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Museum für einen umstrittenen Präsidenten

Das Arafatmuseum in Ramallah beleuchtet das Leben des ehemaligen Palästinenserpräsidenten Yassir Arafat – ein Besuch

Viele Israelis sehen in Arafat einen Terroristen, der Anschläge und viele Tote zu verantworten hat. Für viele Palästinenser ist der Friedensnobelpreisträger aber noch immer eine Ikone. Der charismatische Führer hat die Palästinenser geeint und hätte alles für sein Land gegeben, sagen Bewunderer. Ein Beitrag von BR-Reporterin Eva Lell.

Von Studio Tel Aviv
Am 07.11.2019

„Das hier war Arrafats Büro, als er unter Hausarrest stand“, erzählt Sama bei der Führung durch das Museum. Beeindruckt laufen die Besucher durch die Räume, in denen Yassir Arafat als Präsident Gäste empfing – und durch die Kellerräume, in denen er arbeitete und schlief, als er den Präsidentenpalast während der zweiten Intifada Anfang der 2000er Jahre nicht mehr verlassen durfte. „Das war sein Schlafzimmer.“, erzählt Sama bei der Führung.  Viele Palästinenser, aber auch viele ausländische Besucher zählt das Museum, seit es vor knapp drei Jahren eröffnet wurde. Es zeigt nicht nur die Originalorte, sondern informiert in Arabisch und Englisch mit vielen Bildern über die Geschichte der Palästinenser.

Wir wollen jedem, ob Palästinenser oder nicht, die Möglichkeit geben, sich über den Nahostkonflikt aus Sicht der Palästinenser zu informieren und über die Geschichte der Palästinenser in den vergangenen 100 Jahren.

— Muhammad Halayka, Museumsdirektor

Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht Yassir Arafat, den Israelis zum Teil als Terroristen bezeichnen. Für viele Palästinenser ist der Friedensnobelpreisträger noch heute ein Freiheitskämpfer und mehr als das. Rifad Mosa und Sobhie Suliman sind palästinensische Israelis. Sie leben in dem Dorf Bu‘eini Nujidat zwischen Nazareth und Tiberias im Norden Israelis. Sie besuchen das Museum in Ramallah heute zum ersten Mal. Rifad Mosa: „Arafat ist eine wichtige Figur für uns. Das Museum ist wichtig, um Arafats Erbe zu bewahren. Ich finde es gut gemacht, die Erklärungen und Informationen sind gut, ich habe einiges erfahren, was ich vorher nicht wusste.“

Er genießt sehr viel Achtung bei uns. Bis zum letzten Tag meines Lebens werde ich ihn verehren. Er war ein wirklicher Anführer, er lebte und starb als unser Anführer. Ich glaube, dass alle Palästinenser ihn verehren. 

— Und Sobhie Suliman, Museumsbesucher

Das Museum zeigt Bilder aus Jerusalem unter britischem Mandat 1922, vom Massaker im palästinensischen Dorf Deir Yassin, das paramilitärische jüdische Gruppen dort verübten. Es zeigt, wie Arafat vom Untergrundkämpfer zum Politiker wurde, die Palästinensische Befreiungsorganisation, kurz, PLO gründete und nach den Verträgen von Oslo 1994 zum Palästinenserpräsidenten aufstieg.

Hier haben wir Bilder gesammelt, die Themen zeigen, die immer noch Teil unseres Alltags unter israelischer Besatzung sind. Den Siedlungsbau gibt es immer noch, es gibt immer noch das geteilte Jerusalem. Dieses Bild zeigt ein von der israelischen Armee zerstörtes Haus einer palästinensischen Familie. Auch Checkpoints gibt es immer noch. All das, was uns alltäglich beschäftigt, zeigen wir hier. 

— Muhammad Halayka, Museumsdirektor

Anschläge und Attentate, die Palästinenser auf Israelis verübt haben, werden im Museum nicht erwähnt. Es gehe darum, das palästinensische Narrativ festzuschreiben, sagt der Museumsdirektor. Das Museum gehört der Yassir-Arafat-Stiftung. Der Eintritt kostet etwas mehr als einen Euro pro Person, für Familien ungefähr zwei Euro:

Es ist nur ein symbolischer Beitrag. Wir werden den Eintritt nicht erhöhen. Es ist auch nicht die Absicht, über Eintrittsgelder Gewinne zu erzielen. Die Stiftung ist gemeinnützig. 

