Foto: BR | Benjamin Hammer

Stille Ostern

In Corona-Zeiten bleibt die sonst mit Pilgern gefüllte Jerusalemer Altstadt nahezu menschenleer

Nur, wer einen triftigen Grund hat, darf jetzt überhaupt noch nach Jerusalem reisen, auch an Ostern. Ungewöhnlich – aber nicht einzigartig. Vergleichbare Situationen hat es in der Geschichte der Stadt schon gegeben. 

Von Benjamin Hammer
Am 10.04.2020
Reportage aus der Jerusalemer Altstadt

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Reportage aus der Jerusalemer Altstadt

Beitrag: Mike Lingenfelser Kamera: Alex Goldgraber Schnitt: Ethan Spilkin

Bereits die Autofahrt von Tel Aviv nach Jerusalem ist außergewöhnlich. Etwa 20 Kilometer vor Jerusalem beginnt ein quälend langer Stau. Wer den passiert hat, trifft auf einen Kontrollposten der israelischen Armee. Mitten auf der Autobahn. Soldaten mit Mundschutz fragen jeden und jede, warum er oder sie nach Jerusalem will. Nur wer einen triftigen Grund hat, darf weiterfahren. Journalisten werden durchgelassen.

Eine der wichtigsten Gassen in Jerusalem – sonst voller Touristen, Pilgern und Einheimischen – ist nun menschenleer. Foto: BR | Benjamin Hammer

Jerusalem ist ganz anders als sonst. Die Parkhäuser vor der Altstadt, die sonst rappelvoll sind, stehen leer. Die wenigen Autofahrer parken einfach auf dem breiten Gehweg am Straßenrand. Strafzettel schreibt hier gerade niemand. Am Jaffa-Tor, das in die Altstadt führt, stehen israelische Polizisten. Ein weiterer Kontrollpunkt. „Wohin gehen Sie?“, fragt einer. Zur Grabeskirche. Dorthin, wo laut christlicher Überlieferung Jesus Christus gekreuzigt wurde. Dorthin, wo jetzt eigentlich hunderte Pilger wären. Vielleicht tausende. Es ist Karwoche in Jerusalem. Ostern, die wichtigste Zeit für die Christen der Stadt. Und für die Pilger.

Auch nahe der Grabeskirche ist kaum jemand zu sehen. Foto: BR | Benjamin Hammer

Hinter dem Jaffa-Tor lässt ein palästinensischer Händler das Tor zu seinem Geschäft herunter. Es kommt ja eh niemand. Die Altstadt von Jerusalem ist auf den ersten Blick so gut wie menschenleer. Es dauert teilweise Minuten, bis man in den Gassen anderen Menschen begegnet. In Jerusalem wird gerade neben Ostern auch das jüdische Pessachfest gefeiert. Eigentlich wäre hier kaum ein Durchkommen. Eigentlich.

Ich bin ja nun schon mehr als 30 Jahren mit dieser Stadt verbunden und 16 Jahre lebe ich hier. Ich kann wirklich sagen: Das ist meine Stadt. Das ist auch meine Heimat.

— Dieter Vieweger, Pfarrer und Archäologe

So wie jetzt hat auch Dieter Vieweger Jerusalem noch nicht erlebt. Er leitet das Deutsche Evangelische Institut für Altertumswissenschaft des Heiligen Landes und lebt auf dem Ölberg, nicht weit von der Altstadt entfernt. Wegen des Coronavirus haben wir das Interview jedoch aus der Ferne geführt. Viewegers Blick auf die Geschichte der Stadt zeigt, wie außergewöhnlich die Lage ist.

 

Hat es so etwas schon gegeben? Dass man 'par ordre du mufti' nicht in die Stadt kommen durfte und keine Ostern feiern konnte? Ich glaube, das hat es noch nicht gegeben. Aber es hat natürlich vergleichbare Dinge gegeben. Nämlich in Kriegszeiten, in Belagerungszeiten, in Pestzeiten. Wo dann Ostern eben ganz spärlich war oder ausgefallen ist. Wir sind Teil dieser Geschichte und jetzt haben wir unseren Teil auch durchzustehen.

