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Nur gucken, nicht aussteigen

Unser Gaza-Mitarbeiter Ahmed Younis reist nach Deutschland – Israel darf er nicht betreten. Eine beschwerliche Reise. 

Für Ahmed ist es das erste Mal in fünf Jahren, dass er den weitgehend abgeriegelten Küstenstreifen verlässt. Er muss mit dem Bus nach Amman und dort in den Flieger steigen. Er ist damit eine Ausnahme: Nur sehr wenige können überhaupt verreisen.

Von Benjamin Hammer
Am 03.02.2020

„Ahhhhh! Habibi! Grüß Dich! Hallo.“ Ein Wiedersehen mit Ahmed Younis, unserem Mitarbeiter im Gazastreifen. 70 Jahre alt, früher Arzt in Deutschland. Ahmed unterstützt uns bei unseren Recherchen in Gaza. Es ist das erste Mal, dass ich ihn auf der israelischen Seite der Grenze treffe. Ahmed kommt gerade aus dem israelischen Checkpoint Erez. An diesem Morgen hat er den weitgehend abgeriegelten Gazastreifen zum ersten Mal seit fünf Jahren verlassen.

Ich fühle mich wohl. Frei. Ich war im Gefängnis. Jetzt bin ich ein freier Mensch. Ich kann mich bewegen. 

— Ahmed Younis, ARD-Mitarbeiter in Gaza

Der Übergang Erez sieht auf den ersten Blick aus wie das Abfertigungsgebäude eines Flughafens. Doch in Erez ist es manchmal menschenleer. Nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung von Gaza darf den Checkpoint passieren. Auf Schildern steht, dass man hier keine Fotos machen darf. Neben dem Hauptgebäude steht eine hohe Betonmauer. Für Israel ist Erez Teil eines Schutzwalls, der Terroranschläge verhindern soll. Für die Palästinenser ist der Checkpoint eine in der Regel unüberwindbare Hürde, die sie von der Außenwelt abschottet. Unser Mitarbeiter Ahmed hat diese Hürde überwunden – mit einer Sondergenehmigung.

Ich habe ein Ziel. Ich kann es bald erreichen. Ich fahr nach Deutschland. Das ist unbeschreiblich. 

— Ahmed Younis, ARD-Mitarbeiter in Gaza
Ahmed Younis war früher Arzt in Deutschland und arbeitet heute für das ARD-Radio in Gaza. Foto: BR | Benjamin Hammer

Ahmed ist mit etwa zehn weiteren Palästinensern unterwegs. Zehn von zwei Millionen Bewohnern des Gazastreifens, die an diesem Tag über Israel in die Welt reisen. Ein Kleinbus steht bereit. Bis zum Flughafen von Tel Aviv bräuchte der Bus nur etwa eine Stunde. Doch da darf er nicht hinfahren. Israel erlaubt die Ausreise nur, wenn die Palästinenser von Erez aus direkt zur Grenze nach Jordanien im von Israel besetzten Jordantal fahren. Aussteigen dürfen sie in Israel nicht. Bis zum Flughafen in der jordanischen Hauptstadt Amman brauchen die Reisenden fast den ganzen Tag. Der Bus fährt in Richtung Norden. Ahmed schaut aus dem Fenster. Er hat all das fünf Jahre lang nicht gesehen. Israel ist ein wohlhabendes Land. Der Gazastreifen ist nach Einschätzung der Vereinten Nationen kaum bewohnbar.

Gaza ist zu dicht besiedelt. Die Leute treten sich auf die Füße. Wir haben keinen Wald. Keine freie Wüste. Egal wo ich hingehe, ich treffe immer auf Bekannte. Jeder sagt: Hallo, wie geht es? Wo gehst Du hin? Was machst Du? Ich möchte meine Privatsphäre haben. Das geht nicht. 

