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Terrorist oder Freiheitskämpfer?

Marwan Barghouti sitzt seit 2002 im Gefängnis. Israelis sehen in ihm einen Mörder, Palästinenser hingegen einen Helden

Seit knapp zwei Wochen sind hunderte palästinensische Gefangene im Hungerstreik. Sie fordern bessere Haftbedingungen. Den Streik angezettelt hat Marwan Barghouti. Ist es ein innenpolitischer Kampf und eine Machtdemonstration gegenüber Abbas? Ein Beitrag von BR-Reporterin Eva Lell.

Von Studio Tel Aviv
Am 28.04.2017

Marwan Barghouti als politischen Führer zu bezeichnen, das sei so, als würde man den syrischen Staatschef Baschar al-Assad einen Kinderarzt nennen. Das sagt Israels Premier Benjamin Netanjahu über den Anführer des Massenhungerstreiks. Das Bezirksgericht Tel Aviv hatte Barghouti im Jahr 2004 zu fünfmal lebenslänglich verurteilt wegen fünf Terrorattacken und Morden. Er selbst erkannte weder das Gericht noch das Urteil an und rief bei dem Prozess:

Jeder weiß, dass Marwan Barghouti für den Frieden kämpft, ich bin ein Mann des Friedens. Ich habe versucht, alles für den Frieden zu tun. Ich glaube, dass zwei Staaten für zwei Völker die beste Lösung ist.

— Marwan Barghouti

Barghouti, der Fatah-Politiker, gilt als Anführer der Zweiten Intifada, des Palästinenseraufstands, der im Oktober 2000 begann. Israel warf ihm vor, dem bewaffneten Arm der Fatah vorzustehen, der mehrere Anschläge auf Checkpoints und auf Zivilisten in Israel verübte. Barghouti selbst behauptet, er habe sich immer gegen das Töten von Zivilisten ausgesprochen. Im Gefängnis gab er im Jahr 2006 ein Fernsehinterview: „Es ist nicht zu rechtfertigen, das Zivilisten, Kinder und Frauen getötet werden. Das sollte klar sein, in Palästina und in Israel.“

Die Tageszeitung Haaretz zitiert Barghouti aber auch mit den Worten: Das Einzige, was Israelis verstünden, sei Gewalt. Seit 2002 sitzt Barghouti in Haft. In dem Fernsehinterview aus dem Jahr 2006 und in einem Gastbeitrag für die New York Times zu Beginn des Hungerstreiks beklagt er die Zustände in der Haft. Um die Haftbedingungen geht es auch bei dem Massenhungerstreik, zu dem Barghouti aufgerufen hat. Seit Mitte April sind über 1000 Häftlinge in den Hungerstreik getreten. Sie fordern ein Ende der Isolationshaft, bessere medizinische Versorgung, mehr Besuchszeiten für Angehörige. Israelische Politiker und Beobachter unterstellen Barghouti, eigentlich ginge es ihm um eine Machtdemonstration in Richtung seines parteiinternen Konkurrenten Mahmud Abbas, der laut israelischen Medien versucht, Barghouti politisch auszubooten.

Der einzige Grund für diesen politisch motivierten Aufruf, den der Mörder Barghouti gestartet hat, ist seine persönliche Notlage im Machtkampf um das Erbe Mahmud Abbas' in der palästinensischen Führung, der bereits zu beobachten ist.

— Tsachi Hanegbi, israelischer Minister für öffentliche Sicherheit

Barghoutis Sohn Qassam nennt diese Vorwürfe lächerlich. Auch Barghoutis Frau Fadwa setzt sich öffentlich für ihren Mann ein. Die Rechtsanwältin startete im Jahr 2013 eine internationale Kampagne in Süafrika. Das Ziel: die Freilassung ihres Mannes. Unterzeichnet wurde diese so genannte „Erklärung von Robben Island“ von acht Friedensnobelpreisträgern. Der Ort war symbolisch aufgeladen: die ehemalige Gefängniszelle des südafrikanischen Freiheitskämpfers Nelson Mandelas. Marwan Barghouti, der palästinensische Nelson Mandela. An diesem Mythos arbeitet die Familie Barghouti. Auf die Frage, ob er glaube, jemals das Gefängnis frei zu kommen, antwortet er im Jahr 2006:

Ich denke, es ist sehr klar, dass Israel uns nicht für immer wegsperren kann. Was ist in Südafrika passiert? Am Ende sind sie auf Nelson Mandela zugegangen und haben angefangen, mit ihm zu verhandeln.

