Foto: BR | Benjamin Hammer

Perspektivlos in Gaza

die Wirtschaft ist schwach, die Arbeitslosigkeit hoch – Nährboden für Kriminalität und Extremismus

„Zukunft der Arbeit“ – das ist der Titel der aktuellen ARD-Themenwoche. Im Gazastreifen bezweifeln die meisten Menschen, dass es so eine Zukunft überhaupt gibt. Benjamin Hammer berichtet.

Von Studio Tel Aviv
Am 04.11.2016

Vorsichtig schneidet die Seminarleiterin einen schwarz-weiß karierten Stoff. Aus ihm soll später ein Mädchenkleid werden. In der Werkstatt der Hilfsorganisation Almanal im Zentrum des Gazastreifens stehen etwa zehn Frauen. Das Seminar – ein möglicher Ausweg aus der Armut. Keine von ihnen hat einen Job. Eine der Frauen heißt Nuha Abu Sabra, sie hat sieben Kinder. Um ihre Familie zu unterstützen, möchte sie bald eine Schneiderei eröffnen.

Es geht uns nicht gut. Ständig muss ich mir von meinem Vater Geld leihen. Mein Mann hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Er verdient 500 Schekel im Monat.

— Nuha Abu Sabra, Seminarteilnehmerin

500 Schekel, das sind umgerechnet 120 Euro. Viel zu wenig, um zu überleben. Die Hälfte der knapp zwei Millionen Einwohner im Gazastreifen ist auf Lebensmittelhilfen angewiesen. „Die Bevölkerung ist verwundbar. Die haben einfach nichts. Wir können nur noch unterscheiden zwischen arm und extrem arm. Die Arbeitslosigkeit im Gazastreifen ist so hoch, wie sonst nirgendwo auf der Welt. Bei den Jugendlichen liegt sie bei 60 Prozent“, sagt Adnan Abu Hasna, Sprecher von UNRWA.

Manche rutschen in die Kriminalität

Selbst mit Schulbildung und Uniabschluss kommen junge Palästinenser im Gazastreifen nicht weiter. Diya Anbar hat zwei Universitätsabschlüsse: Ingenieurswissenschaften und Betriebswirtschaft. Trotzdem hat auch die 30-Jährige keinen Job: „Ich bin frustriert. Die Chancen, im Gazastreifen Arbeit zu finden, sind fast gleich Null. Es gibt Momente, da habe ich einfach keine Lust mehr.“ Adnan Abu Hasna von den Vereinten Nationen warnt: Der Frust bei jungen Palästinensern ist so groß, dass sie psychisch krank werden. 400.000 Palästinenser im Gazastreifen seien betroffen. Manche würden jetzt klauen und Drogen nehmen – Dinge, die es in der konservativen Gesellschaft in Gaza eigentlich nie gegeben habe.

Die jungen Menschen haben nichts zu verlieren. Sie haben keine Zukunft, keine Hoffnung, keine Jobs. Sie dürfen ja noch nicht einmal den Gazastreifen verlassen. Die Zahl derer, die sich Extremisten anschließen, steigt immer weiter. Wir sind uns dieser Gefahr sehr bewusst.

— Adnan Abu Hasna, Sprecher von UNRWA

Rund 200 US-Dollar pro Monat zahlen bewaffnete radikale Organisationen wie der islamische Dschihad. Für junge Männer ein attraktives Angebot. Die Absolventin Diya Anbar hat sich fest vorgenommen, nicht auf die schiefe Bahn zu geraten. Anbar will sich auf Werbung im Internet spezialisieren. Denn das Netz kennt keine Grenzen und keine israelischen Blockaden. Nach UN-Angaben arbeiten schon über 10.000 Gazaner über das Internet für Firmen im Ausland. Für Google, Microsoft und sogar für israelische Unternehmen. Diya Anbar würde den Gazastreifen am liebsten verlassen. Auf die Frage, wo sie am liebsten leben würde, zögert sie nicht lange. „Deutschland“, sagt sie, „ja, das ist mein Traum!“

Kommentare

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13 thoughts on “Perspektivlos in Gaza”

    gunther, Samstag, 05.11.16, 9:04 Uhr

    Das finde ich nun richtig gut: "Verteidigung" ist das Synonym für Attentate, Mord? Was passiert denn in Israel? Wer punmpt denn Millionen nach Gaza? Was geschieht mit den Geldern?