— Muhammad Halayka, Museumsdirektor

2004 ist Yassir Arafat in Paris gestorben. Sein Grab ist auf dem Museumsgelände zu sehen. Ganz in der Nähe des Museums steht das Haus von Ahmad Abdul Rahman. Er war lange Zeit Arafats  Berater und hat eine Biographie über ihn verfasst:

Sein größter Erfolg war, dass er das palästinensische Volk vereint hat. Das war nicht einfach, sie alle hinter einem Anführer zu versammeln. Die Leute lebten überall auf der Welt. Eine nationale Identität zu schaffen und die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit zu bekommen, das war seine große Leistung. 

— Ahmad Abdul Rahman, Arafats Berater
Der ehemalige Berater Ahmad Abdul Rahman zeigt Fotos von Arafat in seiner Wohnung. Foto: BR | Eva Lell

Dass Arafat, der einstige Untergrundkämpfer, den Staat Israel anerkannte und für eine Zwei-Staaten-Lösung plädierte, diese politische Wendung nennt Rahman ein Wunder. Auf die Frage, ob Arafat auch politische Fehler begangen hätte, den Bruderkuss etwa mit dem irakischen Diktator Saddam Husein, nach der irakischen Invasion in Kuweit im Jahr 1990, auf diese Frage antwortet Rahman lange und ausweichend. Im Verlauf des Interviews kommt er dann aber darauf zurück:

Einer der Fehler von Arafat war, dass er die Hamas und den islamischen Staat nicht bekämpft hat. 

— Ahmad Abdul Rahman, Arafats Berater

Arafats gemäßigte Palästinenser-Partei, die Fatah, hat heute im Gazastreifen politisch quasi keinen Einfluss mehr. Seit dem Jahr 2007 regiert die Hamas den Gazastreifen. Sie erkennt den Staat Israel bis heute nicht an. Manche Kritiker auf Seiten der Palästinenser werfen Arafat vor, er habe die Verträge von Oslo zu schlecht verhandelt und sei dadurch mitverantwortlich für die anhaltende Besatzung des Westjordanlandes durch Israel. Doch davon will Rahman nichts wissen. Und auch Museumsdirektor Halayka will nicht über Fehler sprechen.

Er war mehr als ein Anführer. Er ist eine Legende. Er ist mehr als eine politische Figur. Tief im Herzen von uns Palästinensern ist er derjenige, der sein ganzes Leben dem Anliegen der Palästinenser gewidmet hat. 

— Muhammad Halayka, Museumsdirektor
Das Arafat-Grab auf dem Museumsgelände. Foto: BR | Eva Lell

Weil täglich viele Besucher aus dem Ausland kommen, sollen die Texte in der Ausstellung bald auch in Französisch, Spanisch und deutsch übersetzt werden, später auch chinesisch und russisch.

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Kommentare

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10 thoughts on “Museum für einen umstrittenen Präsidenten”

    Florian, Mittwoch, 13.11.19, 5:03 Uhr

    Es ist ungeheurer Zynismus von Versöhnung zu sprechen, wenn Hamas und Iran die Zerstörung und Vernichtung Israels im Programm haben. Dieser Zynismus ist die Leugnung der Realität. Es gab mal einen Bes ...

    Es ist ungeheurer Zynismus von Versöhnung zu sprechen, wenn Hamas und Iran die Zerstörung und Vernichtung Israels im Programm haben.
    Dieser Zynismus ist die Leugnung der Realität.
    Es gab mal einen Beschluss der UNO, dass die Hisbollah entwaffnet werden solle. Dieser Beschluss wurde nie umgesetzt. Im Gegenteil Hisbollah rüstet munter weiter auf, finanziert und beliefert vom Iran.

    Erdogan hat verkündet, er wolle Jerusalem erobern.

    Das ist Versöhnung?

    Es wird eine eigene „Realität“ konstruiert, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat.

    Die vielen Angebote Israels an die Palästinenser zur Lösung wurden von den Arabern grundsätzlich abgelehnt. Das ist die Wirklichkeit.

    Lotte, Dienstag, 12.11.19, 12:25 Uhr

    Das ist nicht nur "ärgerlich", das ist "unwissendes Geplapper" und da öffentlich "anmaßende Unbelehrbarkeit". Am 9.11. fuhr ich zum Geburtstag einer Freundin, plattes Land. Die Straße im winzigen Ort ...

    Das ist nicht nur „ärgerlich“, das ist „unwissendes Geplapper“ und da öffentlich „anmaßende Unbelehrbarkeit“.

