Foto: BR | Benny Riemer

Schicksalsentscheidungen

Die Gurlitt-Ausstellung Fateful Choices hat im Jerusalemer Israel-Museum eröffnet

Im Jahr 2012 gelang ein Sensationsfund in der Wohnung von Cornelius Gurlitt in München. Heute sind einige der Werke in Jerusalem ausgestellt. Ein Beitrag von BR-Reporter Benny Riemer.

Von Studio Tel Aviv
Am 25.09.2019

Die ersten Besucher der Gurlitt-Ausstellung in Jerusalem sitzen gegen 16 Uhr gebannt in dem kleinen dunklen Raum mit der Leinwand und den Lautsprechern. Eine gut zehnminütige Dokumentation erinnert an den Sensationsfund 2012 bei Cornelius Gurlitt in München: etwa 1.500 Kunstwerke, eine Sammlung von Gurlitts Vater Hildebrand, der einer der wichtigsten Kunsthändler der Nationalsozialisten war. Viele der Werke standen im Verdacht, jüdischen Besitzern geraubt worden zu sein. Bisher ist das aber nur bei sieben Stücken eindeutig erwiesen. Rund 80 Bilder aus der Gurlitt-Sammlung sind jetzt in Jerusalem zu sehen, rund um den Raum, in der die Doku in Dauerschleife läuft. Kuratorin Schlomit Steinberg versucht, die Besucher auf zwei Ebenen an den Menschen Gurlitt heranzuführen.

Man versteht das sehr schnell. Da sind zwei Gesichter, zwei Ebenen, zwei Farben. Eine ist sehr dunkel und hart, die andere sehr leicht und elegant. Man bekommt quasi zwei Dinge in einem.

— Schlomit Steinberg, Kuratorin
Die Kuratorin der Ausstellung, Schlomit Steinberg. Foto: BR | Benny Riemer

Die Werke stammen von bekannten Künstlern, darunter Otto Dix, Max Ernst, Erich Heckel, Claude Monet und Emil Nolde. Die Ausstellung besteht aus vier Teilen: zum einen die „entartete Kunst“, mit diesem Ausdruck hatten die Nazis bestimmte Werke damals diffamiert. Im zweiten Teil geht es um Gurlitts Zeit als Kunsteinkäufer im von den Nationalsozialisten besetzten Paris. Dann um den Sammler und den Düsseldorfer Museumsdirektor Gurlitt. Und schließlich um seine Familiengeschichte. Im ersten Augenblick mag es für die Besucher widersprüchlich erscheinen, dass Gurlitt jüdische Wurzeln hatte – aber trotzdem Geschäfte mit den Nazis machte. Die Kuratorin Steinberg glaubt aber nicht, dass seine Vorfahren großen Einfluss auf Gurlitt hatten. Er habe allein wegen seines Berufs zu den höheren gesellschaftlichen Kreisen dazugehören wollen – und ja, dabei auch Grenzen ausgetestet.

Der Balanceakt für ihn war nicht das mit den jüdischen Vorfahren. Das war gar nicht sichtbar für ihn. Gefährlich war immer: Wie weit kann ich gehen und mich selbst überzeugen, dass das was ich tue, legal ist und dem Wohle der Kunst dient. Daran müssen wir denken, wenn wir uns diese Ausstellung anschauen.

— Schlomit Steinberg, Kuratorin

„Fateful Choices“ heißt sie. Also: Schicksalsentscheidungen. Steinberg will damit sagen: Gurlitt hat in seinem Leben viele solcher Entscheidungen getroffen, die ihn am Ende zum Besitzer einer so großen Kunstsammlung machten. Eines der ausgestellten Werke ist der Entwurf von Max Liebermanns Ölgemälde „Zwei Reiter am Strand“ in Pastellfarben. Das von den Nazis beschlagnahmte und später von Gurlitt gekaufte Gemälde wurde vor vier Jahren den Erben um einen New Yorker Anwalt zurückgegeben. Der Kuratorin war es wichtig, diesen Entwurf zu zeigen. Und er berührt auch diese Besucherin aus Jerusalem.

Das ist hart, wirklich hart für mich daran zu denken was passiert ist. Dass Gurlitt profitiert hat vom Besitz jüdischer Familien. Das ist nicht gerecht. Aber auf der anderen Seite hat er diese Kunst gerettet, auch wenn er das gar nicht gewusst hat. Also ist das gut, aber auch schlecht, ich bin ambivalent.

— Besucher der Ausstellung
Im Dokumentationsraum erfahren die Besucher mehr über den Sensationsfund in München. Foto: BR | Benny Riemer

Ähnlich geht es diesem Besucher aus Deutschland, der aus den Medien immer wieder von der Gurlitt-Sammlung gehört – aber jetzt im Israel-Museum ganz neue Einblicke bekommen hat. „Ich hab gerade festgestellt, wie differenziert das von den israelischen Akteuren hier vom Museum dargestellt wird und es hat mich auch sehr beeindruckt, wie das in seiner historischen Dimension präsentiert wird. Ich finde gut, dass das jetzt so deutlich ins Bewusstsein, sowohl der deutschen wie auch der internationalen Öffentlichkeit gerät, dass das ein wichtiges Thema ist und dass hier auch Provenienzforschung betrieben werden muss.“ Bei der Herkunft der in Jerusalem gezeigten Werke ist aber eines klar: Bei keinem handelt es sich um NS-Raubkunst. Das hat das Museum durch eine aufwändige Überprüfung sichergestellt.

Google Maps-Vorschau - es werden keine Daten von Google geladen.