Sehnsucht nach der anderen Heimat

Kurden in Israel

Ein kurdisches Fest in Israel? Das mag erstmal ein wenig überraschend klingen. Nicht jedoch, wenn man bedenkt, dass heute nach Schätzungen etwa 200.000 kurdische Jüdinnen und Juden in Israel leben. Eingewandert sind sie größtenteils kurz nach der Staatsgründung Israels. Die meisten von ihnen wurden 1951-1952, gemeinsam mit anderen Juden aus dem Irak, im Rahmen einer israelischen Luftbrücke […]

Von Studio Tel Aviv
Am 05.11.2016

Ein kurdisches Fest in Israel? Das mag erstmal ein wenig überraschend klingen. Nicht jedoch, wenn man bedenkt, dass heute nach Schätzungen etwa 200.000 kurdische Jüdinnen und Juden in Israel leben. Eingewandert sind sie größtenteils kurz nach der Staatsgründung Israels. Die meisten von ihnen wurden 1951-1952, gemeinsam mit anderen Juden aus dem Irak, im Rahmen einer israelischen Luftbrücke über Zypern und dem Iran eingeflogen. Die Flugaktion ging unter dem Decknamen „Operation Esra und Nehemia“, oder auch „Operation Ali Baba“, in die israelische Immigrations-Geschichte ein.

Viele der ehemaligen Einwanderer fühlen sich der Kultur der  einstigen  Heimat  auch weiterhin  verbunden. Teils haben sie das an die in Israel geborene Generation weitergeben können. So bietet das jüdisch-kurdische Saharane-Fest in Jerusalems Sakher Park eine alljährliche Möglichkeit, bei Musik und Tanz das kurdische Identitätsgefühl aufleben lassen, ohne dabei die israelische Identität in Frage zu stellen. Außerdem kommt es dabei zu besonderen Begegnungen zwischen jüdischen und muslimischen Kurden aus aller  Welt.

Dabei hat man noch israelische Identitätspolitik pragmatisch gelöst, denn  das Saharane-Fest, das eigentlich ein Frühlingsfest ist, wurde in den 1970er Jahren auf den Herbst verlegt, damit das kurdische Fest nicht im Schatten der prominenten jüdisch-marokkanischen Mimuna steht – ebenfalls ein Frühlingsfest, das aus der Diaspora nach Israel mitgebracht wurde. Kurdische Juden aus dem Iran feiern ihre Saharane jedoch weiterhin am letzten Tag des Pessachfestes. Nicht alle internen Differenzierungen lösen sich auf, manche bleiben auch in der neuen Heimat erhalten.

 Autorinnen: Gabriele Shenar, Sarah Yona Zweig – Kamera: Alex Goldgraber – Ton: Moshe Lubliner – Schnitt: Ethan Spilkin

 

Ohne Gemeindeaktivisten läuft die Show nicht 

Ohne die vielen ehrenamtlichen Gemeindeaktivisten, die allerorts in Israel unterwegs sind, um diasporische Kultur und Tradition aufrechtzuerhalten, wäre das Saharane-Fest im Sakher Park sicher nie zustande gekommen. Saharane bedeutet „Picknick“ und das kann man schließlich überall und auch in kleinerem Rahmen veranstalten. Warum also zum Sakher Park eilen? Ein Signal für die verantwortlichen Organisatoren sich zu überlegen, wie eine größere Menschenmenge  mobilisiert werden kann. So gastierte dann der prominente kurdische Sänger Rikesh Sayrani auf der Saharane 2016. In unserer mobilen und vernetzten Welt wird auch jedes Publikum anspruchsvoller und sehnt sich danach, beliebte Stars auch vor Ort zu erleben. Deshalb muss das Saharane-Fest gut geplant werden. Dafür gibt es Aktivisten wie Yehuda Ben Yosef, den ehrenamtlichen Vorstand der kurdischen Gemeinden in Israel. Seit Jahren organisiert er die prominente Saharane-Veranstaltung im Sakher Park. Übernommen hat er den Posten von seinem Onkel, der 1975 durchdrückte, dass die Saharane während Sukkot, dem Laubhüttenfest, stattfinden soll. Eintrittskarten müssen die Feierlustigen nicht erwerben, denn die Veranstaltung wird größtenteils aus Spenden wohlhabender Gemeindemitglieder finanziert, meint Yehuda mit einem verschmitzten Lächeln. Auch die Jerusalemer Stadtverwaltung stellt Mittel zur Verfügung, wenn auch nur in geringem Maße. Bescheidenere Saharane-Feste ohne prominente Künstler finden auch in anderen Lokalitäten statt, vor allem in der Jerusalemer Umgebung. Ein Saharane-Fest kann viele Gesichter und Ausmaße haben.

