Foto: Alex Goldgraber | ARD Tel Aviv

Foto: Alex Goldgraber | ARD Tel Aviv

Susanne Glass – Studioleiterin Fernsehen

Geboren 1970, Studium der Politikwissenschaften (PhD), Volkswirtschaftslehre und Soziologie. Rias-Media-Fellow Duke-Universität/North Carolina. Freie Mitarbeit u.a. bei Süddeutsche Zeitung, Rheinischer Merkur, Deutschlandfunk. Seit 1994 beim BR. Zunächst Chefin vom Dienst in der Hörfunk-Redaktion, News Moderatorin Bayern 3. 1999 – 2015 ARD-Korrespondentin Studio Wien für Österreich und Südosteuropa. Zunächst HF, dann TV/Studioleiterin. 2006 bis 2015 Präsidentin Verband der Auslandspresse, Wien. Lehrauftrag im Fach Medienwissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Das einzig Vorhersehbare am Auslandskorrespondentinnen-Leben ist, dass man nichts planen kann. Noch als Korrespondentin für Österreich und Südosteuropa habe ich mich einmal nachmittags in Wien  für einen Medien-Empfang vorbereitet, aber stattdessen stand ich ein paar Stunden später an der bulgarischen Schwarzmeerküste und berichtete über einen Terror-Anschlag auf einen israelischen Reisebus.
Als ich dann als Korrespondentin nach Israel kam, in der Überzeugung, dass solche traurigen Berichte jetzt einen beträchtlichen Teil meiner Arbeit ausmachen, saß ich in Tel Aviv am Strand, als die Meldung über die Attentate in Paris kam. Und wir drehten auf einer Dromedar-Farm in der Negev-Wüste, als der Terror in Brüssel die Welt erschütterte. Meine israelischen Freunde warnten mich daraufhin vor einem Europa-Urlaub: „Bleib hier, hier ist es sicherer!“

Vorurteilen und Klischees die facettenreiche Realität entgegenhaltend

Gerade in solchen Zeiten, in denen alle verunsichert sind und nach Antworten, Erklärungen, Zusammenhänge suchen, halte ich den Job der Auslandskorrespondenten für besonders wichtig. Weil gerade dann unaufgeregte, seriöse Reportagen und Hintergrundgeschichten nötig sind. Dazu gehört für mich, dass Journalisten auch Grautöne und offene Fragen zulassen, Vorurteilen und Klischees die facettenreiche Realität entgegensetzen. Und so ein wenig dazu beitragen können, dass sich Menschen unterschiedlicher Herkunft, Kultur, Religion und mit unterschiedlichen Träumen besser verstehen. Verstehen – zumindest im Sinne von begreifen, was den anderen antreibt.
Das war mein persönlicher Antrieb als ich 1999, mit 29 Jahren, meinem Chef in der BR-Nachrichtenredaktion sagte, dass ich mich als Kriegs- und Krisenreporterin fürs Kosovo melde. Es wurden dann 16 Jahre im ARD-Studio Wien, zuständig für insgesamt 12 Länder Südosteuropas. Vom Kosovo-Krieg über den Sturz Milosevics und den EU-Beitritt einiger dieser Länder bis zur Flüchtlingskrise habe ich diese Region begleitet. Über Schreckliches genauso wie über Schönes berichtet.
Und diese Hoffnung, ein wenig zum besseren Verständnis beizutragen, treibt mich auch weiterhin an. Nun seit 2016 im ARD-Studio Tel Aviv mit einem Team, das mich von Anfang an persönlich wie professionell begeistert hat. Und zuständig für eine Region, in der sich auf engstem Raum das gesamte Weltgeschehen widerspiegelt. In der die Menschen so tief traumatisiert und voll von Existenzangst sind. Gleichzeitig so voller Lebenslust und Gastfreundschaft.