    Das finde ich nun richtig gut: „Verteidigung“ ist das Synonym für Attentate, Mord? Was passiert denn in Israel? Wer punmpt denn Millionen nach Gaza? Was geschieht mit den Geldern?

    Lotte, Freitag, 04.11.16, 13:52 Uhr

    Ein schönes Photo mit einem Hauch Nostalgie durch das vorbeitrappelnde Pferd - könnte man meinen. Einen kurzen, verwunderten Augenblick hatte ich einen fast identischen Anblick vor 3 Jahren - nur in d ...

    Ein schönes Photo mit einem Hauch Nostalgie durch das vorbeitrappelnde Pferd – könnte man meinen.
    Einen kurzen, verwunderten Augenblick hatte ich einen fast identischen Anblick vor 3 Jahren – nur in der Ben Yehuda Strasse und in Tel Aviv.
    Dem folgte mal wieder eine spannende, lange Erzählung „wie alles hier mal war“, eine lebendige Geschichtsstunde über Jahrzehnte, „meines Jeckes“ 🙂

    Was also ist der Unterschied zwischen den Gesellschaftsformen?
    Warum wurden/werden mal wieder freie palästinensische Wahlen verschoben?
    Wo versacken all die Hilfsgelder, warum und wozu?
    Welche Machtkämpfe, Einflussnahmen, terroristische Fehlentwicklungen spielen sich gerade in den verschiedenen palästinesischen Gebieten (und in der arabischen Welt) ab – wie sind die Hintergründe und Zusammenhänge?
    „Israelische Blockaden“ (oder „Besatzung“, je nach Bericht), einfach so, als alleinige Erklärung – ich hoffe, dass glauben Sie selbst nicht.

    gunther, Freitag, 04.11.16, 9:51 Uhr

    Abgesehen davon, dass das Studio in den letzten Monaten vermehrt auf Mitleidsdramatik mit Gaza und Westjordanland setzt, sollten sich die geschätzten Journalisten auch einmal darum kümmern, wofür die ...

    Abgesehen davon, dass das Studio in den letzten Monaten vermehrt auf Mitleidsdramatik mit Gaza und Westjordanland setzt, sollten sich die geschätzten Journalisten auch einmal darum kümmern, wofür die Hilfsgelder für Gaza verwendet werden.
    Wie viel wird in den Tunnelbau gepumpt? Ziel unbekannt?
    Wie viel in den Kauf und Bau von Waffen?
    All das interessiert einen um Aufklärung bemühten Journalisten nicht?
    Wie kommt denn das?

      Doris, Freitag, 04.11.16, 13:42 Uhr

      Gunther sie sind wirklich sehr einseitig. Wo sind denn die Berichte über Israel, dass Milliarden aus den USA und Deutschland in Waffen, Bomben, Atombomben und die Unterdrückung und Besatzung eines and ...

      Gunther sie sind wirklich sehr einseitig. Wo sind denn die Berichte über Israel, dass Milliarden aus den USA und Deutschland in Waffen, Bomben, Atombomben und die Unterdrückung und Besatzung eines anderen Volkes investiert. Sorry, aber sie sehen nur die eine Seite und blenden die andere aus. Solange Israel die Palästinenser unterdrückt und ihr Land besetzt ist es völlig normal, dass die Palästinenser versuchen sich auch mit gewallt gegen die Unterdrückung zu verteidigen. Sie wollen den Palästinensern das Recht auf Verteidigung absprechen gegen die Milliarden die Israel in Waffen und Terror pumpt haben sie jedoch nichts einzuwenden. Das ist Heuchlerisch!

      ariel, Sonntag, 06.11.16, 10:22 Uhr

      das kann man doch nicht vergleichen. israel inverstiert in waffen. keine frage. aber israel investiert auch in die eigen bevoelkerung, wasserversorgung, strom, staatsstrukturen etc. dazu kommt noch, d ...

      das kann man doch nicht vergleichen. israel inverstiert in waffen. keine frage. aber israel investiert auch in die eigen bevoelkerung, wasserversorgung, strom, staatsstrukturen etc. dazu kommt noch, dass israel ausser der hamas auch andere feine hat.

