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So viele Häuserräumungen wie nie zuvor

Beduinen im Westjordanland kämpfen um ihre Hütten – doch vielen droht der Abriss

Laut UN-Angaben sind im vergangenen Jahr 1089 Hütten, Häuser oder andere Einrichtungen von Palästinensern durch die israelische Verwaltung zerstört oder beschlagnahmt worden. Viele Beduinen leben bis heute mit einem Abrissbefehl und wissen nicht, wie lange sie noch bleiben können.

Von Torsten Teichmann
Am 06.01.2017

Achmed möchte später einmal studieren, Ingenieur werden und Häuser bauen. Achmed ist 14 Jahre alt, er geht noch zur Schule in Khan al Achmar, einem Beduinendorf im Westjordanland. Hier gibt es keine festen Häuser, sondern Hütten aus Wellblech, Holz oder manchmal nur Plastikplanen. Aber die Hütten und Ställe der Beduinenfamilien in Khan al Achmar haben einen Abrissbefehl der israelischen Militärverwaltung. Die Schule, die Achmed besucht, auch sagt seine Rektorin, Halima Saheika.

 

Das ist eine Gefahr für die gesamte Gegend. Denn das ist die einzige Grundschule für fünf verschiedene Gemeinden im Umkreis. Eine Zerstörung würde den Kindern eines ihrer Grundrechte nehmen – das Recht auf Bildung.

— Halima Saheika, Schulleiterin

 

Die Schule und die Hütten stehen auf palästinensischem Gebiet, das Israel als Besatzungsmacht vollständig kontrolliert. Und die Militärverwaltung schreibt auf Anfrage, dass Khan al Achmar von den zuständigen Behörden nie genehmigt worden ist. Deshalb hat die Grundschule seit ihrer Eröffnung einen Räumungsbefehl. Das UN-Büro zur Koordinierung Humanitärer Angelegenheiten in Jerusalem warnt, Israel habe im vergangenen Jahr so viele Räumungen gegen Palästinenser vollstreckt wie in keinem Jahr zuvor. In Khan al Achmar zerstörte die Armee zuletzt im September eine Hütte direkt neben der Schule. Eid Abu Khamis ist Sprecher der Gemeinde. Er zieht eine weiße Holzkiste in die Mitte seiner Hütte, neben den Ofen. Draußen schlägt der Regen auf Bretter und Bleche. Es ist jetzt Winter. Abu Khamis klappt den Deckel der Kiste auf und zieht Papiere hervor. Auch er hat einen Räumungsbefehl, gegen den die Gemeinde geklagt hat:

 

Ich gehe immer zu den Verhandlungen beim Obersten Gericht, ich spreche Hebräisch. Der Richter sagte: „Ich sehe Dich immer hier und Du sprichst immer über Dörfer. Nächste Mal musst Du Karten mitbringen, einen Masterplan, was für Dörfer sollen das sein?“ Also ging ich zur Palästinensischen Autonomiebehörde. Die sagten, sie haben kein Geld für Kartenmaterial.

— Eid Abu Khamis, Sprecher der Beduinen-Gemeinde

 

Weiter in Richtung Osten, im Jordantal, ist die Situation noch angespannter. Mhamed Mlihat al Kaabneh, das Oberhaupt der Gemeinde, steht etwas geschützt unter einem Blechdach. Aber hinter seinem Rücken sieht es so aus, als wolle der Winterregen das gesamte Dorf al Muarajat mitreißen. Ein Stall für Schafe hat dem Sturm bereits nachgegeben: „Wir können nur mit Holz und Blechen bauen. Im Sommer ist es kochend heiß und jetzt eisig kalt. Feste Hütten gibt es nicht. Auch Solaranlagen für den Strom sind nicht gestattet. “

 

Aus der Negev-Wüste ins Jordantal

 

Die Beduinen der al Kaabneh Familie lebten nicht immer so. Sie kamen 1948 ins Jordantal. Denn nach der Gründung des Staates Israel seien sie mit Tieren und Zelten aus der Negev-Wüste vertrieben worden, erklärt Mhamed. Sein Vater kaufte ein Stück Land nordwestlich von Jericho. Doch zu Beginn der 80er Jahre sei dort eine jüdische Siedlung entstanden, erzählt Mhamed. Seitdem klemmt der Stamm in al Muarajat zwischen sanften Hügeln und breiten Wadis fest. Ohne Baugenehmigungen, aber mit Abrissbefehlen und angewiesen auf ausländische Hilfe:

 

Wir haben eine Familie, deren Haus dieses Jahr drei Mal zerstört worden ist. Und auch schon zuvor. Aber einige Spender und Unterstützer sind gekommen und haben ihnen wieder zwei kleine Räume gebaut.