 

Kurdistan wartet seit vielen Jahren auf Unabhängigkeit. Heute wird den Kurden wegen politischer Probleme zwischen der Türkei, Iran und den USA die Unabhängigkeit verweigert.

— Yehuda Ben Yosef

 

Yehuda ben Yosef ist Vorsitzender der kurdischen Gemeinde in Israel. Foto: aus Videobeitrag

Yehuda Ben Yosef ist Vorsitzender der kurdischen Gemeinde in Israel.  Foto: aus Videobeitrag

 

Das Saharane-Fest ist noch immer da

 

Entgegen aller Prognosen israelischer Sozialwissenschaftler kann das Saharane-Fest also auch heute noch eine ansehnliche Schar Feierlustiger mobilisieren, einschließlich der in Israel geborenen Generation. Laiendarsteller, Halbprofis, Tänzer, Musiker, Sänger sind mit diversen kurdischen Genres auf der Bühne dabei. Aus Kurdistan eingeführte Kostüme und Musikinstrumente, manche von sehr hohem persönlichen Wert, sind dabei nicht wegzudenkende Elemente eines jeden Saharane-Festes. Auch auf dem Platz vor der Bühne wird nicht nur fröhlich zugeschaut. Es werden Picknicks abgehalten, Freunde und Verwandte begrüßt. Und immer wieder finden sich Jung und Alt zusammen, um einen der traditionellen kurdischen Tänze mitzutanzen. Vielen gelingt das augenscheinlich recht gut, auch ohne vorherige Probearbeit.

 

Epische Gesangstradition und diverse kulturelle Einflüsse

 

Die traditionelle kurdische Musik fußt insbesondere auf einer epischen Gesangstradition und spiegelt die komplexen historischen und regional-kulturellen Einflüsse der Region Kurdistan wider. Tanzmusik, Hochzeits- und andere Feierlieder sowie Liebeslieder sind besonders beliebt. Typische kurdische Musikinstrumente wie Flöte, Oboe, Trommel und Schalmei sind meist dabei, aber auch traditionelle türkische und iranische Instrumente kommen zum Einsatz, und nicht zu vergessen: die arabische Kurzhalslaute, die Ud. In der modernen kurdischen Popmusik spielen elektronische Instrumente, Verstärker und Keyboard eine zunehmende Rolle. Das animiert immer wieder zu polarisierenden Diskussionen über die Rolle von Authentizität im Spannungsfeld zwischen Tradition und Moderne. An diesem Punkt scheiden sich die Geister immer wieder. Die zeitgenössische kurdische Musik knüpft jedoch an diverse und vielfältige ethnische, linguistische und nationale Traditionen an und wird heutzutage regional- und religionsübergreifend gefeiert. Moderne Medientechnologien sorgen dafür, dass prominente Sänger und Musiker auch über Landes- und Regionsgrenzen hinaus bekannt werden. So spielen regionale oder religiöse Unterschiede im Musikkonsum heute oft keine Rolle mehr. Im Gegenteil, moderne kurdische Popmusik und Tanz lassen eine kollektive kurdische nationale Identität fühlbar und greifbar werden. Einen besonderen Platz nimmt dabei auch das gemeinschaftliche Tanzen ein, wobei bemerkenswert scheint, dass Frauen und Männer die Gruppentänze auch weiterhin gemeinsam tanzen – eher ungewöhnlich im gegenwärtigen islamisch geprägten nahöstlichen Raum.

 

 

 

 

Egal welche Religion, man ist Kurde

 

