Foto: BR | Tim Assmann

Koexistenz im Kibbuz

Givat Haviva, die Begegnungsstätte für jüdische und arabische Israelis, steht auf dem Reiseplan von Präsident Steinmeier

Einander kennenlernen und gemeinsam an einem Fotoprojekt arbeiten und dabei Vorurteile abbauen: So will Givat Haviva das friedliche Zusammenleben fördern. Gemeinsame Whatsapp-Gruppen sind dafür schon ein gutes Zeichen.

Von Tim Assmann
Am 05.05.2017

Svika Altmann nagelt Bilderrahmen an frisch gestrichene weiße Wände. Es sind Fotos, die jüdische und arabische Israelis voneinander gemacht haben. Auf einem Bild sind zwei Jugendliche zu sehen. Das Gesicht des einen ist mit den israelischen Nationalfarben bemalt, das des anderen mit den palästinensischen. Der jüdische Israeli Svika Altmann hat die Jugendlichen bei diesem Projekt betreut. Dass Frank-Walter Steinmeier die Fotos nun bald sehen wird, erfüllt Altmann mit großem Stolz.

Der Besuch des Bundespräsidenten ist sehr wichtig für mich. Mein Vater war Holocaust-Überlebender. Meine Tochter studiert gerade in Deutschland. Ich habe das Gefühl, in einer Art Endlosschleife mit Deutschland zu sein.

— Svika Altmann, Kursleiter bei Givat Haviva
Die Fotoausstellung der Jugendlichen, die Svika Altmann betreut hat, wird auch Bundespräsident Steinmeier auf seiner Reise sehen. Foto: BR | Tim Assmann

Seit fast zwei Jahrzehnten engagiert sich Svika Altmann in Givat Haviva. In manchen Kursen sollen Kinder aus arabischen und jüdischen Familien einander kennenlernen. Die Sieben- bis Achtjährigen kommen im wöchentlichen Wechsel in der Schule der jeweils anderen Gruppe zusammen. Am Anfang jedes Kurses stelle er häufig Ängste fest, die sich von den Eltern auf die Kinder übertragen hätten, erzählt Betreuer Altmann.

Wenn man sich kennenlernt und das schon im Kindesalter, dann nimmt das die Ängste und die ganze Wut, von der wir nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen. Wir malen zusammen, teilen uns Farben und Papier, sind eine Einheit. Sie lernen, miteinander umzugehen und zu kommunizieren, ohne die Sprache des anderen zu können.

— Svika Altmann, Kursleiter bei Givat Haviva

Und wenn die Kinder dann Whatsapp-Gruppen bilden, haben wir es geschafft, ergänzt der 49-Jährige lachend. Die Begegnungsstätte Givat Haviva ist eine der ältesten dieser Art in Israel. Sie liegt in einem alten Kibbuz rund 60 Kilometer nördlich von Tel Aviv in einer Region, in der sehr viele arabische Israelis leben. Der Dialog zwischen Ihnen und den jüdischen Israelis steht im Mittelpunkt der Arbeit. Das war nicht immer so, erinnert sich Riad Kabha, einer der Direktoren von Givat Haviva. Er erzählt von der Zeit Mitte der 90er Jahre, als nach dem Oslo-Abkommen ein dauerhafter Frieden zwischen Israelis und Palästinensern greifbar schien und die besetzten palästinensischen Gebiete nicht abgeriegelt waren.

In den Zeiten von Oslo war hier mehr los und es waren auch viele Palästinenser aus dem Westjordanland und aus Gaza hier. Heute leider kaum noch. Fast alle unsere Projekte finden zwischen arabischen und jüdischen Israelis statt.

— Riad Kabha, einer der Direktoren von Givat Havivia

Das Programm ist breit und richtet sich nicht nur an Kinder und Jugendliche. Unter anderem werden auch Lokalpolitiker in Konfliktmanagement geschult, um zwischen den Bevölkerungsgruppen vermitteln zu können. Givat Haviva finanziert sich vor allem durch Spenden und staatliche Fördermittel aus dem Ausland – Deutschland ist einer der wichtigsten Geldgeber. Die 31-jährige Nora gibt Englischkurse in Givat Haviva. Die Araberin kennt die Begegnungsstätte bereits seit ihrer Kindheit.

 

Wir kamen hierher, um uns mit Juden zu treffen und gemeinsam mit ihnen Dinge zu unternehmen. Ich habe nur positive Kindheitserinnerungen an diesen Ort. Ein schöner Platz - im Vergleich zum richtigen Leben mit all dem Rassismus, dem Hass und den Klüften, die zwischen uns liegen.

— Nora, Englischlehrerin in Givat Haviva
Heute lehrt Nora in Givat Aviva Englisch, früher war sie als Kind selbst hier, um jüdische Israelis kennenzulernen. Foto: BR | Tim Assmann

Es gibt keinen Optimismus, sagt Lehrer Svika Altmann über den Dauerkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern, um gleich im Anschluss die Bedeutung von Initiativen wie Givat Haviva zu betonen. Den Streit um das Treffen von Bundesaußenminister Gabriel mit regierungskritischen israelischen Menschenrechtsorganisationen hat Altmann mitbekommen. Er findet gut, dass Gabriel Vertreter der Gruppen getroffen hat. Ihre Arbeit sei wichtig, betont Svika Altmann.

Ob einem gefällt, was sie sagen, spielt keine Rolle. Es muss dennoch gehört werden. Wir müssen genau zuhören, denn manchmal stimmt, was sie sagen, und manchmal ist es auch übertrieben, aus politischen Gründen. Dennoch müssen wir zuhören, auch wenn das, was wir hören, in unseren Ohren nicht angenehm klingt.

— Svika Altmann, Kursleiter bei Givat Haviva