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Kein Tor zur Welt

Katar unterstützt die Idee eines Flughafens für Gaza – doch bislang lehnt Israel das aus Sicherheitsgründen ab

Mehr als 20 Jahre ist es her, da starteten und landeten Flugzeuge in Gaza. Während der Zweiten Intifada zerstörte Israel das Tor zur Welt. Bis heute haben einige die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es irgendwann wieder einen Flughafen in Gaza geben könnte. 

Von Benjamin Hammer
Am 08.02.2019

Die Stimmung auf dem Flughafen von Gaza ist gespenstisch. Flugzeuge stehen hier schon lange nicht mehr. Vor dem ehemaligen VIP-Terminal laufen Hunde durch den Müll. In der Kuppel des Terminals, die an den Felsendom von Jerusalem erinnert, prangt ein großes Loch. Imad Al Hamms kämpft mit den Tränen. Der Palästinenser war einst für die Funk- und Radaranlagen des Flughafens zuständig.

Ich konnte mir das damals nicht vorstellen. Dass unser Traum zerstört werden würde. Das macht mich sehr traurig. 500 Menschen haben hier gearbeitet. Ingenieure, Techniker, Piloten.

— Imad Al Hamms, ehemaliger Flughafenmitarbeiter
Imad al Hamms verwaltet einen Flughafen, den es seit 20 Jahren nicht mehr gibt. Foto: BR | Benjamin Hammer

Imad Al Hamms arbeitet noch immer für die zivile Luftfahrtagentur der palästinensischen Autonomiebehörde. Sein Büro verwaltet einen Flughafen, den es seit fast 20 Jahren gar nicht mehr gibt. Vom großen Terminal ist nur noch ein Gerippe übrig, der Asphalt vom früheren Vorfeld und der Landebahn fehlt vollständig. Er wurde abgetragen, weil Steine und Beton im Gazastreifen ein äußerst knappes Gut sind. Der palästinensische Luftfahrtingenieur sieht aus wie ein Häufchen Elend. Aber als er die Zielflughäfen aufzählt, die man damals von Gaza aus erreichen konnte, leuchten seine Augen: „Kairo, Amman, Algerien, Dubai, Dschidda, Moskau, Larnaca, Istanbul. So viele Ziele.“ Am 24. November 1998 wurde nahe Rafah im Süden des Gazastreifens der Flughafen eröffnet. Auch Yassir Arafat war dabei. Der Präsident der Autonomiebehörde, so erzählen Palästinenser heute, hat die Baumaßnahmen höchstpersönlich überwacht. Auch US-Präsident Bill Clinton kam zur Eröffnung des neuen Airports. Es war längst nicht alles gut im Nahen Osten in jener Zeit. Der Oslo-Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern war ins Stocken geraten. Und dennoch verbanden die Palästinenser große Hoffnungen mit dem neuen Flughafen.

Wir waren so glücklich. Ich hatte das Gefühl, dass der Staat Palästina an jenem Tag geboren wurde.

— Imad Al Hamms, ehemaliger Flughafenmitarbeiter

Doch der Flughafen war nur anderthalb Jahre lang in Betrieb. Kurz nach der Eröffnung begann die zweite Intifada, die die Palästinenser mit der israelischen Besatzung des Gazastreifens und des Westjordanlandes begründeten. Radikale Palästinenser verübten Terroranschläge, bei einem wurden vier israelische Soldaten getötet. Israel wollte nach diesem Anschlag ein Zeichen setzen und begann mit der Zerstörung des Prestigeprojektes von Jassir Arafat. Die israelische Luftwaffe bombardierte die Radarstation und den Kontrollturm. Später pflügte die Armee große Löcher in die Start- und Landebahn. Spätestens da war es für Flugzeuge unmöglich, im Gazastreifen zu landen.

