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Männer vorn, Frauen hinten

Eine Israelin zieht gegen die illegale, aber dennoch praktizierte Geschlechtertrennung in manchen Bussen vor Gericht

Für ultraorthodoxe Juden ist der Kontakt zu Fremden des anderen Geschlechts tabu. In öffentlichen Verkehrsmitteln sitzen sie stets getrennt voneinander. Dass nun aber ein Busfahrer die Geschlechtertrennung von den Fahrgästen einfordert, geht vielen zu weit.

Von Tim Assmann
Am 12.07.2019

Nur Bar-On wollte mit dem Bus der Linie 402 von Jerusalem in den Tel Aviver Vorort Bnei Brak fahren. Doch der Fahrer ließ sie nicht einsteigen: „Er sagte, es sei nur Platz für zwölf Männer, weil die Männer nur bereit seien, mitzufahren, wenn Geschlechtertrennung im Bus gelte. Der Fahrer stellte sich auf die Treppe, versperrte mir den Zugang und zog nur Männer in den Bus. Er war sehr aktiv und übernahm ganz klar die Funktion, die Geschlechtertrennung in seinem Bus durchzusetzen.“ Streng-religiöse jüdische Männer weigern sich häufig, im Bus neben Frauen zu sitzen, verweisen auf Regeln ihres Glaubens. Der Bus, mit dem Nur Bar-On fahren wollte, war auf dem Weg nach Bnei Brak, einer der größten ultraorthodoxen Gemeinden Israels. Nur Bar-On nimmt diese Linie regelmäßig und sie hatte bei der Platzwahl schon häufiger Probleme mit streng-religiösen männlichen Fahrgästen.

Zuerst versuchen sie, mir noch höflich zu erklären, dass Frauen in diesem Bus hinten zu sitzen haben, da dass zu ihrer Rolle der Bescheidenheit gehöre. Wenn ich sage, dass ich das gar nicht einsehe, beginnen sie, mich zu beschimpfen, sie rufen: „Du Bescheuerte“, „Du Bekloppte“, „Kleines Mädchen“.

— Nur Bar-On, klagender Fahrgast

Dass der Busfahrer aber aktiv zur Geschlechtertrennung beiträgt, hatte Nur Bar-On vorher noch nicht erlebt. Sie fordert vom Busunternehmen Egged nun umgerechnet rund 12.000 Euro Schmerzensgeld und wird von der Anwältin Meital Arbel vertreten, die für eine Organisation arbeitet, die sich gegen religiöse Diskriminierung einsetzt.

In den vergangenen Monaten sind bei uns immer mehr Beschwerden über Schilder in den Bussen eingegangen, auf denen Frauen dazu aufgefordert werden, hinten zu sitzen. Diese Schilder sind nicht von der Firma Egged angebracht worden, sondern von Außenstehenden. Auf einigen Schildern steht sogar, Frauen würden sich strafbar machen, wenn sie nicht hinten sitzen.

— Meital Arbel, Anwältin

Geschlechtertrennung ist in Israel verboten. Das Oberste Gericht des Landes entschied schon vor Jahren: Eine erzwungene Trennung nach Mann und Frau in Bussen ist gesetzwidrig. Wenn sich die Frauen freiwillig nach hinten setzen, ist das aus Sicht des Gerichtes zulässig. Gerade in Bussen mit vielen ultra-orthodoxen Fahrgästen ist die Geschlechtertrennung häufig zu beobachten. Das räumte im Interview mit dem Israel-Radio nun auch Amir Keinan ein. Er ist Direktor der Busfirma Egged, um die es im aktuellen Fall von Nur Bar-On geht. Natürlich sei Geschlechtertrennung in den Bussen untersagt, erklärt Keinan. Aber:

Ich muss klar sagen, dass es diese Vorfälle gibt. Allerdings seltener als in den vergangenen Jahren. Wir sind auf einem guten Weg.

— Amir Keinan, Direktor des Busunternehmens Egged
In den meisten Bussen kommt es nicht zu Zwischenfällen mit den Religiösen – auch in der Jerusalemer Straßenbahn fahren Frauen und Männer gemeinsam. Foto: dpa | picture alliance

Die Geschlechtertrennung ist auch Teil eines grundsätzlichen Richtungsstreits innerhalb der israelischen Gesellschaft. Zwei streng-religiöse Parteien sind an der Regierung beteiligt und versuchen, die Überzeugungen ihrer Wählerschaft politisch durchzusetzen. In die letzten Koalitionsverhandlungen gingen sie auch mit der Forderung, das Verbot der Geschlechtertrennung wieder aufzuheben. Da die Verhandlungen scheiterten und es zu Neuwahlen kommt, blieb es aber bei der Forderung der Streng-Religiösen. Nur Bar-On fühlt sich durch die Ultra-Orthodoxen Männer diskriminiert.

Es macht mich wütend und es ist sehr beleidigend. Denn Frauen im Allgemeinen und ich im Besonderen werden zum sexuellen Objekt gemacht, dass es von der Öffentlichkeit fernzuhalten gilt. Und genau das ist sehr beleidigend.

— Nur Bar-On, klagender Fahrgast

Juristisch ist Nur Bar-On im Recht, doch wenn sie jede Diskriminierung im Alltag ausschließen will, muss sie auf die Fahrt in Bussen mit vielen ultra-orthodoxen Männern wohl verzichten.

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