraft im Gazastreifen, die bereits vor Corona niedrig war, noch niedriger wird.

— Miriam Marmour, Menschenrechtsorganisation „Gisha“

Im Gazastreifen herrscht seit Jahren die Hamas. Zwar laufen im Hintergrund Verhandlungen zwischen Israel und der Bewegung über einen Gefangenenaustausch, vielleicht auch eine langfristige Waffenruhe. Aber dass die beiden verfeindeten Seiten in der Coronakrise zusammenarbeiten, ist fast ausgeschlossen. Israel betont, Menschen in medizinischen Notfällen ausreisen und medizinische Ausrüstung in den Gazastreifen zu lassen. Aus Sicht von Gisha, der israelischen Menschenrechtsorganisation, reicht das aber nicht. Sie fordert, dass Israel die Arbeiter wieder ins Land lässt und auch ohne die Palästinensische Autonomiebehörde neue Einreisegenehmigungen ausstellt. Auf dem Markt in Deir al Ballah bleibt es bis zum Vormittag leer. Die Arbeitslosenquote in Gaza hat neue Höchststände erreicht. Bei den jungen Menschen liegt sie bei fast 80 Prozent. In Gesprächen äußern manche Bewohner des Gazastreifens eine große Sorge: Dass die Welt sie vergisst und nicht mehr nach Gaza schaut – weil die meisten Länder da draußen in Zeiten der Corona-Pandemie viele eigene Sorgen haben.

Mitarbeit: Ahmed Younis

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1 thought on “Verschont und doch betroffen”

    sonic kid, Sonntag, 19.07.20, 10:39 Uhr

    'Im Februar waren es noch über 21.000 [Ausreisen nach Israel].' - eine beeindruckende Zahl für ein Gefängnis.

    ‚Im Februar waren es noch über 21.000 [Ausreisen nach Israel].‘ – eine beeindruckende Zahl für ein Gefängnis.