Bagdad statt New York

Zwei Jugendliche laufen über das Gelände des zerstörten Flughafens. Als sie gefragt werden, wohin sie gerne fliegen würden, wenn sie denn könnten, antworten sie: „Amman und Bagdad.“ Nicht New York oder Australien. Vielleicht sind solche Zielorte für Kinder im Gazastreifen einfach unvorstellbar. Der Küstenstreifen wird von Israel und Ägypten seit mehr als zehn Jahren weitgehend abgeriegelt, seitdem die Hamas die Kontrolle übernommen hat. Israel gestattet nur einer Minderheit der Palästinenser die Ausreise. Und wer das schafft, darf in der Regel nicht vom Flughafen Tel Aviv aus in die Welt fliegen. Wenn die Menschen von Gaza ins Ausland wollen, müssen sie zum Flughafen in Amman oder in Kairo reisen. So geht es auch Jebril El Telbany, dem stellvertretenden Verkehrsminister der palästinensischen Autonomiebehörde, der in Gaza lebt.

Niemand auf der Welt leidet so sehr unter einer eingeschränkten Reisefreiheit wie die Menschen in Gaza. Früher, als wir noch den Flughafen hatten, brauchte ich für einen Flug nach Mekka eine Stunde und 45 Minuten. Heute brauche ich fast drei Tage.

—  Jebril El Telbany, stellvertretender Verkehrsminister der palästinensischen Autonomiebehörde
Eselskarren statt Jets: Das einstige Tor zur Welt dient heute als Resterampe. Foto: BR | Benjamin Hammer

Der Minister würde gerne so bald wie möglich einen neuen Flughafen im Gazastreifen bauen lassen: „Praktisch jede Stadt in Europa mit 500.000 Einwohnern hat einen Flughafen. Im Gazastreifen leben zwei Millionen. Und wir haben keinen. Die Bewegungsfreiheit – das ist doch Teil der Menschenrechte.“ Doch Israel lehnt einen neuen Flughafen im Gazastreifen ab. Das Land stuft die Hamas als Terrororganisation ein. Aus Sicht der Israelis wäre ein Flughafen in Gaza ein gewaltiges Sicherheitsproblem. Nun will der Golfstaat Katar vermitteln. Die Idee: ein neuer Flughafen für Gaza, der ausschließlich Flüge nach Katar bietet. Der Golfstaat würde sich um die Sicherheit kümmern. Israels Regierung kommentiert diesen Vorschlag nicht. Laut Medienberichten ist man aber nicht gerade begeistert. Und dann sind da noch die Palästinenser, die jeden Plan ablehnen, wenn sie nicht die volle Souveränität über den Airport bekommen. Der erbitterte Machtkampf zwischen der Fatah-Bewegung, die die Autonomiebehörde dominiert, und der Hamas, die in Gaza das Sagen hat, macht es noch unwahrscheinlicher, dass der Gazastreifen in den kommenden Jahren einen neuen Flughafen bekommt. Imad Al Hamms, der Flughafeningenieur ohne Flughafen, erstellt seit Jahren immer wieder neue Pläne für den Bau eines neuen Airports. Auch wenn die nie umgesetzt werden.

Wir Palästinenser arbeiten hart. Wenn wir eine Genehmigung kriegen, werden Sie einen schönen, modernen Airport sehen. Dann wird sich dieser Ort verändern.

— Imad Al Hamms, ehemaliger Flughafenmitarbeiter

Die humanitäre Lage im Gazastreifen hat sich in den letzten Jahren weiter verschlechtert. Dort wo einst moderne Jets parkten, fährt ein Junge mit einem Eselskarren. Er sucht nach den letzten verbliebenen Betonstücken auf dem Vorfeld und hackt sie klein. Der einst so stolze Flughafen ist zur Resterampe im armen Gazastreifen geworden. Wo würde dieser Junge gerne hinfliegen, wenn er denn könnte? „Das ist mir egal“, sagt der Junge. „Hauptsache raus aus dem Gazastreifen.“

Kommentare

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7 thoughts on “Kein Tor zur Welt”

    Alexander, Montag, 11.02.19, 10:10 Uhr

    Oh werter Michael K. Ich trichte es mir selbst ein, lebe nun mal in Israel und spreche viel mit den Menschen, die hier leben, ja auch mit Palästinensern. Ich bleibe dabei: Flughafen oder Hamas, die Ga ...

    Oh werter Michael K. Ich trichte es mir selbst ein, lebe nun mal in Israel und spreche viel mit den Menschen, die hier leben, ja auch mit Palästinensern.
    Ich bleibe dabei: Flughafen oder Hamas, die Gazaner haben sich für letzteres entschieden.
    Sie tun mir Ihrer Einstellung den Menschen hier nichts Gutes.