— Marwan Barghouti

Barghouti gilt als einer der beliebtesten Politiker bei den Palästinensern. Das belegen Meinungsumfragen. Er gilt als möglicher Nachfolger von Palästinenserpräsident Abbas, der zunehmend an Rückhalt verliert. Schon bei seiner Verurteilung vor 13 Jahren schlossen Beobachter nicht aus, dass Barghouti eines Tages freikommen und zum politischen Verhandlungspartner für Israel werden könnte.

Kommentare

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9 thoughts on “Terrorist oder Freiheitskämpfer?”

    Dr. Pullmann Josef, Montag, 08.05.17, 15:41 Uhr

    Ihr Bericht erscheint durchaus objektiv. Nach dem Verhalten Netanjahu's gegenüber Gabriel und Steinmeier sollte die EU gegenüber Israel eine deutlich härtere Gangart einlegen! Jetzt ist es an der Zeit ...

    Ihr Bericht erscheint durchaus objektiv.
    Nach dem Verhalten Netanjahu’s gegenüber Gabriel und Steinmeier sollte die EU gegenüber Israel eine deutlich härtere Gangart einlegen!
    Jetzt ist es an der Zeit, einen eigenständigen Staat Palästina politisch anzuerkennen!

    gunther, Montag, 08.05.17, 14:04 Uhr

    Zumindest der aufopfernde Kampf des hungerstreikenden Barghouti ist anscheinend ein Fake. Er isst heimlich.

    Zumindest der aufopfernde Kampf des hungerstreikenden Barghouti ist anscheinend ein Fake. Er isst heimlich.

    gunther, Donnerstag, 04.05.17, 13:04 Uhr

    Soch noch eine Anmerkung zu Herrn K. der sich auf die Geschichte als Kontinuum beruft und damit seine geschichtswissenschaftliche Kompetenz betonen will. Merkwürdigerweise war der Tempelberg lange bev ...

    Soch noch eine Anmerkung zu Herrn K. der sich auf die Geschichte als Kontinuum beruft und damit seine geschichtswissenschaftliche Kompetenz betonen will.
    Merkwürdigerweise war der Tempelberg lange bevor es den Islam gab eindeutig jüdisch, mit Tempel. Auf Antrag von arabischen Staaten leugnet aber jetzt die UNO, dass es eine jüdische Verbindung zum Tempelberg gebe.
    Na, Herr K., wie halten Sie es mit Geschichte?

    Brigitte Karikari, Dienstag, 02.05.17, 19:01 Uhr

    "niemals waren weder arabische noch britische zivilisten, direkte ziele von juedischen untergrundskaempfern." Ne, natürlich nicht. Die Einwohner von Deir Jassin waren allesamt keine Zivilisten. Is kla ...

    „niemals waren weder arabische noch britische zivilisten, direkte ziele von juedischen untergrundskaempfern.“

    Ne, natürlich nicht. Die Einwohner von Deir Jassin waren allesamt keine Zivilisten. Is klar.
    Sie können es wohl nie lassen, Geschichte zu klittern. Aber wer hier eine Weile mitliest, der weiß, was er von Ihren Beiträgen zu halten hat

    Michael K., Samstag, 29.04.17, 2:37 Uhr

    Führende, jüdische Politiker, Generäle, ja Ministerpräsidenten haben ursprünglich in Untergrundsorganisationen gedient und Terroraktivitäten gegen die britische Mandatsverwaltung und gegen die palästi ...

    Führende, jüdische Politiker, Generäle, ja Ministerpräsidenten haben ursprünglich in Untergrundsorganisationen gedient und Terroraktivitäten gegen die britische Mandatsverwaltung und gegen die palästinensisch-arabische Bevölkerung durchgeführt.

