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Letztes Mittel: Gewalt?

Im Westjordanland legen sich junge Palästinenser mit Soldaten an – doch nicht wenige bevorzugen eine friedliche Lösung

Trumps Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt hat Proteste und Aggressionen auf palästinensischer Seite ausgelöst. Völlig eskaliert ist die Lage bislang nicht. Warum einige Jugendliche in Ramallah aufs Steinewerfen setzten, und trotzdem keine Intifada in Sicht ist.

Von Benjamin Hammer
Am 11.12.2017

Israelische Soldaten haben gerade mehrere Kanister mit Tränengas geschossen. Zuvor haben Palästinenser Steine in ihre Richtung geschleudert. Dicker Rauch steht in der Luft, hier auf einem Feld im Norden von Ramallah im von Israel besetzten Westjordanland. Junge, vermummte Männer rennen zu den rauchenden Kanistern, die auf dem Boden liegen. Sie heben sie auf und werfen sie in Richtung der Soldaten. Viele von ihnen haben Steinschleudern dabei. Sie nehmen Anlauf, schwingen die Schleudern im Kreis und schießen die Steine in Richtung einer Gruppe von israelischen Soldaten.

Donald Trump hat etwas vergeben, was ihm gar nicht gehört: Jerusalem. Er hat es an Leute gegeben, die das gar nicht verdient haben. So fühle ich mich. Der sogenannte Friedensprozess hat uns bisher gar nichts gebracht. Also bleiben uns nur die Steine.

— Palästinensischer Jugendlicher

Alle hier wissen, dass der Anführer der islamistischen Hamas vor wenigen Tagen zu einer neuen Intifada aufgerufen hat. Zu einem Aufstand gegen Israel also. Und alle hier sagen: Das ist richtig so. Ein paar Kilometer nördlich von Ramallah liegt die Birseit-Universität. Vor dem Haupteingang steht Omar Kiswani, der Vorsitzende der Studentenvereinigung. Kiswani steht der Hamas nahe. Er hält Gewalt für ein legitimes Mittel des Widerstandes.

Wir müssen unsere Rechte wiedererlangen. Was uns mit Gewalt genommen wurde, können wir uns nur mit Gewalt zurückholen.

— Omar Kiswani, Vorsitzender der Studentenvereinigung, Birseit-Universität

Der Studentenführer erkennt den Staat Israel nicht an. Die Bewohner von Tel Aviv nennt er „Kriminelle“. Auf die Frage, ob er Terroranschläge auf israelische Zivilisten verurteile, hat er eine klare Antwort: nein. Mit seiner Haltung bedient der Student ein Klischee. Er bestätigt das Bild von jungen Palästinensern, das Kritiker in den vergangenen Tagen immer wieder gezeichnet haben. Ob er sich und seinen Kommilitonen damit einen Gefallen tut?

Die machen das doch so oder so, einseitige Entscheidungen treffen, wie Trump. Und behaupten, dass wir gewalttätig sind, ob das stimmt oder nicht. Warum soll ich friedlich bleiben, wenn ich ohnehin als Verbrecher bezeichnet werde?

— Omar Kiswani, Vorsitzende der Studentenvereinigung, Birseit-Universität

Längst nicht alle Palästinenser teilen die Positionen von Omar Kiswani. In einer Umfrage, an der die CDU-nahe Konrad Adenauer-Stiftung beteiligt war, fordern 54 Prozent der Palästinenser: Wir müssen uns wehren, aber ohne Gewalt. Marc Frings, der Leiter des Büros der Stiftung in Ramallah, rechnet nicht mit einer dritten Intifada. Ein Grund: Die Erinnerungen an die zweite Intifada seien noch sehr präsent.

Das war ein sehr gewaltsamer Aufstand. Das war das Bild der Selbstmordattentäter und eines sehr brutalen Vorgehens der israelischen Armee. Diese zweite Intifada hatte keine Konsequenz, außer Tod, Elend, Verletzte. Und im Grunde genommen eine Anerkennung, dass die Besatzung offenbar kein Ende finden wird.

— Marc Frings, Leiter der Konrad Adenauer-Stiftung in Ramallah

Die Ausschreitungen auf dem Feld in Ramallah enden nach wenigen Minuten. Im Vergleich zu den vergangenen Tagen hat sich die Lage etwas entspannt, nicht nur in Ramallah. Aus Sicht der jungen Männer bleibt das aber nicht so. Man brauche eine dritte Intifada, eine vierte und eine fünfte, sagt einer der Jugendlichen. Bis Palästina befreit worden sei.

