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Kultur am Abgrund

Freischaffende Künstler leiden in Israel besonders unter der Corona-Krise – sie fordern nun ein Umdenken der Politik

Die Stadt Tel Aviv versucht es mit kleinen Freiluftkonzerten. Doch das reicht nicht, um der angeschlagenen Kulturszene zu helfen. Auch der Kulturminister will nun fördern - doch das dauert.

Von Tim Assmann
Am 23.11.2020

Sieben Musiker, Streicher und Bläser, sitzen in einem Wohnzimmer und proben. Beethoven. Sie gehören zum Israel Kammerorchester Tel Aviv, das seit einigen Monaten wieder auftritt – meist aber ohne Publikum. Die Konzerte werden im Internet gestreamt. „Im Sommer spielten wir mal im Freien vor Bewohnern von Altenheimen“, erzählt die erste Geigerin Elena Gorevic. Im Vergleich zu vielen anderen Künstlern haben die Musiker des Kammerorchesters Tel Aviv Glück. Sie sind fest angestellt und hatten Anspruch auf Arbeitslosengeld, als das Ensemble monatelang unbezahlt in Urlaub geschickt wurde.

Niemand wurde gefeuert. Das macht einen Riesenunterschied aus und gibt eine gewisse Sicherheit. Der Staat zahlt 65 oder 70 Prozent des Gehalts – bis Ende Juni 2021.

— Elena Gorevic, Erste Geigerin
Mitglieder des Kammerorchesters nach der Wohnzimmerprobe. Foto: BR | Tim Aßmann

Freie Musiker allerdings haben in Israel keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Der Staat half mit Einmalzahlungen, die aber zum Teil erst nach Monaten überwiesen wurden. Das Kammerorchester bezahlt seine Musiker nun wieder selbst, kann das aber wohl nicht mehr lange durchhalten, sagt Klarinettist Semion Ositiansky.

Es gibt noch Mittel, aber sie reichen nicht mehr für lange Zeit. Noch zwei, drei Monate schätzt er.

— Semion Ositiansky, Klarinettist
Die Musiker Elina Gorevic und Semion Ositiansky. Foto: BR | Tim Aßmann

Wer sich mit Künstlern in Israel über ihre Situation unterhält, hört oft die Geschichten von Existenzangst angesichts fehlender Einkommen und den extrem hohen Lebenshaltungskosten. Viele mussten ihre Wohnungen aufgeben, zum Teil zu den Eltern zurückziehen, berichtet Laure Delliot. Sie ist bei der Stadt Tel Aviv zuständig dafür, die Hilfe für Künstler zu organisieren. Besonders schlimm sei die Lage der 7000 bis 8000 freien Kulturschaffenden in der Stadt, sagt Delliot. Die Stadtverwaltung organisiert mit Partnern Projekte wie kleine Freiluftkonzerte und bezahlt die Musiker dann aus eigenen Mitteln. Wenn wir etwas fördern wollen, setzen wir nun andere Prioritäten also vor Corona, erzählt Laure Delliot.

Wir dachten mehr an unsere Bedürfnisse. Daran, was wir als Stadt wollten. Jetzt überlegen wir, was sie brauchen. Das heißt nicht, dass uns die künstlerische Qualität der Projekte egal ist. Aber wir haben nun andere Kategorien und denken nicht nur an die Qualität.

— Laure Delliot, Stadt Tel Aviv
Kulturmanagerin Laure Delliot von der Stadt Tel Aviv. Foto: BR | Tim Aßmann

Die Stadtverwaltung vermittelt auch psychologische Beratung an Künstler und hilft bei der Jobsuche. „Die Künstler merken, dass sich jemand kümmert und das ist wichtig“, so Delliot. Sie habe nicht jedem Arbeit geben können, aber dort, wo es gelang, habe es den Betroffenen geholfen. „Ich sehe das als Erfolg und für mich ist es auch eine Art von Erfolg, das wir unsere bisherige Art zu arbeiten überdacht haben.“ Von der Regierung in Jerusalem fühlt sich Israels Kulturbetrieb weitgehend allein gelassen. Seit Monaten gibt es Proteste im Wochenrhythmus. Einrichtungen wie Theatern, Museen und Kinos wird bisher mit umgerechnet 50 Millionen Euro geholfen. Diese Hilfen reichen nicht aus. Gerade hat die israelische Oper Entlassungspläne für ihren gesamten Chor mit mehr als 50 Mitgliedern bekannt gegeben. Dass der Staat mehr tun muss, räumt der zuständige Minister Chilli Tropper offen ein. Er will im Kabinett weitere Förderungen durchsetzen.

Zum einen spricht der wirtschaftliche Aspekt dafür, denn wir reden hier vom Einkommen Zehntausender. Es wäre außerdem auch moralisch richtig. Denn ein Staat, der Kultur und Sport ans Ende stellt, ist ein Staat ohne Seele.

— Chilli Tropper, Kulturminister
Künstler protestieren bei einem Auftritt im Zentrum von Tel Aviv für die Wiedereröffnung der Konzerthallen. Foto: reuters

Die Musiker des Israel Kammerorchesters sehen das bisher aber noch nicht. Nach Ansicht von Geigerin Elina Gorevic schätzt die Politik im Land Kultur zu wenig. Es gäbe da ein großes Missverständnis:

Kultur werde als Geschäft angesehen. Wenn Du keine Profite abwirfst, ist das in den Augen der Regierung nicht ihr Problem. Niemand stellt in Frage dass das Gesundheitswesen von der Regierung unterstützt wird. Ich denke, bei der Kultur sollte es genauso sein.

— Elena Gorevic, Erste Geigerin

Doch aktuell ist mit einem solchen Bewusstseinswandel in Israel wohl nicht zu rechnen. Beim Israel Kammerorchester Tel Aviv hoffen sie angesichts gesunkener Infektionszahlen im Land, vielleicht bald wieder vor Publikum spielen zu können.

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