Foto: BR | Tim Assmann

Minenräumung in Pilgerstätten

Jahrzehnte nach den Gefechten am Jordan entfernt Israel dort derzeit Minen und Sprengfallen 

Im Zuge der Auseinandersetzungen mit palästinensischen Kämpfern in den 70ern ließ Israel christliche Anlagen nahe der Taufstelle Jesu sperren und Minen legen. Nun laufen die Räumungsarbeiten, bald schon könnten die Christen zurückkehren – und mit ihnen die Touristen. 

Von Tim Assmann
Am 18.12.2018

Langsam lässt der Mann mit der Schutzkleidung die Scheibe des Metalldetektors über den schlammigen Weg schweben. Heulend meldet das Gerät den Fund von Metall. Eine Mine oder etwas Ähnliches ist es aber nicht – diesmal. Nur ein paar hundert Meter von dem Minenräumer entfernt, fließt der Jordan. Hier, im von Israel besetzten Westjordanland, verläuft die Grenze mit Jordanien. Am Fluss, der mittlerweile eher ein Rinnsal ist, liegt die Stelle, an der der Überlieferung zufolge Jesus getauft wurde. Auch für Juden hat die Stelle religiöse Bedeutung. Hier soll das Volk Israel einst den Jordan überquert haben. Kasr al Jahud – das Schloss der Juden – heißt der Platz. Die Taufstelle ist für Besucher zugänglich. Das gilt aber nicht für die gesamte Umgebung.

Minenräumung im Jordantal

Beitrag: Mike Lingenfelser | Kamera: Michael Shubitz| Ton: Moshe Lubliner | Schnitt: Amir Tal.

Hier sieht man noch Einschusslöcher. Anfang der Siebzigerjahre gab es auf dem Klostergelände Tote. Es kam hier zu Terroranschlägen. Dieses Areal ist eine echte Herausforderung, weil es hier überall Metall gibt. Wir arbeiten mit Metalldetektoren und so eine Umgebung dann zu säubern, ist fast unmöglich.

— Moshe Hilman, Minenräumer

Minenräumer Moshe Hilman steht im Eingang des kleinen verlassenen Franziskanerklosters von Kasr al Jahud. In der Tür und den Wänden sind Einschusslöcher zu sehen. Hier lieferten sich palästinensische PLO-Kämpfer Anfang der 70er Jahre Gefechte mit israelischen Soldaten. Solche Kämpfe gab es damals häufig, bis die israelische Armee schließlich entschied, das Franziskanerkloster und sechs weitere Anlagen verschiedener christlicher Konfessionen zu sperren und Antipersonenminen und Sprengfallen zu verlegen. Nun, rund 50 Jahre später und lange nachdem die Bedrohung an der Grenze endete, werden die Minen und Sprengsätze von Experten entfernt.

Wir haben in drei von sieben Klöstern Minen und Sprengfallen geräumt und werden auch noch die Panzerminen und die Personenminen in der Umgebung räumen.

— Marcel Aviv, Leiter der israelischen Minenräumungsbehörde

Marcel Aviv, der Leiter der israelischen Minenräumungsbehörde, zeigt auf eine große Freifläche neben der bereits geräumten Straße. In einiger Entfernung sind bereits frei gelegte Panzerminen zu erkennen. Rund 5000 von ihnen verlegte die israelische Armee nach dem Sechstagekrieg 1967 rund um Kasr al Jahud. Auf den Treppen im verlassenen äthiopischen Kloster liegt Schutt. An den Türen heften Zettel mit Bestätigungen der Minenentschärfer, dass die Räume abgesucht und sicher sind. Eine alte Zeitschrift liegt auf einem Tisch, Weinflaschen stehen im Regal. Die Bewohner des Klosters mussten überstürzt gehen:

Das war hier ein sehr großes Kloster. Es hatte ein Gästehaus für Besucher aus Äthiopien, die von Jerusalem aus hierher zur Taufstelle kamen – ab den zwanziger und dreißiger Jahren bis zu den frühen Siebzigern.

— Moshe Hilman, Minenräumer

Die bereits geräumten Klöster und die anderen Anlagen sollen ihren Besitzern zurückgegeben werden. Noch läuft die Minenräumung, die vor allem von der britischen Halo-Stiftung durchgeführt wird. Vielleicht sei man schon in einem Jahr fertig, hofft der Leiter des Projektes, Marcel Aviv. Ihm ist anzumerken, wie sehr er sich darauf freut, Kasr al Jahud minenfrei zu übergeben. „Ich freue mich sehr. Den Menschen etwas zurückzugeben, das so lange gesperrt war, ist ein gutes Gefühl.“ Noch können die Pilger und andere Besucher nur zur Taufstelle am Jordan. Doch wenn die Minen weg und die Klosteranlagen renoviert sind, soll der Fremdenverkehr in Kasr al Jahud ausgeweitet werden.