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Spendenskandal oder haltloser Vorwurf?

Vor einem Jahr wurde gegen den World-Vision-Mitarbeiter Anklage erhoben – im September soll der Prozess weitergehen

Die Vorwürfe erhob Israel im Sommer 2016: Ein Mitarbeiter der Hilfsorganisation World Vision in Gaza soll über Jahre Hilfsgelder an die Terrororganisation Hamas abgezweigt haben. Mohammed el Halabi, der beschuldigte Mitarbeiter, bestreitet die Vorwürfe. Er befindet sich noch immer in einem israelischen Gefängnis.

Von Benjamin Hammer
Am 04.08.2017

Hilfsorganisationen leben von dem Vertrauen ihrer Spender. Am 4. August 2016 wird dieses Vertrauen in einem Fall jedoch in Frage gestellt. Israels Armee veröffentlicht an diesem Tag ein Video. Der Generalmajor Yoav Mordechai steht an der Grenze zwischen Israel und Gaza. Er wendet sich an die palästinensische Bevölkerung des Küstenstreifens.

Ich möchte heute mit Ihnen über die Terrororganisation Hamas sprechen, die Ihr Geld gestohlen hat, um ihre Terroragenda voranzutreiben. Dieses Mal hat die Hamas dabei eine rote Linie übertreten.

— Yoav Morderchai, Generalmajor

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Etwas später schaltet sich auch der israelische Premierminister ein. Benjamin Netanjahu sucht dabei gleich die Weltbühne: „Vor wenigen Tagen hat die Welt erfahren, dass die Hamas, die Terrororganisation, die den Gazastreifen kontrolliert, Millionen Dollar gestohlen hat von Hilfsorganisationen wie World Vision. Unschuldigen und verarmten Palästinensern wurde wichtige Hilfe verwehrt, die aus der ganzen Welt kam.“ Israel beschuldigt im Sommer 2016 auch die Mitarbeiter anderer Hilfsorganisationen. Die Vorwürfe gegen den Mitarbeiter von World Vision wiegen jedoch am schwersten. Mohammed el Halabi, leitender Mitarbeiter der Organisation im Gazastreifen, sei über Jahre ein verdecktes Mitglied der Hamas gewesen. Seit 2005 habe er bis zu 50 Millionen US-Dollar an Hilfsgeldern an die Hamas abgezweigt.

Die meisten Unterlagen bleiben geheim

Mohammed el Halabi, der nun seit über einem Jahr in einem israelischen Gefängnis sitzt, hat die Vorwürfe mehrfach zurückgewiesen. Sein Anwalt Maher Hanna sagt: Bisher wurden ihm keine Beweise für eine Tat präsentiert. Was den Fall el Halabi – auch ein Jahr nach der Anklageerhebung – so kompliziert macht: Die meisten Unterlagen und Informationen dürfen nicht veröffentlicht werden. So sagt der Anwalt Hanna gegenüber der ARD: Israel habe ihm geheime Ermittlungsergebnisse vorgelegt, die die Schuld seines Mandanten beweisen sollen. Er hingegen glaube, dass diese Ergebnisse el Halabi entlasten. Darüber sprechen dürfe er jedoch nicht, was Israel mit Sicherheitsbedenken begründet.

Auch Australien hat den Fall untersucht

Auf Verschwiegenheit treffen wir auch an einer anderen Stelle unserer Recherchen. World Vision hatte eine externe Beratungsfirma beauftragt, den Vorwürfen gegen ihren Mitarbeiter auf den Grund zu gehen. Seit wenigen Wochen gibt es die Ergebnisse dieser Untersuchung. World Vision legte sie auch den Israelis vor. Allerdings vereinbarten alle Parteien Stillschweigen. Immerhin verweist die Organisation auf frühere Statements, wonach ihr keinerlei Beweise für Verfehlungen ihres Mitarbeiters bekannt sind. Und auch die Regierung von Australien hat den Fall untersucht. Australien war lange Zeit der größte Geldgeber für die Arbeit von World Vision im Gazastreifen. Das Ergebnis der Prüfung: Es gibt keine Hinweise darauf, dass australische Hilfsgelder bei der Hamas landeten. Halil el Halabi, der Vater des World-Vision-Mitarbeiters, verfolgt das alles vom Gazastreifen aus.

