Foto: PR² classic

Mozart in der Wüste

Beduinenkinder lernen im Projekt "Sarab" klassische und traditionelle Musik

„Die Beduinenkinder werden ein wenig vergessen in der israelischen Realität“, sagt Star-Dirigent Omer Meir Wellber. Darum hat er das Projekt „Sarab“ mitgegründet. Die Kinder sollen nicht nur klassische Instrumente lernen, sondern auch traditionelle beduinische Lieder bewahren.

Von Peter Kapern
Am 06.11.2016

Es wird ein langer, harter Weg für Zenah, bevor ihr Traum wahr wird. Sie will später Violinistin werden. Jetzt geht das schmale Mädchen mit den langen schwarzen Haarren noch in die vierte Klasse. Wer fleißig übt, sagt sie, der hat bestimmt später auch Erfolg. Doch schon der Anfang war für sie schwierig. Zenah ist ein Beduinenmädchen. Sie lebt in Rahat, einer Stadt, die für Beduinen in der Negev-Wüste gebaut worden ist. Trostlos, staubig, mit hoher Arbeitslosigkeit und viel Kriminalität. Neuerdings gibt es dort aber auch die erste und einzige Schule für Beduinen, an der Musik unterrichtet wird.

Eine Oase in der Wüstenstadt Rahat

Gründer des Projekts Sarab – auf Deutsch: Oase – ist Omer Meir Wellber, ein Shooting-Star am Dirigenten-Himmel: „Für mich war das immer eine halb persönliche und halb soziale Frage. Mein Vater war ein großer Freund der Beduinen-Gemeinschaft und hat die Schule, an der wir das Projekt machen, gebaut. Und es ist auch eine soziale Frage. Die Beduinenkinder sind ein wenig vergessen in der israelischen Realität. Sie sind keine Palästinenser, aber sie fühlen sich auch nicht als Israelis. Und das ist ein Problem, wenn man keine eigene Identität hat.“

Omer Meir Wellber stammt aus Beerscheba, der größten Stadt im Negev, die einst für jüdische Einwanderer gebaut wurde. Er kennt die soziale Lage der Beduinen, die in seiner Jugend seine Nachbarn waren. Nach Rahat fährt man eigentlich nur, wenn man Drogen kaufen will, erzählt er. Um dazu beizutragen, dass sich das ändert, hat er gemeinsam mit einer lokalen Hilfsorganisation und mit dem Konservatorium in Beerscheba das Projekt Sarab gegründet. Musiklehrerin Anna Arama muss bei null beginnen, weil die Kinder noch nie zuvor Kontakt zu klassischer Musik hatten. Die talentiertesten bekommen nach einem Jahr zusätzlichen Unterricht am Konservatorium in Beerscheba. Dort gibt es seit Langem ein Streichorchester jüdischer Schüler, in das jetzt die Beduinenkinder integriert werden.

Die jüdischen Kinder bringen die europäische Tradition mit, die Beduinen kommen jetzt mit ihrer Tradition. Und dann spielen alle alles.

— Omer Meir Wellber, Gründer des Projekts Sarab

Doch vorher muss Omer Meir Wellber die Beduinenkinder erst wieder an ihre traditionelle Musik heranführen. In einem Hinterhof nur ein paar Straßen von der Alsalem-Schule entfernt sitzt Salam, ein stadtbekannter Musiker, der die Instrumente und Lieder noch beherrscht. Doch weil die Beduinenkinder sich kaum noch für die traditionelle Musik interessieren, droht sie verloren zu gehen. Es gibt keine gedruckten Noten, kein Archiv, keine Aufnahmen. Darum möchte Wellber die Schüler mit Aufnahmegeräten losschicken, damit sie die Musik aufzeichnen, die jetzt noch manchmal in den Straßen von Rahat zu hören ist – wie die von Salam. Für das Projekt Sarab brauchen die Unterstützer einen langen Atem. Einige positive Resultate haben sie schon erzielt:

Klassische Musik bringt Disziplin und Ruhe. Die Eltern sagen, dass die Kinder sich schon verändert haben. Sie haben viel mehr Geduld, sind sehr ruhig, hören besser zu. Das schafft wirklich nur klassische Musik.

— Omer Meir Wellber, Gründer des Projekts Sarab