Religiöse Identität soll für die moderne kurdische Identität keine Rolle spielen. Egal welche Religion, man ist Kurde. Das wird immer wieder aus kurdischen Kreisen verlautet und dabei beruft man sich gern auf ein Zitat von Mustafa Barzani, dem Vater von Masud Barzani, der seit 2005 das Amt des Präsidenten der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak bekleidet: Kurdistan ist das Land aller Religionen und ethnischen Gruppen. Auch im Lied, über das die jüdische Kurdin Ilana im Interview spricht, heißt es, dass alle  Kurden Freunde sind. Das sind positive Töne, die erst einmal sehr vielversprechend und ermunternd klingen, insbesondere für eine Region, die gegenwärtig im Chaos religiöser, ethnischer, nationaler und internationaler politischer Konflikte zu versinken droht. Trotz aller bestehenden internen Differenzen der diversen kurdischen politischen Gruppierungen im Irak, Syrien, der Türkei, dem Iran sowie auch dem Libanon sind sich so insbesondere die Kurden in den Autonomen Gebieten ihrer Vorbildrolle bewusst, wobei ein stolzer Unterton nicht zu überhören ist. Wie es mit dem Saharane-Fest und den Beziehungen Israels mit den Kurden weiter geht, steht jedoch weiterhin offen. Diese Frage birgt so auch ein tragisches Moment für friedliche Menschen wie unsere Protagonisten Ilana und Yousif . Dass muslimische Kurden die jüdischen Kurden sehr mögen, und auch umgekehrt, wie Ilana sagt, entspricht vielleicht nicht allerorts den Tatsachen. PKK-Chef Abdullah Öcalans antiisraelischen und antizionistischen Äußerungen sind nach wie vor ein Gegenbeispiel dafür. Politische Interessen sind komplex und divers, manchmal widersprüchlich. Und oft setzen sie sich über die Bedürfnisse und Ansichten friedfertiger Menschen hinweg. Das bleibt vorerst Realität. Trotzdem ist es gut zu wissen, dass Menschen wie Ilana und Yousif sich darüber hinwegsetzen wollen.  

 

Israel und die Kurden

Die Beziehungen zwischen Israel und den Kurden sind komplex. Nicht allein deshalb, weil es keinen kurdischen Staat mit einer einheitlichen Außenpolitik gibt, sondern vier hauptsächlich agierende kurdische Gruppierungen – in der Türkei, dem Iran, Syrien und dem Irak – zu denen Israel sehr unterschiedliche Stellungen bezieht, betont Ofra Bengio vom Moshe Dayan Zentrum in Tel Aviv. So unterscheiden sich beispielsweise Israels Beziehungen zur Kurdischen Arbeiterpartei (PKK) von denen, die Israel mit der Autonomen Kurdischen Region im Norden Iraks und der Demokratischen Partei Kurdistans unter Führung von Masud Barzani unterhält. Wichtig ist laut Bengio, dass zwischen öffentlichen und privaten Beziehungen zu unterscheiden ist und komplexe politische Konstellationen im Nahen Osten zu berücksichtigen sind. Die Beziehungen zwischen Israel und den Kurden bleiben so vorerst inoffizielle und teils im Schatten agierende.  Sollte die Autonome Kurdische Region jedoch die Unabhängigkeit erklären, dann müssen sich beide Seiten strategisch entscheiden. Ein kurdischer Staat würde die diplomatische Anerkennung durch Israel begrüßen, müsste aber dennoch seine Beziehungen zu den arabischen Staaten strategisch abwägen. Israel stünde dann eventuell vor dem Dilemma, sich für einen Bündnispartner – Türkei oder Kurdistan – entscheiden zu müssen. Die Zeit wird zeigen, welche Bündnisse Israel und ein möglicher kurdischer Staat eingehen werden.

Kommentare

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2 thoughts on “Sehnsucht nach der anderen Heimat”

    Katharina, Mittwoch, 16.11.16, 17:29 Uhr

    Eine äußerst informative Reportage, die einen sehr guten Einblick in eine zumindest für mich bislang unbekannte Bevölkerungsgruppe in Israel vermittelt. Dank an die Autorinnen

    Eine äußerst informative Reportage, die einen sehr guten Einblick in eine zumindest für mich bislang unbekannte Bevölkerungsgruppe in Israel vermittelt. Dank an die Autorinnen

    Lotte, Samstag, 05.11.16, 17:03 Uhr

    Was für eine schöne, informative Reportage ! Was für eine unglaubliche "Integrationsleistung" des jungen, sich immer wieder in Kriegen befindlichen und in den Anfängen über lange Zeit relativ armen St ...

    Was für eine schöne, informative Reportage !

    Was für eine unglaubliche „Integrationsleistung“ des jungen, sich immer wieder in Kriegen befindlichen und in den Anfängen über lange Zeit relativ armen Staates Israel – seit Staatsgründung an.
    Die Vielfalt innerhalb des Staates (und auch innerhalb der jüdischen Religion/Kultur/Tradition/Umsetzung ins Leben derselbigen) kann nur der nachvollziehen, der einmal dort war.

    Bitte: weiter so.