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Mit Militäreskorte zur Schule

Der Schulweg der Kinder aus Tuba führt durch eine jüdische Siedlung – alleine dürfen sie dort nicht durch

Fast jeden Morgen begleiten israelische Soldaten die palästinensischen Schüler durch die Siedlung Maon, um sie vor Angriffen der Siedler zu schützen. An ihrem Schulweg zeigt sich der Nahostkonflikt im Brennglas. Ein Beitrag von BR-Reporterin Eva Lell.

Von Studio Tel Aviv
Am 09.03.2018

Kurz nach halb acht am Morgen warten die Soldaten bereits auf die palästinensischen Schüler. „Guten Morgen allerseits“, begrüßt einer der Uniformierten die zehn Kinder und Jugendlichen, zwischen acht und 16 Jahre alt. Sie kommen aus dem palästinensischen Dorf Tuba in den Hügeln südlich von Hebron im von Israel besetzten Westjordanland. Ihre Schule liegt im Nachbardorf Tuwani – und um dort hinzugelangen, müssen sie durch eine jüdische Siedlung. Die Soldaten begleiten die Schülergruppe mit einem Jeep, um sie vor Angriffen der Siedler zu schützen.

Auch Aktivisten sind dabei

„Am Anfang war es komisch und ich hatte Angst, aber jetzt ist es irgendwie Alltag“, erzählt der 14-jährige Hamsi, der später einmal Arzt werden möchte.  Über einen steinigen Trampelpfad ist er mit den anderen Schülern hierher gekommen, auf den breiten Feldweg der Siedlung, wo die Soldaten sie empfangen. Auch Freiwillige einer italienischen Hilfsorganisation und palästinensische Aktivisten begleiten die Schüler. Einer von ihnen ist Sami Hureni aus dem Nachbardorf, der in Hebron Jura studiert.

Unser Ziel ist, dass wir alle diese Straße benutzen dürfen. Das ist eine Straße, die den Palästinensern gehörte, lange bevor die Siedler kamen. Wir wollen mit der Routine brechen, dass nur die Schulkinder hier gehen dürfen.

— Sami Hureni, palästinensischer Aktivist

An diesem Schulweg zeigt sich der Nahostkonflikt im Brennglas: Die Palästinenser erachten den Weg als ihr Eigentum. Die Siedlungen im Westjordanland verstoßen gegen internationales Recht. Das israelische Recht erkennt die Siedlungen hingegen überwiegend an. Die Bewohner der jüdischen Siedlung Maon und des Außenpostens Havat Maon sagen, das sei ihr Weg. Racheli Adler lebt in dem Außenposten. Sie will kein Interview geben, schildert ihre Sicht der Dinge aber in einem kurzen Telefonat: Sie findet es absurd, dass die Armee die Kinder vor den Siedlern schützt. Sie hätten die Kinder nie angegriffen. Sie beendet das Telefonat mit folgender Frage: „Was würden sie machen, wenn ihre Nachbarn mehrmals am Tag ihre Kinder durch ihr Wohnzimmer schicken würden? Würden Sie sich da nicht auch wehren?“ Auf dem Schulweg kommt es zu einem kurzen Wortwechsel zwischen den palästinensischen Aktivisten und den Soldaten:

Die Soldaten haben gesagt, diese Straße ist nur für die Kinder. Ich habe gesagt, das stimmt nicht. Einer der Soldaten meinte, er wird das überprüfen und dann werden wir sehen.

— Sami Hureni, palästinensischer Aktivist

Nach Auskunft der Armee ist das Dorf Tuba illegal. Im Jahr 2002 hat die Armee das Gebiet zur geschlossenen militärischen Zone erklärt. Die Straße zwischen Tuba und Tuwani, den beiden palästinensischen Dörfern, gehört laut Armee zur jüdischen Siedlung Maon. Das heißt: Nur Israelis und Palästinenser mit einer Berechtigung dürfen diesen Weg benutzen. Ali, ein 21-jähriger Student aus dem Dorf Tuba, sieht das anders.

Ich habe das Recht, auf dieser Straße zu gehen. Auch ohne Armee. Das war die Straße von Tuba nach Tuwani, schon bevor es die Siedlung gab. Ich will da jeden Tag laufen können, ohne Soldaten.

— Ali, Student aus Tuba

Die italienische Organisation „Operation Taube“ begleitet die Schüler und dokumentiert Übergriffe der Siedler, nicht nur auf die Schüler, auch auf Schäfer, die ihre Tiere in der Gegend weiden lassen. Sie berichten von regelmäßigen Angriffen. Wenn die Soldaten nicht am Treffpunkt warten, müssen die Schüler einen Umweg machen, statt drei Kilometer durch die Siedlung laufen sie dann sieben Kilometer.

Manchmal, wenn die Soldaten nicht kommen und wir die längere Strecke nehmen müssen, haben wir Angst vor den Siedler, weil sie die Kleineren schlagen.

— Kifa, Schülerin, 16 Jahre alt

Die Bewohner der palästinensischen Dörfer in der Gegend um Tuwani haben nach eigenen Angaben schon vor Jahren beschlossen, ohne Gewalt, ohne Steinewerfen, Widerstand gegen die israelische Besetzung des Westjordanlandes zu leisten. Beteiligt an diesem Prozess waren Menschenrechtsgruppen wie B’Tselem, die bei der israelischen Regierung nicht wohlgelitten sind. Der gewaltlose Widerstand besteht zum Beispiel in der Benutzung des Weges durch die Siedlung. Dadurch ist der Schulweg von Hamsi, Kifa und den anderen Kindern eine Art politischer Akt. Was jetzt, um kurz nach acht, aber gerade keine Rolle spielt. Jetzt rennen die Kinder los zur Schule, um es gerade noch rechtzeitig zum Unterrichtsbeginn zu schaffen.

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2 thoughts on “Mit Militäreskorte zur Schule”

    Axel Stolpe, Sonntag, 11.03.18, 13:34 Uhr

    Und wieder das Märchen von völkerrechtlich gebrochenes Recht der jüdischen Siedlungen. Was mir bis jetzt jeder schuldig blieb, sind Beweise. Wo sind die die Beweise??? Zeigen sie sie mir!!!

    Und wieder das Märchen von völkerrechtlich gebrochenes Recht der jüdischen Siedlungen. Was mir bis jetzt jeder schuldig blieb, sind Beweise. Wo sind die die Beweise??? Zeigen sie sie mir!!!

    Markus Becker, Freitag, 09.03.18, 12:30 Uhr

    Ach wie rührend und ohne irgendwelche Belege. Der umgekehrte Fall -Angriffe minderjähriger Palästinenser auf Juden ist dagegen Alltag. Was auch der wirkliche Grund dafür sein dürfte, dass Palästinense ...

    Ach wie rührend und ohne irgendwelche Belege. Der umgekehrte Fall -Angriffe minderjähriger Palästinenser auf Juden ist dagegen Alltag. Was auch der wirkliche Grund dafür sein dürfte, dass Palästinenser nicht ohne Aufpasser in die jüdische Gemeinde gelassen werden.