— Mhamed Mlihat al Kaabneh, Oberhaupt der Gemeinde

 

Die Hilfe aus dem Ausland führt zum Konflikt zwischen Israel und Europa. Entwicklungshilfeminister Gerd Müller erklärte bei seinem Besuch im Jordantal, es sei inakzeptabel, wie lang Deutschland auf israelische Genehmigung für Hilfsprojekte warten muss. Auf der anderen Seite verlangen Siedler und Mitglieder der Nichtregierungsorganisation Regavim von der israelischen Regierung, bestehende Räumungsbefehle im Westjordanland zu vollstrecken. Werden Hütten von der Armee zerstört, verlieren auch die Schulkinder meist alles. Die Grundschule von Khan al Achmar schafft Ersatz für Bücher, Rucksäcke und Schreibzeug. Verlorene Mitschriften kopieren die Klassenkameraden. Und dann beginnt die eigentliche Arbeit für Schulleiterin Halima Saheika:

 

Die Räumungen erzeugen viel Aggression. Nicht unter den Schülern selbst, aber gegenüber der israelischen Armee. Also haben wir ab dem frühen Morgen ein volles Programm: Es geht los mit der Nationalhymne, mit Musik, sie machen Sport, gehen in die Bibliothek – alles Aktivitäten, um die Kinder zu motivieren, sich auf das Lernen zu konzentrieren.

— Halima Saheika, Schulleiterin

 

Sie wollen bleiben. Israel will die Familien dagegen in eine Stadt bei Jericho umsiedeln. Das Argument: Die Schnellstraße hinunter ins Tal und ans Tote Meer müsse an der Stelle, wo Khan al Achmad liegt, breiter werden. Eine Straße, zu der die Beduinen selbst überhaupt keine direkte Zufahrt haben.

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Kommentare

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7 thoughts on “So viele Häuserräumungen wie nie zuvor”

    martina, Montag, 09.01.17, 14:04 Uhr

    ich habe mir die kommentare nicht nur hier durchgelesen, sondern bei vielen blogs hier. und bin entsetzt!!!!!!!! da ist je nach meinung israel ein apartheitsstaat, besatzungsmacht oder die palästinens ...

    ich habe mir die kommentare nicht nur hier durchgelesen, sondern bei vielen blogs hier. und bin entsetzt!!!!!!!!
    da ist je nach meinung israel ein apartheitsstaat, besatzungsmacht oder die palästinenser sind lügner, steinewerfer und terroristen.
    und ich kann beide seiten verstehen. aber es führt nur zu mehr toden. der mensch der anderen seite zählt nicht mehr. und die eigenen toden sind helden.
    und dann kommen immer wieder vergangenheiten zum tragen. oder es werden grundsätzliche fordungen aufgestellt.
    zb alle siedlungen abreißen oder alle hamas-mitglieder ins gefängnis. auch diese forderungen verstehe ich beide.
    aber das hieße dann real rache bis der letzte tod ist? bis nur noch kinder da sind, die dann zu toten werden?
    ICH BIN ÜBER DIE KOMMENTARE bei allen posts ECHT ENTSETZT. über die wertlosigkeit des menschlichen lebens der anderen seite.

    ariel, Montag, 09.01.17, 10:34 Uhr

    michael, darf eine beduinische familie ueberall siedeln? nach welchem recht? wurde es ihnen wenigstens von der palaetsinensischen autonomiebehoerde erlaubt? fehlzeichen. nur wiel du meinst, dass israe ...

    michael, darf eine beduinische familie ueberall siedeln? nach welchem recht? wurde es ihnen wenigstens von der palaetsinensischen autonomiebehoerde erlaubt? fehlzeichen. nur wiel du meinst, dass israel im unrecht ist, heisst es nicht dass jeder nach lust und laune ueberall siedeln darf.

    by the way, auch die autonomiebehoerde, reisst hauser ab und vertreibt beduinen.

    ariel, Samstag, 07.01.17, 21:48 Uhr

    mein empehlung an die "entwicklunghelfer", baut dort wo die autonomiebehorde regiert. da braucht man keine israelische genehmigung. was die beduinen angeht, so leben wir im jahr 2016. man kann nicht i ...

    mein empehlung an die „entwicklunghelfer“, baut dort wo die autonomiebehorde regiert. da braucht man keine israelische genehmigung. was die beduinen angeht, so leben wir im jahr 2016. man kann nicht irgenwo siedeln und hauser bauen, wo das land einem nicht gehort. was die „gekauftes“ land angeht, so glaube ich keinem wort. der kleinste beweis wuerde reichen um sie dort jahrzehne leben zu lassen. die israelische gerichte entscheiden meist gegen die siedler und fuer die palaestinenser. es gibt dutzende beispiele dafuer.