Ich hoffe sehr, dass das Gericht fair ist. Mein Sohn ist unschuldig. Ich hoffe, dass sie ihn freisprechen. Mein Sohn hat sich immer ausschließlich für humanitäre Hilfe eingesetzt. Er gehört gar keiner palästinensischen Organisation an, auch nicht der Hamas.

— Halil el Halabi, Vater des World-Vision-Mitarbeiters
Halil el Halabi hatte am Tag der Verhaftung seines Sohnes auf ihn gewartet – doch Mohammed kam nicht nach Hause. Foto: BR | Peter Kapern

Wir haben die Sprecher mehrerer israelischer Behörden um eine Einschätzung gebeten. Diese wollen sich jedoch nicht äußern und verweisen darauf, dass der Gerichtsprozess noch nicht abgeschlossen ist. Der Prozess geht im September weiter. Auch World Vision will die Lage nicht weiter kommentieren. In einem früheren Statement verweist World Vision darauf, dass mehr als 1,1 Millionen Menschen im Gazastreifen auf Hilfe angewiesen sind. World Vision hat jedoch sämtliche Aktivitäten in Gaza gestoppt. Man sei zutiefst betroffen und besorgt über die negativen Auswirkungen auf jene Kinder und ihre Familien, die bisher von World Vision unterstützt wurden. Auch wenn der Fall el Halabi noch nicht aufgeklärt ist: Für die Hilfsorganisation hat er bereits gravierende Folgen. Auch die deutsche Bundesregierung hat ihre Förderung von World-Vision-Projekten im Gazastreifen seit einem Jahr ausgesetzt.

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Kommentare

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8 thoughts on “Spendenskandal oder haltloser Vorwurf?”

    gunther, Sonntag, 13.08.17, 9:53 Uhr

    Dass die internationalen Hilfsgelder im Westjordanland abgezweigt werden, um Renten an Terroristen und ihre Familien zu bezahlen, ist ja wohl ein Faktum, was auch die Bundesregierung bestätigt hat. Da ...

    Dass die internationalen Hilfsgelder im Westjordanland abgezweigt werden, um Renten an Terroristen und ihre Familien zu bezahlen, ist ja wohl ein Faktum, was auch die Bundesregierung bestätigt hat.
    Dass internationale Hilfen für Gaza für den Bau von Terrortunneln und die Anschaffung von Waffen durch die Hamas benutzt werden, ist ebenfalls Tatsache. Sogar Betonlieferungen aus Israel werden für den Bau von Tunneln benutzt.
    Wer also ist verantwortlich für das Elend?

    ariel, Freitag, 04.08.17, 9:11 Uhr

    die sache ist, dass je mehr hilforganisationen in gaza taetig sind, desto weniger verantwortung muss die hamas fuer die unterdrueckte bevoelkerung uebernehmen und desto mehr geld kann in die terrorinf ...

    die sache ist, dass je mehr hilforganisationen in gaza taetig sind, desto weniger verantwortung muss die hamas fuer die unterdrueckte bevoelkerung uebernehmen und desto mehr geld kann in die terrorinfrastrukutr und in bezahlung der bewaffneten banden gesteckt werden.

    das gleiche passiert in der pa. da wird bereits die haelfte der internationalen hilfsgelder dazu verwendet um die familien der getoeteten und verurteilte terroristen zu unterstuetzen. diejenigen welche fuer die begangene morde lebenslang einsitzen bekommen um die 3000 euro im monat.

    was den konkretten fall angeht, so lasst uns bis september abwarten. sein anwalt hat laut dem bericht die geheimen unterlagen gesehen und hat jetzt bis september zeit die verteidigung vorzubereiten.