    Am 9.11. fuhr ich zum Geburtstag einer Freundin, plattes Land.
    Die Straße im winzigen Ort wurde umgeleitet. Ich sah ca. 10 Menschen, 2 christl. Geistliche, 2 Polizisten in der Dunkelheit. Und las später nach: Blühende Gemeinde, wunderschöne Synagoge, Totgeschlagene (u. Suizide a. Folgetag) auch hier.
    Am 9.11. fand in Berlin die Gedenkveranstaltung z. Mauerfall 1989 statt.
    Vor den Augen aller incl. ZDF erschien in Hebräisch/Großbuchstaben „Enough with Occupation“ u. die israel. Mauer. Hinaus in die Welt, zu denen, die hebräisch lesen können! Der Veranstalter entschuldigt sich wegen „Unachtsamkeit“ (fälschliche Gleichsetzung der Mauern).
    Am 10.11. fanden auf jüdischen Friedhöfen/IKG die jährl. Gedenkveranstaltungen incl. Kaddisch für die Opfer statt. Mahnungen und Kränze seitens der Stadt. Auf dem jüd. Friedhof der Nachbarstadt fielen kurz zuvor Schüsse/Schreckschussmunition.

    ariel, Dienstag, 12.11.19, 9:51 Uhr

    martina, das was du ueber die versoehnung behauptest ist richtig aergerlich. beide sind schuld, beide muessen sich versoehnen, beide beide beide... es reicht schon wenn eine seite einen krieg startet ...

    martina, das was du ueber die versoehnung behauptest ist richtig aergerlich. beide sind schuld, beide muessen sich versoehnen, beide beide beide… es reicht schon wenn eine seite einen krieg startet um der zweiten seite keine wahl zu lassen.

    israel hat vorbildliche jugendarbeit in sachen wichtigkeit des friedens und „rabins erbe“ gemacht. denn genau das hat die friedensgespraech von 2000 und auszug aus gaza und spaetere verhandlungen mit olmert ueberhaupt ermoeglicht. nicht nur, dass auf der gegenseite nichts passiert ist, arafat sah in oslo einen schritt in richtung vernichtung israels. und genau das wurde der palaestinensischen jugend beigebracht. arafat hat an dem ersten tag, als er nach gaza kam oeffentlicht klar gemacht, dass sein ziel israels vernichtung ist. er hat waffen und terroristen eingeschmugelt, was nach dem oslo abkommen verboten gewesen ist.

    es mag sein, dass israel hier und da fehler gemach hat, aber arafat hat die situation von anfang an mit absicht missbraucht.

    martina, Montag, 11.11.19, 23:58 Uhr

    über arafat stimmt wohl alles. lest mal die alten schulbücher von westdeutschland vor 50 jahren. dort werden die westmächte verherrlicht. ich hab in der schule nichts kritisches über die usa gelernt. ...

    über arafat stimmt wohl alles.

    lest mal die alten schulbücher von westdeutschland vor 50 jahren. dort werden die westmächte verherrlicht. ich hab in der schule nichts kritisches über die usa gelernt.

    damit will nur sagen, man kritisiert nicht gerne die eigenen früheren chefs. adenauer, was hätte es da alles zu sagen gegeben, globke hab ich da nie gehört usw

    auf die gegenseite einzuschlagen ist leicht. versöhnung passiert so niemals auf beiden seiten. beide seiten müssen ihre vergangenheit hinterfragen und lernen dort gemeinsam zu leben. das fängt bei den eigenen kindern an, in der schule im miteinander leben, themen nicht zu tabuisieren.
    und alle hier wissen das. aber anwendung findet hier keine statt. man darf und muss das unrecht der gegenseite benennen. dann aber geht es weiter in der entwicklung. nur dadurch ist mann und frau auch glaubwürdig auf der eigenen seite und der der anderen.
    wer nur einseitig argumentiert, behält nur die freunde, die er schon hat. da braucht es nix zu

    Ismael Isaak, Montag, 11.11.19, 1:46 Uhr

    @Lotte, vielen Dank für diesen Kommentar

    @Lotte, vielen Dank für diesen Kommentar

    Ismael Isaak, Samstag, 09.11.19, 1:01 Uhr

    "über die Geschichte der Palästinenser in den vergangenen 100 Jahren". "Anschläge und Attentate, die Palästinenser auf Israelis verübt haben, werden im Museum nicht erwähnt". Ich nenne das Verklärung ...