    Michael K., Samstag, 07.01.17, 20:44 Uhr

    Es ist unfassbar, wie ein Staat mit Menschen umgeht und sie unwürdig behandelt. Aber so führen sich Apartheidstaaten auf. Traurig ist, dass eine deusche Regierung dazu noch Schützenhilfe leistet und U ...

    Es ist unfassbar, wie ein Staat mit Menschen umgeht und sie unwürdig behandelt. Aber so führen sich Apartheidstaaten auf. Traurig ist, dass eine deusche Regierung dazu noch Schützenhilfe leistet und U-Boote zu günstigen Konditionen liefert, man sogar militärisch zusammenarbeitet und den Häuserkampf in Städten probt und sich auch noch jährlich zu Regierungskonsultationen trifft. Um die Vertreibung der Bedouinen und generell die laufende Zerstörung von Wohngebäuden gutzuheissen, um die weitere Kolonialisierung mit einem Augenzwinkern einfach zu übersehen? Es ist einfach schändlich. Trotz einmaliger Enthaltung im UN-Sicherheitsrat macht die USA dieses Spiel mit. Man fragt sich welche Werte diese Welt noch retten kann.

      ariel, Sonntag, 08.01.17, 14:26 Uhr

      michael, in welcher welt lebst du eigentlich? israel ist das einzige land weit und breit, wo es so was wie werte gibt. es gibt ein sehr kleines landkonflikt mit den arabern. sich auf eine seite zu ste ...

      michael, in welcher welt lebst du eigentlich? israel ist das einzige land weit und breit, wo es so was wie werte gibt. es gibt ein sehr kleines landkonflikt mit den arabern. sich auf eine seite zu stellen und israel fuer alles zu beschuldigen, ist nicht nur scheinheilig, sondern setzt auch falsche zeichen.

      wer auf land baut, dem einem nicht gehoert, wie es bei den beduinen der fall ist, sollte sich nicht wundern, wenn man rausgeschmiessen wird. zeige mir ein land, wo so was erlaubt waere?

      Michael K., Sonntag, 08.01.17, 20:47 Uhr

      Ariel, von welchem Land sprichst du, wenn du behauptest in keinem Land auf der Erde kann man auf Land bauen was einem nicht gehört? Du bist ein Meister einer Logik, die man sich in einem Apartheidstaa ...

      Ariel, von welchem Land sprichst du, wenn du behauptest in keinem Land auf der Erde kann man auf Land bauen was einem nicht gehört? Du bist ein Meister einer Logik, die man sich in einem Apartheidstaat einverleibt, um der Wahrheit nicht ins Auge sehen zu müssen. Wen jemand auf gestohlenem Land baut und sich dort im Schutze einer unterdrückerischen Besatzungsarmee ansiedelt, dann sind es israelische/jüdische Siedler.Es werden nicht nur die notdüftigen Unterkünfte der Bedouinen zerstört, sondern auch Häuser, deren Eigentümer Palästinenser sind. Mit welchem Recht bestimmt eine Besatzungsmacht über das Leben eines anderen Volkes, dessenLand es kolonisiert?
      Es sind israelische Soldaten und die militärische Verwaltung einer Besatzungsmacht, die arme Menschen mit ihrer Zerstörwut in noch tiefere Armut treiben, sie bei Kälte und Regen nach getaner Demolierungsaktion einfach ihrem Schicksl überlassen. Und solcher Werte rühmst du dich, sind israelische Werte? Ich würde mich schämen!

      wombat, Dienstag, 17.01.17, 8:31 Uhr

      Auch wenn das hier von den Israelfeinden immer wieder bestritten wird: viele der angeblich so bösen Siedlungen stehen auf Boden, der legal erworben wurde wofür es auch Eigentumsnachweise gibt. Anders ...

      Auch wenn das hier von den Israelfeinden immer wieder bestritten wird: viele der angeblich so bösen Siedlungen stehen auf Boden, der legal erworben wurde wofür es auch Eigentumsnachweise gibt. Anders sieht es bei diesen von Beduinen errichteten illegalen Siedlungen aus … aber nach Meinung der Palästinafreunde sollten jüdische Siedler von legal erworbenem Land vertrieben werden, Araber dagegen dürfen auch auf Land bauen, das ihnen nicht gehört. Seltsame „Logik“.