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Monate der Gewalt

Seit dem Tod eines jungen Palästinensers kommt der Ostjerusalemer Stadtteil Issawija nicht mehr zur Ruhe

Wenn es nach dem Willen der Palästinenser geht, soll Ostjerusalem eines Tages die Hauptstadt ihres Staates werden. Israel lehnt das ab – Jerusalem sei unteilbar. So kommt es immer wieder zu Zwischenfällen und Auseinandersetzungen – wie derzeit in Issawija. 

Von Benjamin Hammer
Am 14.01.2020

Eines von vielen Handyvideos, die in den vergangenen Monaten in Issawija gedreht wurden, zeigt eine Konfrontation zwischen israelischen Polizisten und der palästinensischen Bevölkerung. Das Video stammt von Mohammed Abu Hummus. Er ist 53 Jahre, lebt seit seiner Geburt in Issawija und ist Mitglied der Elternvertretung des Viertels. Nach seiner Darstellung brach eines Abends Streit mit der israelischen Polizei aus. Die hätte ein Auto auf seinen Parkplatz stellen wollen. Als er protestiert habe, sei er von den Polizisten geschlagen und getreten worden.

Issawija hat sich verändert in den vergangenen Monaten. Es gibt Verhaftungen und Unterdrückung. Auch Kinder werden verhaftet. Und dann das Tränengas, die Blendgranaten, die Checkpoints. Das Leben hier ist einfach nicht mehr normal.

— Mohammed Abu Hummus, Issawija-Bewohner
Mohammed Abu Hummus lebt seit seiner Geburt in Issawija. Foto: BR | Benjamin Hammer

Issawija liegt am Rand von Ostjerusalem. In Richtung Osten reicht der Blick bis zum Toten Meer und nach Jordanien. Auf dem Skopusberg oberhalb des Viertels liegt die Hebräische Universität. Die Bewohner von Issawija sind Palästinenser. Nach dem Willen der Autonomiebehörde soll Ostjerusalem eines Tages zur Hauptstadt Palästinas werden. Ein Anspruch, den Israel kategorisch zurückweist. Ostjerusalem – und damit auch Issawija – ist für Israel Teil der unteilbaren Hauptstadt. Das wiederum akzeptiert Mohammed Abu Hummus nicht.

Es gibt keine Gleichheit in Jerusalem. Wenn man uns mit Westjerusalem vergleicht, dann leben wir unter Besatzung.

— Mohammed Abu Hummus, Issawija-Bewohner

Vor etwa sechs Monaten erschoss ein israelischer Polizist einen jungen Mann in Issawija. Der 20-Jährige hatte mit Feuerwerkskörpern geschossen. Nach Darstellung der israelischen Polizei befand sich der Polizist in Lebensgefahr. Die Einwohner von Issawija bestreiten das. Seit dem Vorfall kommt es regelmäßig zu Zusammenstößen. Nach Angaben der israelischen Menschenrechtsorganisation ACRI hat die israelische Polizei 600 Einwohner festgenommen, darunter viele Minderjährige. Wer in Issawija den ersten Stein wirft, den ersten Brandsatz oder die erste Kugel mit Gummiummantelung schießt: Das ist für Außenstehende nicht einfach zu bewerten. Beide Seiten werfen sich gegenseitig vor, die Lage zu eskalieren. Dieses Video zeigt, wie Feuerwerkskörper auf israelische Polizisten geworfen werden. Laut Polizeisprecher Micky Rosenfeld haben einige Bewohner von Issawija außerdem Brandsätze auf eine wichtige Schnellstraße geschmissen.

Die israelische Polizei hat weiter in Issawija patrouilliert und auf dortige Gewalt durch Einwohner reagiert. Unsere Einheiten reagieren immer nur auf das Ausmaß von Gewalt, dem sie ausgesetzt sind. Mit nicht tödlichen Waffen.

— Micky Rosenfeld, Polizeisprecher

Die Polizei führt nun Gespräche mit Vertretern von Issawija, um die Lage zu deeskalieren. Auch der Elternvertreter Mohammed Abu Hummus hofft, dass sich die Situation wieder beruhigt. Eine Sache will Abu Hummus aber nicht akzeptieren: dass Issawija Israel sein soll. Sein Traum ist, dass eine palästinensische Flagge über dem Viertel weht. Das wiederum ist völlig undenkbar für Israel. Auch 53 Jahre, nachdem Israel Ostjerusalem erobert hat, kommt Issawija nicht zur Ruhe.

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