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Millionär für zehn Tage

Ein Araber kauft während Pessach symbolisch Lebensmittel, die für gläubige Juden in dieser Zeit tabu sind

Chametz, das sind Lebensmittel mit Getreide, das gegärt wird. Zu Pessach dürfen gläubige Juden sie weder essen noch besitzen. Wohin aber mit den ganzen Vorräten, die im Land lagern? Der Araber Hussein Dschaber hilft.

Von Tim Assmann
Am 29.03.2018

Hussein Dschaber ist in Israel ein wichtiger Mann. Sein Büro in den Katakomben eines Jerusalemer Hotels, eingezwängt zwischen Großküche und Ausgang zum Hof, macht zwar nicht viel her – die Fotos, die zwei Wände bedecken, sind aber eindrucksvoll. Hussein Dschaber mit den Ex-Premierministern Jitzchak Rabin und Ehud Olmert, Hussein Dschaber mit den einflussreichsten Rabbinern Israels und Hussein Dschaber mit dem aktuellen Regierungschef Benjamin Netanjahu. In Israel kennt man Dschaber, denn einmal im Jahr, immer am Tag vor dem jüdischen Pessachfest, kauft er dem Staat Israel Lebensmittel im Wert von mehreren hundert Millionen Euro ab.

Ich werde zum reichsten Mann des Landes. Wir reden von rund 300 Millionen Dollar, denn auf so viel wird das Chametz geschätzt. Dazu gehört das gesamte Mehl, der Weizen, Whiskey,  Bier, Schokolade, einfach alles, das Chametz beinhaltet.

— Hussein Dschaber

Chametz – so werden die Lebensmittel bezeichnet, die Getreide enthalten, das gegärt hat. Die Tora verbietet Juden während des Pessachfestes den Verzehr und auch den Besitz solcher Lebensmittel. Gesäuertes Brot gibt es also während Pessach nicht zu kaufen. In den Geschäften werden ganze Regalzeilen mit Planen abgehängt. Der Staat führt Buch über die Bestände, schätzt den Wert und verkauft dann vor Pessach alles – an Hussein Dschaber.

 

Juden dürfen während der Pessach Tage kein Chametz bei sich zu Hause oder in ihrem Besitz haben. Sie müssen es loswerden. Früher gab es keine so großen Mengen. Also hat man damals das übriggebliebene Chametz weggeschmissen oder verbrannt. Heute haben wir es mit Fabriken zu tun. Es geht um viel Geld. Das lässt sich nicht einfach wegschmeißen. Das wird während Pessach an einen Nichtjuden verkauft – für zehn Tage.

— Hussein Dschaber

In diesem Jahr beläuft sich der Warenwert auf rund 240 Millionen Euro. Die Anzahlung von Hussein Dschaber beträgt 11.500 Euro. Es gibt einen Vertrag – unterschrieben vom israelischen Finanzminister. Das Chametz bleibt zwar im ganzen Land wo es ist, aber es gehört während der Feiertage eben keinem Juden, sondern dem Araber Hussein Dschaber, der sich sein Eigentum in Stichproben anschaut.

Während der Pessachtage gehört natürlich alles mir. Dann muss ich rumfahren und die Ware begutachten. Ich muss sehen, was dazugehört und wo es ist. Das tue ich bis zum Ende der Pessachfeiertage. Nach Pessach, muss ich das Geschäft abschließen. Sollte ich dann das Geld zusammenhaben, ist der Kauf gültig und wenn ich das Geld nicht aufbringe, dann wird der Deal annulliert.

— Hussein Dschaber

Bisher wurde das Geschäft noch jedes Mal annulliert. Vor rund zwanzig Jahren fragte ein befreundeter Chefrabbiner Hussein Dschaber, ob er die Aufgaben übernehmen könne. Seitdem kauft Dschaber das Chametz, tritt es schließlich wieder ab und bekommt seine Anzahlung zurück. Nach Pessach ist er also auf dem Papier wieder um 240 Millionen Euro ärmer.

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1 thought on “Millionär für zehn Tage”

    Michael K., Sonntag, 01.04.18, 22:00 Uhr

    An sich wollte ich diesen Artikel gar nicht kommentieren. Aber irgendwie kann ich mir nicht verkneifen dieses Gehabe mit dem Chamez ziemlich lächerlich zu finden. Man möge mir meinen Kommentar entschu ...

    An sich wollte ich diesen Artikel gar nicht kommentieren. Aber irgendwie kann ich mir nicht verkneifen dieses Gehabe mit dem Chamez ziemlich lächerlich zu finden. Man möge mir meinen Kommentar entschuldigen, aber auch in anderen Religionen findet man viele Ungereimtheiten, die man ab und zu vielleicht einmal überdenken könnte. Ich kann durchaus damit leben.