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Und plötzlich war er da

Vor 60 Jahren nahmen Mossad-Agenten in Argentinien den Mann fest, der den Holocaust mitorganisiert hatte: Adolf Eichmann

Nach der Staatsgründung war der Holocaust in Israel jahrelang ein Tabuthema. Dann brachten Mossad-Agenten Eichmann nach Israel. Mit dem Prozess wollte Israels damaliger Premier David Ben Gurion ein Zeichen setzen.

Von Benjamin Hammer
Am 11.05.2020

Um kurz nach 20 Uhr hatte Rafi Eitan sein Ziel erreicht. In seinem Auto befand sich der Mann, der den Holocaust mitorganisiert hatte – die Ermordung von sechs Millionen Juden: Adolf Eichmann. Rafi Eitan war Israeli, ein Agent des israelischen Geheimdienstes Mossad und Anführer einer extrem heiklen Mission. Und nun, am 11. Mai 1960, saß er mit Eichmann in einem Auto, mehr als 12.000 Kilometer von Israel entfernt, in einem Vorort von Buenos Aires in Argentinien.

Die größte Aufregung, die ich während der Operation verspürte, hatte ich, als der Mann bereits im Auto war. Ich stülpte ihm eine Decke über, hielt ihn mit beiden Händen fest. Und obwohl er schwach war, spürte ich mein Zittern. Meinen Herzschlag. Ich hatte das Gefühl, dass mein Herz vor lauter Aufregung explodieren würde. So etwas hatte ich noch nie empfunden. Dieses Gefühl: Dieser Mann befindet sich in meiner Gewalt.

— Rafi Eitan, Ex-Geheimdienstagent
Rafi Eitan nahm Eichmann fest. Im vergangenen Jahr ist er im Alter von 92 Jahren gestorben. Foto: dpa | picture alliance

Adolf Eichmann war ehemaliger Obersturmbannführer der SS. Im Reichssicherheitshauptamt plante er die Deportation und Ermordung der Juden. 15 Jahre lang hatte ihn dafür niemand zur Rechenschaft gezogen. Eichmann nannte sich in Argentinien Ricardo Klement und führte dort ein kleinbürgerliches Leben. Der NS-Mann arbeitete bei Mercedes-Benz und er verkehrte mit alten Kameraden – Nationalsozialisten, die sich ebenfalls nach Argentinien abgesetzt hatten. Es waren 15 Jahre vermeintliche Sicherheit für einen der Architekten des Holocaust. Dann kamen die israelischen Agenten.

Im Auto sagten wir ihm auf Deutsch, dass er keinen Mucks machen dürfe, sonst wäre sein Leben in Gefahr. Später sagte er dann, dass er sich sein Leben lang davor gefürchtet habe. Dass er es erwartet habe, dass Israelis ihn kriegen.

— Rafi Eitan, Ex-Geheimdienstagent
Israels damaliger Premier David Ben Gurion wollte Eichmann lebend – er wollte den Prozess. Foto: dpa | picture alliance

Vertreter der damals jungen Bundesrepublik wussten wohl bereits Jahre vor der Entführung, wo sich Eichmann befand. Doch sie blieben untätig. In der Bundesrepublik hatten es längst NS-Täter in wichtige Positionen des Staates geschafft. Die Regierung fürchtete, dass Eichmann über sie auspacken könnte, falls er verhaftet wird. Und so wandte sich der deutsche, jüdische Generalstaatsanwalt Fritz Bauer nicht an deutsche Ermittler, sondern an Israel, als er Informationen über Eichmanns Aufenthaltsort erhielt. Israel zögerte. Bauer machte Druck: Es bestehe Fluchtgefahr. Schließlich kam es zu der geheimen Mission, Eichmann wurde nach Israel geschmuggelt. Zwölf Tage nach dem Zugriff in Buenos Aires wandte sich Israels Premierminister David Ben Gurion an das Parlament und verkündete, dass sich einer der größten Nazi-Verbrecher nun in Israel befinde. Der israelische Historiker Tom Segev war damals 15 Jahre alt.

Ich kann mich noch gut daran erinnern. Das war wirklich eine unwahrscheinliche Sensation. Ein unwahrscheinlicher Schock. Der Mann ist jetzt hier, wirklich hier. Und Israel kann ihm den Prozess machen. Also: Wir, die Opfer, haben endlich, nach so vielen Jahren, die Möglichkeit bekommen, uns um unser eigenes Recht zu kümmern.

— Tom Segev, Historiker
Historiker Tom Segev beschreibt die Festnahme als Einschnitt. Foto: dpa | picture alliance

Eichmann in Israel – das war auch deshalb ein Schock, sagt Segev, weil in dieser Zeit im jüdischen Staat nur wenig über den Holocaust gesprochen wurde. Die Traumata und der Schmerz waren zu groß.

Das war die Zeit des großen Schweigens. Wir haben in der Schule nur sehr wenig darüber gelernt. Die Eltern haben es ihren Kindern nicht erzählt und die Kinder haben nicht gewagt, zu fragen. Und auf einmal war er da.

— Tom Segev, Historiker
Das Vernehmungsprotokoll von Eichmann. Foto: dpa | picture alliance

Er: Adolf Eichmann. Die Mossad-Agenten hätten ihn in Argentinien auch töten können. Israels Premier Ben Gurion aber wollte ein Zeichen setzen. Er wollte einen Prozess, sagt der Historiker Segev. Am 15. Dezember 1961, anderthalb Jahre nach der Entführung, wurde Adolf Eichmann von einem Gericht in Jerusalem zum Tode verurteilt.

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Kommentare

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2 thoughts on “Und plötzlich war er da”

    Lotte, Dienstag, 12.05.20, 18:55 Uhr

    ... und sogar in der SED (ein lange gut gehütetes Geheimnis). Ich habe mir lange Zeit gewünscht, dass im akademischen Bereich, in den besonders betroffenen Studiengängen Jura, Medizin, Ingenieurswesen ...

    … und sogar in der SED (ein lange gut gehütetes Geheimnis).

    Ich habe mir lange Zeit gewünscht, dass im akademischen Bereich, in den besonders betroffenen Studiengängen Jura, Medizin, Ingenieurswesen „aufgearbeitet“ wird.
    Nicht nur in Bezug auf die Täter (wer hat wie nach 1945 noch weiter Karriere gemacht).
    Sondern auch in Bezug auf die Ethik, das nach wie vor vorhandene, vom Nationalsozialismus geprägte Menschenbild bzw. den Umgang mit Menschen als verpflichtenden Studieninhalt.

    ariel, Dienstag, 12.05.20, 9:02 Uhr

    es ist eine schande, dass nach dem krieg die ex nazis bis auf wenige nicht verfolgt und zu rechenschaft gezogen wurden. und so landeten hunderte von ihnen im staatsapparat der brd sowie bei CDU, SPD u ...

    es ist eine schande, dass nach dem krieg die ex nazis bis auf wenige nicht verfolgt und zu rechenschaft gezogen wurden. und so landeten hunderte von ihnen im staatsapparat der brd sowie bei CDU, SPD und FDP.