Foto: BR | Torsten Teichmann

Väterchen Frost in Nahost

Einwanderer feiern wieder Novi God – eine Mischung aus Silvester und Weihnachten

Lange Zeit war es verpönt, das russische Fest Novi God zu feiern – Einwanderer taten es alleine zu Hause, ohne darüber zu sprechen. Die junge Generation entdeckt die Tradition wieder für sich und lädt sogar Gäste ein.

Von Torsten Teichmann
Am 29.12.2016

Alex Rif packt Väterchen Frost aus. Eine Figur, die ausschaut wie ein Weihnachtsmann mit knöchellangem, pelzbesetztem Mantel. Allerdings ist der Mantel weiß und nicht rot. Diese Figur und anderen Schmuck haben Alex‘ Eltern aus der Ukraine mitgebracht, als sie Anfang der 90er Jahre wie hunderttausend andere nach Israel einwanderten. Die Dekoration gehört zu „Novi God“. Einem Fest aus der Zeit der Sowjetunion, mit Elementen von Silvester und Weihnachten. Alex erzählt, dass ihre Eltern die Kartons für den 31. Dezember in Israel nur noch daheim, fast heimlich öffnen wollten:

 

Wenn Du eine Überschrift für das Projekt finden willst, dann ist es: Schäme Dich nicht! Die Leute haben daheim immer Novi God gefeiert, aber nicht darüber gesprochen. Und als Kind brachte ich in der Zeit nur russische Freunde zu meinen Eltern nach Hause.

— Alex Rif, Mitgründerin des Projekts „Israeli Novi God“ 

 

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Zu groß war die Angst der Einwanderer aus den Sowjetrepubliken, in der Gesellschaft nicht als jüdische Israelis anerkannt zu werden. Eine berechtigte Sorge: Auch in diesem Jahr haben Rabbiner in Jerusalem Hotels aufgefordert, keine geschmückten Bäume aufzustellen. Und ein Baum auf dem Campus der Universität in Haifa gilt einem Rabbiner gar als Affront für die jüdische Identität. Für viele Familien war es in den 90ern deshalb einfacher, mit Traditionen zu brechen. Das galt für alle Bereiche des Lebens: Alex erzählt zum Beispiel von ihrem ersten Tag im israelischen Kindergarten. Die Mutter hatte sie rausgeputzt: mit Kleid, Schürze und weißem Puschel in den Haaren – wie in der Ukraine. Die Kinder hätten sich vor Lachen gebogen: „An dem Tag habe ich entschieden: Ich will nicht mehr russisch sein. Ich wollte so sein, wie alle anderen auch. Ich wollte nicht mehr russisch sprechen. Ich wollte die Kultur hinter mir lassen. Und erst seit Kurzem verstehen wir, dass sich der Versuch, so zu sein wie alle anderen – mit Zeit in der Armee, freiwilligem Jahr, Schule und nur israelischen Freunden – leer anfühlt.“

 

Ein falscher Pelzschal fürs neue Jahr

 

Sie nennen sich Generation 1.5 und entdecken ihre Wurzeln. Deshalb hat die 30-Jährige mit Freunden wie Albina Chizik das Projekt „Israeli Novi God“ gegründet. Sie schmücken den Jolka Baum und haben auch keine Angst mehr vor Geschenken: „Das kann ein Flugticket sein oder Kleinigkeiten wie ein neuer Pyjama. Als ich anfing, nur noch vegetarisch zu essen, schenkten mir meine Eltern einen Schal aus falschem Pelz. Denn in der Familie tragen alle echten Pelz und sie wollten mir auch so etwas geben.“ Auf ihrer Internetseite zählt ein Countdown die Zeit bis zum Fest. Außerdem laden auf der Seite Familien nicht Russisch sprechende Gäste ein, um am 31. Dezember gemeinsam zu feiern. Im vergangenen Jahr war das ein großer Erfolg, erzählt die Autorin.

 

Wir stoßen mindestens drei Mal am Abend an: Einmal 12 Uhr israelischer Zeit, dann 12 Uhr Moskauer Zeit und einmal wenn es 12 Uhr in dem Land ist, aus dem Du kommst. Es ist einfach ein weiterer Grund zu trinken. Und das Essen – vieles ist aus Mayonnaise gemacht. Das war besonders billig in der früheren Sowjetunion.

—Alex Rif, Mitgründerin des Projekts „Israeli Novi God“ 

 

Zurück zu den Wurzeln: Schriftstellerin Alex Rif hat das Projekt „Israeli Novi God“ mitgegründet – und Väterchen Frost bereits aufgestellt. Foto: BR | Torsten Teichmann

 

Die Rückkehr des Novi God ist Ausdruck eines wachsenden Selbstbewusstseins der jüngeren Generation. Die Abgeordnete Ksenia Svetlova verlangt, dass Schüler über das säkulare Fest unterrichtet werden. Und Alex‘ Freundin Albina freut sich schon auf das neue Jahr: Sie plant fürs Frühjahr ein Odessa-Festival. In Erinnerung an die Gegend, aus der ihre Familie stammt.

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