— Dieter Vieweger, Pfarrer und Archäologe
In der Geschichte der Altstadt Jerusalems muss es schon mal so leer ausgesehen haben. Foto: BR | Benjamin Hammer

Die Altstadt von Jerusalem wird seit 1967 von Israel kontrolliert. Und so gelten hier die Regeln Israels im Kampf gegen das Virus. Es gibt strikte Ausgangsbeschränkungen. Kirchen, Synagogen und Moscheen sind für die Öffentlichkeit geschlossen. Prozessionen an Ostern wurden abgesagt. Gottesdienste werden in Minimalbesetzung und ohne die Gemeinden gefeiert.  Der Platz vor der Grabeskirche: Keine Pilger. Keine Touristen. Eine Nonne kommt eine Treppe herunter. Sie hält kurz inne. Verneigt sich in Richtung der Kirche. Läuft dann weiter. Die Nonne trägt einen Mundschutz und eine weiße Mütze mit einem roten Kreuz. Es ist still in Jerusalem. Die Vögel sind deutlich lauter, als die wenigen Menschen, die zu sehen sind.  Alle Restaurants und Geschäfte haben geschlossen. Auch das Restaurant mit dem Namen Aladin. Doch davor sitzen drei palästinensische Männer auf niedrigen Hockern. Mohammed, der Besitzer des Restaurants, ist etwa 65 Jahre alt.

Vor einem Jahr war es hier sehr voll. Das Geschäft lief gut. Zu dieser Jahreszeit an Ostern muss es eigentlich voll sein. Jetzt ist mein Restaurant geschlossen. Aber wissen Sie, das ist schon in Ordnung so. Menschenleben sind wichtiger. Die Gesundheit. Wenn Du gesund bist, kannst Du alles wiederkriegen. Nur Dein Leben, das kannst Du nicht wiederkriegen.

— Mohammed, Restaurant-Besitzer
Korrespondent Benjamin Hammer mit Schutzmaske in der Altstadt. Als Journalist darf er nach Jerusalem reisen. Foto: BR | Benjamin Hammer

Sein ganzes Leben habe er in Jerusalem verbracht, sagt der Palästinenser. Ob er die Altstadt schon einmal so leer erlebt hat?„Vielleicht während des Krieges von 1973, oder während des Krieges von 1967. Aber damals ging das nur ein paar Tage. Diesmal geht das schon seit einem Monat so.“ Der Restaurantbesitzer hofft, dass die Krise die so unterschiedlichen Menschen der Stadt vereint. Muslime, Christen, Juden. Streng-Religiöse, Säkulare. Es herrsche doch Gleichheit vor dem Coronavirus. Ein Wunsch, den der deutsche Pfarrer und Archäologe Dieter Vieweger nachvollziehen kann. Die Konflikte der Stadt und ihre Brüche, seien durch die Krise aber nicht plötzlich verschwunden.

Wir werden nach der Coronakrise aufwachen und alle Probleme weiter haben, die wir schon vorneweg hatten. Und wir werden sie lösen müssen. Ob wir das schaffen? Weiß ich nicht.

— Dieter Vieweger, Pfarrer und Archäologe
Der deutsche Archäologe und Pfarrer Dieter Vieweger wohnt auf dem Ölberg. In die Altstadt darf er wegen Corona nicht. Foto: dpa | picture alliance

Dieter Vieweger kann den Ölberg in diesen Tagen nicht wirklich verlassen. Und so nutzt er die Zeit für die Forschung. Und feiert Ostern im sehr kleinen Kreis.

Natürlich ist Ostern ein Fest der Massen, wenn sie an Jerusalem denken. Aber das ist ja gar nicht in dem Fest angelegt. Als Ostern war und die ersten Frauen zu dem leeren Grab gekommen sind und mit der Nachricht zurückkamen: „Der Herr ist auferstanden“. Da waren das zwei Leute.

— Dieter Vieweger, Pfarrer und Archäologe

Jerusalems Christen werden diesmal ein stilles Osterfest feiern.  So still, dass es in der jahrtausendealten Geschichte der Stadt, beinahe beispiellos ist.

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