Kommentare

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5 thoughts on “Letztes Mittel: Gewalt?”

    gunther, Mittwoch, 20.12.17, 9:40 Uhr

    Im Netz ist ein Video zu sehen, wie 3 Palästinenserinnen 2 israelische Soldaten angreifen. Natürlich ist das Mobiltelefon dabei, um zu filmen. Die Frauen beschimpfen und schlagen die Soldaten. Aber, b ...

    Im Netz ist ein Video zu sehen, wie 3 Palästinenserinnen 2 israelische Soldaten angreifen. Natürlich ist das Mobiltelefon dabei, um zu filmen. Die Frauen beschimpfen und schlagen die Soldaten. Aber, blöd gelaufen. Die Soldaten wenden sich nur ab.
    So wird nichts aus dem Propagandafilmchen.
    Was hätte das wieder weltweit für einen Aufschrei gegen Israel gegeben, wenn sich die Soldaten gewehrt hätten.
    Nicht wahr, Herr K.?

    gunther, Mittwoch, 20.12.17, 6:51 Uhr

    Herr K., was Sie hier schreiben, ist wahrlich abenteuerlich. Während der jordanischen Besatzung Ost-Jerusalems erfolgte hier eine ethnische Säuberung: 1967 war Ost-Jerusalem judenrein. Die Synagogen u ...

    Herr K.,
    was Sie hier schreiben, ist wahrlich abenteuerlich.
    Während der jordanischen Besatzung Ost-Jerusalems erfolgte hier eine ethnische Säuberung: 1967 war Ost-Jerusalem judenrein. Die Synagogen und jüdischen Friedhöfe wurden zerstört, die Steine als Baumaterial verwendet.
    Wenn sich Israel gegen Terror und Mord wehrt, das ist Apartheid? Offenbar ist Ihnen der Begriff Apartheid ein Rätsel.
    Wenn Israel sich gegen die Zerstörung durch Hamas, Hisbollah und Iran wehrt, das ist rassistisch?
    Sie sollten nachlesen, was Vertreter der Fatah, Hamas, Hisbollah und Irans zur beabsichtigten Zerstörung Israels regelmäßig verlautbaren. Ansonsten sind Sie nicht ernst zu nehmen.

    ariel, Dienstag, 12.12.17, 9:47 Uhr

    Die palaestinenser haben ausser der gewalt eine weitere option, welche immer ausgeblendet wird. sie koennen verhandeln und einen unabhaengigen staat innerhalb der grenzen von 67 zu bekommen mit etwas ...

    Die palaestinenser haben ausser der gewalt eine weitere option, welche immer ausgeblendet wird.
    sie koennen verhandeln und einen unabhaengigen staat innerhalb der grenzen von 67 zu bekommen mit etwas gebietaustausch.

    die wahrheit ist, dass es eben nicht um einen palaestinenserstaat geht, sondern um die weigerung israel anzuerkennen.

      Michael K., Dienstag, 12.12.17, 21:55 Uhr

      ariel, vergiss nicht, dass viele Palästinenser nichts Anderes als Besatzung kennen. Besatzung und die fortschreitende Enteignung und Besiedlung palästinensischen Bodens ist nichr gerade Ausdruck israe ...

      ariel, vergiss nicht, dass viele Palästinenser nichts Anderes als Besatzung kennen. Besatzung und die fortschreitende Enteignung und Besiedlung palästinensischen Bodens ist nichr gerade Ausdruck israelischer Bereitschaft durch Verhandlungen einen Konflikt zu beenden. Israel ist schon mehrmals anerkannt worden, aber was hat das den Palästinensern gebracht? Ihr Leben wird immer noch von Soldaten bestimmt. Selbst der so friedliche Beitritt Palästinas zu internationalen Organisationen provoziert gewaltige Reaktionen von Argwohn und Ablehnung auf israelischer und amerikanischer Seite. Ungeheuerlich und sehr bezeichnend für die Bereitschaft des Besatzers der einheimischen Bevölkerung einen Platz an der Sonne zu gewähren. Da kommt die sogenannte Anerkennung Jerusalems zu einem völlig verkehrten Zeitpunkt. Die Wut auf palästinensischer Seite kann daher nicht überraschen.

    Axel Stolpe, Montag, 11.12.17, 16:19 Uhr

    Ich denke, die Palästinenser sind deshalb so ruhig, weil sie politisch keine Aussichten haben. Hamas oder Fatah sind wie Teufel und Beelzebub. Wirklich eine Perspektive bringen beide nicht. Und den ei ...

    Ich denke, die Palästinenser sind deshalb so ruhig, weil sie politisch keine Aussichten haben. Hamas oder Fatah sind wie Teufel und Beelzebub. Wirklich eine Perspektive bringen beide nicht. Und den einen mit den anderen Austreiben das bringt nun wirklich nichts.