— Ahmed Younis, ARD-Mitarbeiter in Gaza
Ruhe am Checkpoint Erez: Nur wenige dürfen den Gazastreifen verlassen. Foto: BR | Benjamin Hammer

Seit 2007 herrscht im Gazastreifen die islamistische Hamas. Israel, die USA und die EU stufen sie als Terrororganisation ein. Drei Mal kam es bereits zum Krieg zwischen der Hamas und Israel. Israel und auch Ägypten halten den Gazastreifen weitgehend abgeriegelt. Für die Bewohner bedeutet das: Sie dürfen Gaza nur im absoluten Ausnahmefall in Richtung Israel verlassen: Zum Beispiel für lebenswichtige medizinische Behandlungen. Bei Todesfällen oder Hochzeiten von nahen Verwandten. Oder für den Beginn eines Studiums im Ausland. Im Dezember 2019 passierten knapp 5000 Palästinenser den Übergang Erez nach Israel, 0,25 Prozent der Bevölkerung von Gaza. Hinzu kommen noch einmal etwa 5000 Händler und Arbeiter, die eine längerfristige Einreiseerlaubnis haben. Zahlen, die die israelische  Menschenrechtsorganisation Gisha veröffentlicht hat. Miriam Marmur ist eine Sprecherin von Gisha.

Israel hat das Recht, Sicherheitsüberprüfungen durchzuführen und zu entscheiden, ob eine Person sein Territorium betreten darf oder nicht.  Doch die Art und Weise, wie Israel seine Regeln anwendet, kann mit diesen legitimen Sicherheitsinteressen nicht begründet werden. Israel verhängt pauschale Einreiseverbote.

— Miriam Marmur, Sprecherin von Gisha 

Die israelische Menschenrechtsaktivistin glaubt, dass die gesamte Bevölkerung des Gazastreifens bestraft werden soll. Für die Herrschaft der Hamas.

Wir bezeichnen dieses Vorgehen als illegitim. Als illegal. Das hier ist eine Kollektivstrafe gegen die gesamte Bevölkerung in Gaza. Für Dinge, die sie absolut nicht beeinflussen können.

— Miriam Marmur, Sprecherin von Gisha

Ahmed schaut noch immer aus dem Fenster. Der Bus fährt jetzt durch Jerusalem. „Das ist die Hauptstadt Palästinas“, sagt er. Aussteigen darf er hier nicht.

Wir brauchen, wie alle Völker der Welt einen Staat. Mit einer Hauptstadt. Das ist unser Recht.

— Ahmed Younis, ARD-Mitarbeiter in Gaza

Ahmed fände es gut, wenn sich Israelis und Palästinenser Jerusalem teilten. Doch dass Ost-Jerusalem in absehbarer Zeit zur Hauptstadt Palästinas wird, danach sieht es nicht aus. Der Nahost-Plan des US-Präsidenten spricht ganz Jerusalem Israel zu. Die Palästinenser sollen auf einen Vorort ausweichen. Ahmed und die anderen Reisenden machen in Jericho einen Zwischenstopp auf dem Weg zur Grenze nach Jordanien – es ist Zeit für das Mittagsgebet. Der Bus hat das Jordantal erreicht. Auf einem großen Platz stehen Palästinenser in Uniformen. Über einem Gebäude weht eine große palästinensische Flagge. Das hier ist die Grenzbehörde der Palästinensischen Autonomiebehörde. Die Beamten überprüfen die Pässe der Reisenden aus Gaza. Es wirkt förmlich und ernst. Aber es ist eine Farce. Denn den Staat, der hier repräsentiert werden soll, haben die Palästinenser so nicht. Das Jordantal wird außerhalb von Jericho von Israel besetzt und kontrolliert. Auch die Grenze zu Jordanien, die Ahmed gleich passieren wird. Und laut dem Plan von Donald Trump soll das  aus Sicherheitsgründen so bleiben.

Es sind die letzten Meter im Bus, ich steige gleich aus. Ahmed wird wenig später die Grenze nach Jordanien passieren und dann nach Amman fahren. Er wird dort übernachten, dann fliegt er nach Deutschland. Eine lange Reise. Vom eigenen Flughafen abzufliegen, dass sei doch eigentlich normal, sagt Ahmed. Er habe das Gefühl, dass die Palästinenser von den Landkarten verschwunden seien.

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