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Spannungen an Israels Nordgrenze

Die Sorge vor einem Stellvertreterkrieg zwischen Israel und iranischen Verbündeten wächst

Immer wieder hatte Israels Armee Angriffe gegen Iran-treue Milizen in Syrien geflogen. In den vergangenen Tagen soll Israel auch Ziele im Libanon angegriffen haben. Nun droht die Hisbollah mit Vergeltung. Ein Beitrag von BR-Reporterin Eva Lell.

Von Studio Tel Aviv
Am 28.08.2019

Die israelische Armee hat die Straßen im Norden Israels im Abstand von fünf Kilometern zur libanesischen Grenze gesperrt. Schon seit Sonntag sind Batterien des Raketenabwehrsystems Eiserne Kuppel aufgestellt. Die Bewohner nehmen die angespannte Lage relativ gelassen.

Wir haben keine Angst, aber wir sind wachsam. Ich wohne direkt am Grenzzaun, seit meiner Geburt. Ich kenne das nicht anders. Ich kann nicht sagen, ich hätte Angst. Sie provozieren uns ständig. Wir sind immer in Alarmbereitschaft.

— Yaniv Elhadiv, Bewohner von Nordisrael
Israel bereitet sich auf Gegenschläge der Hisbollah vor und hat Batterien des Raketenabfangschirms im Norden positioniert. Foto: reuters

Bereits in der Nacht zum Samstag hatte die israelische Regierung mitgeteilt, iranische Verbündete in Syrien angegriffen zu haben. Dass Israel die Bombardements öffentlich zugibt, ist ungewöhnlich und wird von Kommentatoren mit der in Israel anstehenden Wahl Mitte September in Verbindung gebracht, bei der Ministerpräsident Benjamin Netanjahu um seine Mehrheit fürchten muss. Bei dem Angriff am Wochenende starben zwei Mitglieder der libanesischen Hisbollah-Miliz, die in Syrien an der Seite des Assad-Regimes kämpft. Israel nannte den Angriff einen Präventivschlag, durch den Attacken auf Israel vereitelt worden seien.

Der Iran versucht, auf breiter Front mörderische terroristische Anschläge gegen den Staat Israel auszuführen. Israel wird weiterhin seine Sicherheit verteidigen, auf welche Art auch immer das notwendig sein wird. Ich rufe die internationale Gemeinschaft auf, den Iran dazu zu bringen, diese Angriffe einzustellen.

— Premier Benjamin Netanjahu
Israels Premier Netanjahu ruft die internationale Gemeinschaft auf, den Iran dazu zu bringen, die Angriffe einzustellen. Foto: reuters

Die Hisbollah und die libanesische Regierung werfen Israel vor, in den vergangenen Tagen zweimal auch Ziele im Libanon angegriffen zu haben. Die israelische Armee kommentiert diese Berichte nicht. Libanons Präsident Michel Aoun sprach von einer „israelischer Aggression“, die „einer Kriegserklärung“ gleichkomme. Hassan Nasrallah, der Anführer der Hisbollah, sagte in einer Rede in der libanesischen Hauptstadt Beirut am Sonntag: „Das ist ein Verstoß gegen die Vereinbarung nach dem Krieg im Jahr 2006. Das ist der erste und eindeutige Bruch.“ In seiner Rede vor Anhängern drohte Nasrallah dem Staat Israel:

Ich warne die israelische Armee an der Grenze von heute Nacht an: Seid in höchster Alarmbereitschaft und wartet auf uns. Wartet ein, zwei, drei, vier Tage, wartet auf uns.

— Hassan Nasrallah, Hisbollah-Chef
Der Hisbollah-Chef Nasrallah hat Israel mit einem Vergeltungsschlag gedroht. Foto: reuters

Zwei Tage später reagierte der israelische Regierungschef Netanjahu: „Ich habe gehört, was Nasrallah gesagt hat. Ich schlage ihm vor, sich zu beruhigen. Er weiß gut, wie Israel sich verteidigt und es seinen Feinden heimzahlt. Ich möchte ihm und der libanesischen Regierung, die Organisationen Schutz gibt, die uns zerstören wollen, ihnen und Quassam Soleimani, dem Chef der iranischen Quds-Brigade, möchte ich sagen: Seid vorsichtig mit dem, was ihr sagt und noch vorsichtiger in Eurem Handeln.“ Schon lange versucht der Iran, seinen Einfluss in der Region auszubauen. Immer wieder soll Israel pro-iranische Kräfte in Syrien bombardiert haben, ohne dies offiziell zuzugeben. Letzte Woche hatte ein Bericht der „New York Times“ Gerüchte befeuert, Israel habe iran-treue Milizen im Irak aus der Luft angegriffen. Mehrfach soll Israel Waffenlager bombardiert haben. Israels Premier Netanjahu bestätigte die Angriffe indirekt:

Wir gewähren keine Immunität. Der Iran hat keine Immunität, nirgendwo. Der Iran ist ein Land, eine Macht, die ihren Willen erklärt hat, Israel auszulöschen. Er versucht überall Stellungen gegen uns zu errichten. Im Iran selbst, im Libanon, in Syrien, im Irak.

— Premier Benjamin Netanjahu

Israelische Angriffe im Irak dürfte Israels engsten Verbündeten, den USA, wenig gelegen kommen, spekulieren Zeitungen. Befürchtet werden Vergeltungsschläge auf im Irak stationierte US-Truppen. Dass die USA Gespräche mit dem Iran führen wollen, während die Lage zwischen Israel und seinen Nachbarn zu eskalieren droht, bereitet Omer Bar-Lev Sorgen. Der ehemalige Offizier ist Mitglied der israelischen Arbeitspartei. Trotz der engen Beziehungen verfolgten die USA möglicherweise eigene, andere Ziele, sagt Omer Bar-Lev:

Wir müssen sehr aufmerksam sein. Sollte sich irgendeine Konfrontation mit der Hisbollah entwickeln, hinter der ohne Frage der Iran steht, und sollte der US-Präsident kurz darauf den Iranischen Präsidenten zu Gesprächen treffen, dann ist das sehr, sehr problematisch.

— Omer Bar-Lev, ehemaliger Offizier und Mitglied der Arbeitspartei

Auch die Spannungen an der Grenze zum Gazastreifen haben in den vergangenen Tagen zugenommen. Immer wieder wurden aus dem von der palästinensischen Hamas regierten Gazastreifen Raketen in Richtung Israel abgeschossen. Die israelische Armee reagierte jeweils mit Gegenangriffen. In Israel wächst daher die Sorge vor einen Mehrfrontenkrieg.

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1 thought on “Spannungen an Israels Nordgrenze”

    Florian, Mittwoch, 28.08.19, 10:11 Uhr

    Erst am 8. August hatte der Leiter der konservativen Denkfabrik Ammar, Mehdi Taeb, erklärt: „Der Iran hat den letzten Abschnitt in seinem Kampf gegen den zionistischen Feind erreicht. Der erste Schrit ...

    Erst am 8. August hatte der Leiter der konservativen Denkfabrik Ammar, Mehdi Taeb, erklärt: „Der Iran hat den letzten Abschnitt in seinem Kampf gegen den zionistischen Feind erreicht. Der erste Schritt war die Annäherung an die Grenzen Israels, der zweite Schritt wird es sein, Jerusalem zu erreichen.“ Die Denkfabrik Ammar steht dem iranischen Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei nahe. Mehdi Taeb ist zudem der Bruder von Hossein Taeb, der den Geheimdienst der Revolutionsgarden leitet.