      hamas investiert in waffen, dabei kommt die eigene bevoelkerung viel zu kurz. gaza ist frei. sie koennen die waffen niederlegen und die blockade wird SOFORT abfallen.

      man kann es drehen und wenden wie man will, aber die aufhebung der blockade liegt NUR in den haenden von hamas.

      liebe doris, hamas hat sich fuer waffen und krieg entschieden und da kann israel nichts machen. die waffengewalt hat nur dann sinn, wenn es zu etwas bringt. was erreicht hamas mit dem krieg? das einzige was sie erreichten ist die seeblockade.

      daher ist es voellig recht zu fragen, wieso hamas in waffen statt in dei bevoelkerung investiert.

      Michael K., Montag, 07.11.16, 1:23 Uhr

      Komisch, dass der Unterdrücker das alleinige Recht beansprucht in Waffen investieren oder deren Finanzierung von anderen Staaten erbetteln zu können. Es ist mehr als traurig, dass man Israel militäris ...

      Komisch, dass der Unterdrücker das alleinige Recht beansprucht in Waffen investieren oder deren Finanzierung von anderen Staaten erbetteln zu können. Es ist mehr als traurig, dass man Israel militärisch unterstützt, solange es Besatzungmacht ist und militärische Stärke für die Unterdrückung der Palästinenser einsetzt.

      Ein Volk wird unterdrückt und ihm wird jede Möglichkeit genommen wirtschaftlich auf eigenen Beinen zu stehen. Daher ist dieses Volk, vertriebene Flüchtlingen im eigenen Land, auf Hilfsgelder angewiesen. Es ist eine Anmassung als Fürsprecher einer Besatzungsmacht, also als der Verursacher des Problems, danach zu fragen wie Hilfsgelder angewandt werden. Abhilfe zu schaffen, um Menschen aus der Not zu helfen, das wäre doch die richtige Antwort. Nein, das auf dem Boden liegende Opfer soll noch einen hämischen Tritt verabreicht bekommen. Eine sehr zynische Sichtweise.

      ariel, Montag, 07.11.16, 10:42 Uhr

      keiner spricht den palaestinenser das recht ab sich zu bewaffnen. das habe ich nie geschrieben. die frage ist, ob es auf die kosten der eigener bevoerlkerung geschiet oder ob es jemanden nuetzt? die a ...

      keiner spricht den palaestinenser das recht ab sich zu bewaffnen. das habe ich nie geschrieben. die frage ist, ob es auf die kosten der eigener bevoerlkerung geschiet oder ob es jemanden nuetzt?

      die antwort darauf weisst du ganz genau, auch wenn du es niemals zugeben wuerdest.

    renate, Freitag, 04.11.16, 8:47 Uhr

    Wo liegen die Hauptursachen für das Problem? Sollte man es nicht besser beschreiben, statt alles offen zu lassen um aber gleichzeitig im Nebensatz die "israelischen Blockaden" zu benennen, die dann in ...

    Wo liegen die Hauptursachen für das Problem? Sollte man es nicht besser beschreiben, statt alles offen zu lassen um aber gleichzeitig im Nebensatz die „israelischen Blockaden“ zu benennen, die dann in den Köpfen zu Haupthindernissen für freie Einblicke werden?
    Grundsätzlich ist nichts dagegen einzuwenden, Raum für Interpretationen zu lassen. Wichtig dabei ist mMn nur und vor allem das notwendige Hintergrundwissen. Ich vermisse zunehmend sachliche und genauere Informationen in diesem Blog. Ich wünsche mir eine/n leitende/n Nahostkorrespondente/in der/die darauf achtet! Gerade bei den wichtigen Themen, die unsere Anteilnahme brauchen, ist Vorsissetzung, dass genau, und wenn schon Nebensätze einfliessen sollen, umso differenzierter, berichtet wird.

      Michael K., Montag, 07.11.16, 1:00 Uhr

      Man muss schon ziemlich abgestumpft sein, wenn man einfach nicht verstehen will, dass eine Bevölkerung leidet und warum sie leidet. Gefangen zu sein in einer kleinen Enklave, nicht die Freiheit zu hab ...