    Die Intifada ist ein Aufbegehren gegen Besatzung und Unterdrückung. Barghouti’s Situation ist durchaus mit der der israelischen Terroristen vor und nach der Gründung Israels vergleichbar. Der von der UN ernannte Friedensvermittler Bernadotte wurde z.B. von israelischen Terroristen ermordet.

    Das sollte man bedenken, wenn Barghouti von den Palästinensern als bevorzugte Führungspersönlichkeit angesehen wird und es damit in besonderem Masse dem Frieden dienlich wäre. Man darf nicht vergessen, dass viele Palästinenser schon in frühen Jahren Bekanntschaften mit israelischen Gefängnissen gemacht haben, teilweise auch von Tortur berichten können, was Spuren hinterlässt. Eine Besatzungsmacht wird Widerstand immer als Terrorismus bezeichnen wollen.

      ariel, Samstag, 29.04.17, 23:59 Uhr

      niemals waren weder arabische noch britische zivilisten, direkte ziele von juedischen untergrundskaempfern. der arabisch-palasestinensischer terror hat sich fast ausschliesslich gegen zivilisten geric ...

      niemals waren weder arabische noch britische zivilisten, direkte ziele von juedischen untergrundskaempfern.

      der arabisch-palasestinensischer terror hat sich fast ausschliesslich gegen zivilisten gerichtet. anschlage auf buse, restaurants und diskos waren schon immer gewollt. flugzeugentfuehrungen und geiselnahme in den jahre vor der entstehung der PA war ein festes programm.

      dem barguti wurde direkte beteiligung an funf morgen nachgewiesen. er ist ein morder. wenn fur dich menschen, die israelis morden freiheitskaempfer sind, so ist es deine sache.

      gunther, Sonntag, 30.04.17, 7:10 Uhr

      Wie immer drückt sich Herr K. mit weitschweifigen Allgemeinplätzen und seiner permanent ermüdendenden Argumentation um die entscheidenden Fragen. War Barghouti nun an Morden beteiligt oder nicht? Was ...

      Wie immer drückt sich Herr K. mit weitschweifigen Allgemeinplätzen und seiner permanent ermüdendenden Argumentation um die entscheidenden Fragen. War Barghouti nun an Morden beteiligt oder nicht? Was rechtfertigt Terror und Mord? Gibt es dafür eine Rechtfertigung? Gibt es diese Rechtfertigung nur für eine Seite?
      Hinter Antiisraelismus versteckt sich Antisemitismus.

      Michael K., Dienstag, 02.05.17, 1:58 Uhr

      @ariel, gunther, ich glaube mein Kommentar ist ziemlich klar und eindeutig. Geschichte ist ein Continuum und man kann sich nicht immer nur eine Zeitspanne aussuchen, so wie sie gerade in das Bild eine ...

      @ariel, gunther, ich glaube mein Kommentar ist ziemlich klar und eindeutig. Geschichte ist ein Continuum und man kann sich nicht immer nur eine Zeitspanne aussuchen, so wie sie gerade in das Bild einer Besatzungsmacht passt. Wer behauptet jüdischer Terror war nie gegen Zivilisten gerichtet, der träumt und versagt sich der Wahrheit.

    gunther, Freitag, 28.04.17, 15:31 Uhr

    Es spielt absolutut keine Rolle, ob Barghouti das Gericht und/oder Urteil anerkennt. Allerdings wird die in der Überschrift gestellte Frage durch den Beitrag von Frau Lell nicht beantwortet. Dagegen i ...

    Es spielt absolutut keine Rolle, ob Barghouti das Gericht und/oder Urteil anerkennt. Allerdings wird die in der Überschrift gestellte Frage durch den Beitrag von Frau Lell nicht beantwortet. Dagegen ist implizit das Bestreben zu erkennen, Barghouti als Opfer darzustellen.
    Die Frage des Titels wird auch nicht durch die Aussage beantwortet, er sei einer der beliebtesten Politiker. Das hat ja wohl damit nichts zu tun.

    Im westjordanland und in Gaza werden Mörder zu Helden stilisiert, gefeiert und nach ihnen sogar Straßen und Schulen benannt.