    „über die Geschichte der Palästinenser in den vergangenen 100 Jahren“. „Anschläge und Attentate, die Palästinenser auf Israelis verübt haben, werden im Museum nicht erwähnt“. Ich nenne das Verklärung und Geschichtsfälschung.

    Florian, Freitag, 08.11.19, 10:38 Uhr

    In diesem "Museum" wird behauptet, mit Foto, Arafat sei in Jerusalem geboren. Stimmt nicht. Kairo. Sein angebliches Schlafzimmer wird gezeigt. Ärmlich. Stimmt nicht. Schlafzimmer mit Doppelbett, Teakh ...

    In diesem „Museum“ wird behauptet, mit Foto, Arafat sei in Jerusalem geboren. Stimmt nicht. Kairo.
    Sein angebliches Schlafzimmer wird gezeigt. Ärmlich. Stimmt nicht. Schlafzimmer mit Doppelbett, Teakholzmöbeln.

    So dient dieses „Museum“ der Geschichtsverfälschung und Manipulation.

    Das ist die Heroisierung eines Terroristen.

    War von Fatah aber auch nicht anders zu erwarten.
    Paästinenser leben in Palästina seit 10.000 Jahren.
    In Jerusalem gab es nie Juden.

    Lotte, Donnerstag, 07.11.19, 15:31 Uhr

    Es lohnt sich, den Internetauftritt der hier genannten Yassir Arafat Stiftung/Yassir Arafat Foundation zu lesen (wenns allzu mühsam wird z.B. die Kategorie Posters&Caricature oder die Kategorie Ch ...

    Es lohnt sich, den Internetauftritt der hier genannten Yassir Arafat Stiftung/Yassir Arafat Foundation zu lesen (wenns allzu mühsam wird z.B. die Kategorie Posters&Caricature oder die Kategorie Children Drawings).

    Frage an die Reporterin: Wer finanziert diese Stiftung?

    Lotte, Donnerstag, 07.11.19, 13:56 Uhr

    Ein "umstrittener Präsident" ? Ein verharmlosender und v.a. unnötig publikmachender Bericht über ein einseitiges Museum - zwei Tage vor dem 9. November. Vergessen die Terroranschläge in den Siebziger ...

    Ein „umstrittener Präsident“ ?

    Ein verharmlosender und v.a. unnötig publikmachender Bericht über ein einseitiges Museum – zwei Tage vor dem 9. November.

    Vergessen die Terroranschläge in den Siebziger Jahren, denen unschuldige Zivilisten in möglichst großer Zahl zum Opfer fielen, die nur eines gemeinsam hatten: sie waren Juden u./oder zur falschen Zeit am falschen Ort (Bekannte von mir nahmen damals als jg. Eltern immer 2 Flüge nach IL, damit ihre Kinder nicht Vollwaisen würden)?
    Vergessen die Legendenbildung Arafats, vom Geburtsort bis zum Tod … seine Wirkung bis heute (arab.Israeli, s.o.)?
    Vergessen die unheilvolle Kooperation mit linken deutschen Antifaschisten?
    Vergessen die heutige Mischung mit „Free Palestine“ Rufen, den mittlerweile nahezu wöchentlichen Angriffen auf erkennbar jüdische Menschen (zuletzt vor 2 Tagen, Kippaträger,Freiburg)?
    Jerome Lombard „Attentat am 9. November“(7.11.2019)
    Andre Herzberg „Nur ein Datum“(7.11.2019)
    Ganz zu schweigen vom braunen Sumpf!

    ariel, Donnerstag, 07.11.19, 10:30 Uhr

    wieso will das museum nicht erwaehnen, dass arafat fuer anschlaege verantwortlich ist? schaemt man sich dafuer? glaubt man, dass es nicht gut ankommen koennte? wird sein anteil an dem libanesischem bu ...

    wieso will das museum nicht erwaehnen, dass arafat fuer anschlaege verantwortlich ist? schaemt man sich dafuer? glaubt man, dass es nicht gut ankommen koennte?

    wird sein anteil an dem libanesischem buergerkrieg erwaehnt? was ist mit seinem putschversuch in jordaniem nach dem er vertrieben wurde und tausende palaestinenser von jordanischen armee ermordet wurden?

    wie sehen die in jordanischen fluechtlingslager lebende palaestinenser die tatsache, dass es arafat war, der darauf bestand, dass ihnen die jordanische staatsbuergerschaft zurueckgenommen wird?

    in menachem begin museum in jerusalem, wird nichts verheimlicht. auf der anderen seite hat menachem begin die zivilisten nicht als ziel.