      Man muss schon ziemlich abgestumpft sein, wenn man einfach nicht verstehen will, dass eine Bevölkerung leidet und warum sie leidet. Gefangen zu sein in einer kleinen Enklave, nicht die Freiheit zu haben, Gaza verlassen zu können, von einer fremden Militärmacht kontrolliert zu werden, an der eigenen sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung täglich gehindert zu werden, von Sicherheitszäunen und Soldaten umgeben zu sein, Waren nicht nach Belieben ein- und ausführen zu können, das ist doch nicht normal. Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, die kaum noch wahrgenommen wird. Eine menschenverachtende, menschenunterdrückende Politik wird nur noch als eine Banalität wahrgenommen. Wie genauer willst du es noch beschrieben haben? Du willst keine Erkenntnis haben, sondern fragst nach der Absolution für die israelisch Besatzung und die damit hergehende Unterdrückung von Millionen von Menschen.

      wombat, Donnerstag, 10.11.16, 11:46 Uhr

      Sie blenden natürlich aus, dass diese Absperrungen das Resultat einer palästinensischen terrorwelle sind - davor konnten sich die Bewohner Gazas frei in ganz Israel bewegen. Ebenso ist die Abriegelung ...

      Sie blenden natürlich aus, dass diese Absperrungen das Resultat einer palästinensischen terrorwelle sind – davor konnten sich die Bewohner Gazas frei in ganz Israel bewegen. Ebenso ist die Abriegelung des Gazastreifens durch Ägypten die Reaktion auf von der Hamas verübte Anschläge im ägyptischen Sinai. Ich fürchte, solange die Hamas sich zum „bewaffneten Kampf“ bekennt und durch eine Mehrheit der Bevölkerung unterstützt wird, muss jede Lieferung nach Gaza auf Waffen untersucht werden …

    Doris, Freitag, 04.11.16, 8:29 Uhr

    Ich bin der Meinung, dass man als Deutschland eine besondere Verantwortung den Palästinensern gegenüber hat. Schließlich war der Holocaust mitverantwortlich dafür, dass immer mehr Juden nach Palästina ...

    Ich bin der Meinung, dass man als Deutschland eine besondere Verantwortung den Palästinensern gegenüber hat. Schließlich war der Holocaust mitverantwortlich dafür, dass immer mehr Juden nach Palästina sind und die dort lebenden Palästinenser vertrieben haben. Deutschland hat das mit unterstützt und gefördert. Deswegen sollte Deutschland entweder dafür eintreten, dass die Palästinenser ihr Land von den Israelis zurück bekommen oder alle Palästinenser nach Deutschland einladen und sie für ihren Verlust selbst entschädigen. Es wurden genug Atom-U-Boote und andere Waffen für Israel bezahlt. Jetzt wäre es an der Zeit endlich Wiedergutmachung an die Palästinenser zu leisten! Die Palästinenser müssen von der israelischen Herrschaft und Unterdrückung befreit werden. Man muss ihnen die Möglichkeit geben, dass sie in Deutschland ein neues Leben anfangen können!

      Ismael Isaak, Sonntag, 06.11.16, 2:51 Uhr

      Liebe Doris, Ihre Vergleiche sind hahnebüchend. MfG

      Liebe Doris, Ihre Vergleiche sind hahnebüchend. MfG

      wombat, Donnerstag, 10.11.16, 16:18 Uhr

      Doris, welches Land sollen die Palästinenser den Israelis zurück bekommen? Vor dem Oslo-Friedensprozess gab es nie arabisch-palästinensische Kontrolle über den Landstrich. Im Übrigen: was soll aus dem ...

      Doris, welches Land sollen die Palästinenser den Israelis zurück bekommen? Vor dem Oslo-Friedensprozess gab es nie arabisch-palästinensische Kontrolle über den Landstrich. Im Übrigen: was soll aus dem von Juden legal erworbenen Land werden? Was aus unfruchtbarem Land, das nie in Privatbesitz war, aber von den Zionisten fruchtbar gemacht wurde? Dann besteht die mehr als die Hälfte der jüdischen Israelis aus Nachkommen von Flüchtlingen aus Ländern des Orient – was soll aus denen werden?