Foto: United King Films

Psychogramm des Attentäters

„Schreckliche Tage“ heißt der neue Film, der den Motiven des Mörders von Premier Jitzchak Rabin auf die Spur geht

Mehr als 100 Stunden sprach ein Mitarbeiter des Filmteams mit dem Rabin-Mörder Yigal Amir. Der sah sich auf religiöser Mission, wollte den Friedensprozess stoppen – und eine Erlaubnis von Rabbinern, um Israels Premier zu töten.

Von Tim Assmann
Am 04.11.2019

Die Tat steht am Ende dieses Films – und das ganz bewusst: „Es geht uns um den Weg, den der Attentäter nahm“, sagt Ron Leshem, Co-Autor des Drehbuches. Wir wollten zeigen, wie aus dem Jurastudenten Yigal Amir der Mörder des Premierministers wurde.

Den größten Einfluss auf ihn hatten die Demonstrationen, bei denen zum Teil Zehntausende den Premierminister einen Verräter nannten und nach einem Messias riefen, der das Land vor dem Friedensprozess retten sollte. Hunderte forderten den Tod des Premiers und Amir dachte sich, ich werde ihr Messias, ich rette das Land.

— Ron Leshem, Co-Autor des Drehbuchs
Drehbuch-Co-Autor Ron Leshem wollte zeigen, wie aus einem Jura-Studenten ein Mörder wurde. Foto: BR | Tim Assmann.

Der Film ist ein Psychogramm des Täters. Um ihn zu verstehen, gruben sich die Filmemacher tief hinein in Ermittlungsakten und Berichte von Psychiatern. Über Amirs Ehefrau gelang der Kontakt zum inhaftierten Attentäter. Ein Rechercheur des Teams telefonierte vom Haus der Frau aus insgesamt mehr als 100 Stunden mit Yigal Amir, der offen über seine Motivation sprach. Der gläubige Jude sah sich auf einer religiösen Mission. Er wollte die Annäherung Rabins an die Palästinenser, wollte den Oslo-Friedensprozess stoppen. Im Film ist nachgestellt, wie Amir versuchte, von verschiedenen Rabbinern die Erlaubnis für den Anschlagsplan auf Jitzchak Rabin einzuholen. Ein Rabbiner sagte zu Amir, es sei wichtig, Rabin und seine Minister zu warnen: Wenn sie diesen Weg weiter gehen, würde den Rabbinern keine andere Wahl bleiben, als religiöses Recht anzuwenden. Amir fragt nach:

Das heißt, wenn Rabin nicht mit Oslo aufhört, wird die Todesstrafe angewandt. Die Frage, die sich jetzt noch stellt, ist, ob es bei einer Warnung bleiben soll?

— Yigal Amir, Mörder von Premier Rabin

„Der Verstehende versteht“, lautet die vielsagende Antwort des Rabbiners, die Yigal Amir im Film offenkundig bestärkt. Welchen Einfluss Familie, Freunde, die religiöse Bar-Ilan-Universität, Rabbiner und der damalige Oppositionspolitiker und aktuelle Regierungschef Benjamin Netanjahu auf Amir hatten, steht im Mittelpunkt des Films, erklärt Co-Autor Ron Leshem.

Eingebautes Archivmaterial zeigt Netanjahus Rolle als Anstifter. Es gab viele Einflüsse auf Amir, von Politikern, Rabbinern und anderen. Die Politik des Hasses ist nun ein großes Problem in den USA, in vielen europäischen Ländern. Wir glauben, das hier ist eine weltweite Geschichte und die Politiker spielen darin natürlich eine Rolle.

— Ron Leshem, Co-Autor des Drehbuchs
Benjamin Netanjahu bei einer Gedenkveranstaltung für Jitzchak Rabin: Welchen Einfluss hatte sein Verhalten auf den Rabin-Mörder? Foto: dpa | picture alliance

Der Film ist die erste fiktive Annäherung an den Rabin-Mord, der die israelische Gesellschaft so aufwühlte. Zu zeigen, welchen Anteil nationalreligiöse Extremisten an der Tat hatten, ist aus Sicht von Ron Leshem mit Blick auf die aktuelle israelische Gesellschaft und Politik von großer Bedeutung.

Es geht um die Gegenwart, um die Zukunft, um Menschen, die den Glauben in die Demokratie verlieren, und um die Visionen dieser Gruppen für die Zukunft Israels. Wir nutzen die Geschichte des Rabin-Attentats, um diese Bedrohung zu beschreiben.

— Ron Leshem, Co-Autor des Drehbuchs
Vor 24 Jahren hat der Extremist Yigal Amir den damaligen israelischen Premier Jitzchak Rabin erschossen. Foto: BR | Tim Assmann

Israels Gesellschaft ist heute tief gespalten in rechts und links. Der ehemalige Geheimdienstagent Dvir Kariv vernahm Yigal Amir, nachdem er am 4. November 1995 Jitzchak Rabin in Tel Aviv erschoss – nach einer Großdemonstration für den Frieden. Der Ex-Ermittler Kariv hält Taten wie diese im Israel von heute für nicht unwahrscheinlich:

Die israelische Gesellschaft zog keine Lehren aus dem Rabin-Mord und deshalb geraten die Radikalen, sowohl die Rechten als auch die Linken,  weiter außer Rand und Band. Unsere Gesellschaft weiß nicht, wie sie damit umgehen soll. Ich bin sicher, dass ein nächster politischer Mord in Israel nur eine Frage der Zeit ist. Es muss nicht unbedingt der Mord an einem Premierminister sein, es kann auch einen Richter oder einen linksgerichteten Journalisten treffen.

— Driv Kariv, ehemaliger Geheimdienstagent
Gedenken an den Rabin-Mord am Anschlagsort in Tel Aviv: Könnte ein Attentat dieser Art noch einmal geschehen? Foto: BR | Tim Assmann

Der Film über den Attentäter Yigal Amir startete erfolgreich an den israelischen Kinokassen, gewann auch den wichtigsten nationalen Filmpreis und ist die diesjährige israelische Oscar-Bewerbung. In Israel läuft der Film übersetzt unter dem Titel „schreckliche Tage“. Der englische Titel lautet „Incitement“ – Anstiftung.

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