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Schüsse in Nablus

Die israelische Armee ist mit palästinensischen Sicherheitskräften zusammengestoßen – ein ungewöhnlicher Vorfall

Seit Jahren arbeiten israelische und palästinensische Sicherheitskräfte im Westjordanland miteinander – auch wenn das einige dort kritisch sehen. Der Vorfall in der Nacht zum Dienstag in Nablus hat viele überrascht. 

Von Benjamin Hammer
Am 12.06.2019

Ein Handyvideo, aufgenommen in der palästinensischen Stadt Nablus im Westjordanland, soll zeigen, was dort mitten der Nacht geschehen ist. Eine Straße ist zu sehen, Fahrzeuge mit Blaulicht. Offenbar hatten israelische Soldaten auf Sicherheitskräfte der palästinensischen Autonomiebehörde geschossen. Die Armee teilte mit, dass kein Soldat verletzt wurde. Laut palästinensischen Medienberichten wurde ein Palästinenser verletzt. Die israelische Armee veröffentlichte eine schriftliche Stellungnahme. In der Nacht habe die Armee in Nablus eine Anti-Terror-Operation durchgeführt.

Dabei kam es zu einem Feuergefecht zwischen israelischen Soldaten und einer Gruppe bewaffneter Männer, die von den Soldaten als Verdächtige angesehen wurden. Im Nachhinein stellten sich diese Männer als palästinensische Sicherheitskräfte heraus. Dieser Vorfall wird untersucht.

— Stellungnahme der Armee
Ein palästinensischer Sicherheitsmann zeigt auf die Einschusslöcher im Fenster. Foto: dpa | picture alliance

Dass israelische Soldaten und Sicherheitskräfte der Palästinensischen Autonomiebehörde aufeinander geschossen haben sollen, ist höchst ungewöhnlich. Israelische Journalisten berichten, dass es einen solchen Vorfall seit Jahren nicht mehr gegeben hat. Denn eigentlich arbeiten die Sicherheitskräfte beider Seiten zusammen. So gibt es Absprachen zwischen den Nachrichtendiensten, wenn Terror-Verdächtige festgenommen werden sollen. In anderen Fällen ziehen sich palästinensische Polizisten in ihre Amtsstuben zurück, wenn israelische Soldaten in palästinensische Städte eindringen. Ibrahim Ramadan war früher ein hochrangiger Vertreter der palästinensischen Sicherheitskräfte. Heute ist er der Gouverneur von Nablus, jener Stadt, in der es zum Zwischenfall kam.

Es wurde geschossen. Das ist doch ein Witz, dass sie jetzt sagen: Ja, wir haben auf die geschossen. Sie sind gekommen und haben das nicht mit uns koordiniert.

— Ibrahim Ramadan, Gouverneur von Nablus

Ibrahim Ramadan weist zurück, dass die palästinensischen Sicherheitskräfte das Feuer erwidert haben. Die sogenannte Sicherheitskoordination ist bei vielen Palästinensern unbeliebt. Sie werfen den Sicherheitskräften vor, mit der Besatzungsmacht Israel zu kollaborieren. Der palästinensische Präsident Abbas hat immer wieder damit gedroht, die Zusammenarbeit zu beenden. Allerdings profitiert auch er von der Kooperation, weil damit im Westjordanland innerpalästinensische Rivalen in Schach gehalten werden. In Israel wiederum herrscht weitgehend Konsens, dass durch die Kooperation Terroranschläge verhindert werden. So sieht es auch Shelly Yachimovitch von der israelischen Arbeitspartei.

Die Sicherheitszusammenarbeit ist Gold wert. Während Benjamin Netanjahu die Palästinensische Autonomiebehörde schlecht behandelt, bleibt die ausgezeichnete Zusammenarbeit bestehen. Gerade deshalb ist der Vorfall, der sich heute Nacht ereignete, sehr schwerwiegend.

— Shelly Yachimovitch, Arbeitspartei
Die Abgeordnete der Arbeitspartei Shelly Yachimovitch lobt die Sicherheitszusammenarbeit mit den Palästinensern. Foto: dpa | picture alliance

Im Moment bekommen palästinensische Sicherheitskräfte nur die Hälfte ihres Gehaltes ausgezahlt. Der Grund: Finanzprobleme der Autonomiebehörde, die wiederum auf einen Konflikt mit Israel um die sogenannten Märtyrerrenten zurückgehen. In israelischen Sicherheitskreisen wird befürchtet, dass die palästinensische Autonomiebehörde kollabiert – und mit ihr die Zusammenarbeit der Sicherheitsbehörden. Im vergangenen Monat wurde eine junge Palästinenserin festgenommen, die ein Selbstmordattentat in Israel geplant haben soll. Verhaftet wurde sie von palästinensischen Sicherheitskräften.