      Axel Stolpe, Montag, 07.08.17, 23:22 Uhr

      Die Hamas wird it Sicherheit ihre Einnahmequellen haben, aber wir kennen sie nicht. Aber wir kennen sie nicht. Eigentlich kennen wir sie schon. Sie erheben Steuern. So landet Spendengelder über Umwege ...

      Die Hamas wird it Sicherheit ihre Einnahmequellen haben, aber wir kennen sie nicht. Aber wir kennen sie nicht. Eigentlich kennen wir sie schon. Sie erheben Steuern. So landet Spendengelder über Umwege bei der Hamas.

      martina, Dienstag, 08.08.17, 17:31 Uhr

      ariel und? sollen deswegen alle im absoluten elend leben? oder was ist dein lösungsansatz?

      ariel und? sollen deswegen alle im absoluten elend leben? oder was ist dein lösungsansatz?

      ariel, Mittwoch, 09.08.17, 11:42 Uhr

      martina, muss man den terror DIREKT bezahlen, nur damit die menschen nicht im absoluten elend leben? ganz davon abgesehen, dass es den allermeisten palaestinenser viel besser geht, als den arabern in ...

      martina, muss man den terror DIREKT bezahlen, nur damit die menschen nicht im absoluten elend leben? ganz davon abgesehen, dass es den allermeisten palaestinenser viel besser geht, als den arabern in anderen nicht oelreichen staaten.

      martina, Mittwoch, 09.08.17, 18:30 Uhr

      ariel. DIREKT bezahlt wird da nix! und auch in deutschland kommt jede familie eines straftäters nicht in sippenhaft. sprich sie bekommt sozialhilfe usw. und mit DIREKT unterstellst du auch, das intern ...

      ariel. DIREKT bezahlt wird da nix! und auch in deutschland kommt jede familie eines straftäters nicht in sippenhaft. sprich sie bekommt sozialhilfe usw. und mit DIREKT unterstellst du auch, das internationale hilfsgelder von den gebern bewusst den terror DIREKT finanzieren.

      dein argument, das araber in anderen nicht ölreichen staaten im noch größeren elend leben, finde ich mehr als zynisch. ehrlich gesagt, ekelt es mich bei dem satz!

      ariel, Samstag, 12.08.17, 22:43 Uhr

      martina, der dtl. vergleich hinkt, da nur diejenigen palaestinenser "hilfsgelder" bekommen, welche fuer terror einsitzen. moerder bekommen um die 3000 euro monatlich. das ist direkte unterstuetzung de ...

      martina, der dtl. vergleich hinkt, da nur diejenigen palaestinenser „hilfsgelder“ bekommen, welche fuer terror einsitzen. moerder bekommen um die 3000 euro monatlich. das ist direkte unterstuetzung des terrors. wer gelder an die pa gibt, beteiligt sich an dieser bezahlung. man kann auch nicht gelder an ISIS spenden und meinen, dass es fuer nahrungsmittel gedacht ist.

      mein vergleich mit anderen arabischen staaten ist auf kein fall zynisch. ich frage mich nur, wieso die palaestinenser so viel geld erhalten, obwohl es ihnen viel besser geht, als menschen in aegypten oder jordanien.

      ariel, Dienstag, 15.08.17, 9:31 Uhr

      hallo ariel, für ägypten wurden alleine in 2016 vom iwf 12 milliarden dollar als kredit beschlossen. auch in jordanien wurde hochgradig international alleine wegen der flüchtlinge gespendet. hier ist ...

      hallo ariel, für ägypten wurden alleine in 2016 vom iwf 12 milliarden dollar als kredit beschlossen. auch in jordanien wurde hochgradig international alleine wegen der flüchtlinge gespendet. hier ist es gerade schwierig, hilfe für jordanien und die in jordanien lebenden flüchtlinge zu unterscheiden.
      das was du kritisierst, damit gibt es in allen ländern probleme. zb in ägypten wegen der muslim bruderschaft.
      es ist und bleibt ein dilemma.