    Florian, Montag, 11.02.19, 9:26 Uhr

    Es wäre fatal, wenn es einen Flughafen in Gaza gäbe. Tausende von Arabern aus Gaza reisen nach Ägypten, um von dort weiterzufliegen, kehren aber nicht mehr zurück. Die Ausreise nach Ägypten ist jedoch ...

    Es wäre fatal, wenn es einen Flughafen in Gaza gäbe.
    Tausende von Arabern aus Gaza reisen nach Ägypten, um von dort weiterzufliegen, kehren aber nicht mehr zurück. Die Ausreise nach Ägypten ist jedoch nur möglich gegen horrende Bestechungszahlungen.
    Die Folge: In Gaza fehlen zunehmend Ärzte. Wenn sie denn bezahlen können.
    Doch diese Zusammenhänge sind wohl unerwünscht.

      Michael K., Montag, 11.02.19, 22:51 Uhr

      Florian, ein Flughafen würde es den Palästinensern aus Gaza ermöglichen ihrem Elend zu entkommen und auswandern zu wollen? Denk einmal daran wie es vielen Juden ergangen ist, die auswandern wollten un ...

      Florian, ein Flughafen würde es den Palästinensern aus Gaza ermöglichen ihrem Elend zu entkommen und auswandern zu wollen? Denk einmal daran wie es vielen Juden ergangen ist, die auswandern wollten und nicht konnten. Willst du das gleiche Schicksal anderen Menschen zumuten?Ich finden deinen Gedanken ziemlich armselig.

      Du hast sicherlich recht, dass in Gaza Ärzte fehlen. Und welche Zusammenhänge sind da nicht erkennbar und unerwünscht? Man hat von israelischer Seite bewusst UNWRA jahrelang verteufelt und die wirtschaftliche Entwicklung eines Volkes untergraben; Menschen die rechtmässig gegen ihre Unterdrückung demonstrieren werden von ihren Besatzern gnadenlos be- und erschossen. Tausende benötigen ärtzliche Hilfe, was zu Engpässen im Gesundheitssystem führt. Wie wäre es, Menschen wie Menschen zu behandeln und ihren berechtigten Forderungen nach Freiheit nachzukommen? Erschreckend ist Israels Leugnung für die unmenschliche Situation in irgendeiner Weise verantwortlich zu sein.

    Michael K., Montag, 11.02.19, 1:26 Uhr

    Alexander, Florian,ihr plappert immer denselben Unsinn. Wer trichtert euch das nur ein?. Jedes Land hat wohl ein Recht selbst zu bestimmen.Selbstverständlich braucht ein Land und dessen Bevölkerung au ...

    Alexander, Florian,ihr plappert immer denselben Unsinn. Wer trichtert euch das nur ein?. Jedes Land hat wohl ein Recht selbst zu bestimmen.Selbstverständlich braucht ein Land und dessen Bevölkerung auch einen Flughafen.Da sowohl Israel als auch die USA weniger an Frieden und palästinensischer Selbstbestimmung interessiert sind, sondern bedingte wirtschaftliche Fortschritte statt Frieden den Palästinensern aufdrängen wollen, dann sollte man meinen, dass ein Flughafen zur notwendigen Infrastruktur einer guten Wirtschaft gehört. Der, der einmal gebaut wurde hatte nur eine befristete Lebensdauer dank der Waffen für die der Besatzer ansccheinend das Alleinrecht hat, so etwas zu besitzen. Wie könnte man auch ohne Militär und high-tech Waffen und Kampfjets ein Volk 70 Jahre lang unterdrücken. Man gewöhnt sich an Unrecht

    Irgendwann müsste doch einmal jemand auf die Idee kommen darüber nachzudenken wie die Situation im Nahen Osten sich zu einem Besseren sich ändern könnte.

      Florian, Montag, 11.02.19, 13:19 Uhr

      Hallo Michael, von welchem Land schreibst Du? Es gibt kein palästinensisches Land. Gibt es in den vermeintlich paläsintensischen Gebieten eine Selbstbestimmung der Bewohner? Gibt es in den vermeintlic ...

      Hallo Michael,

      von welchem Land schreibst Du?
      Es gibt kein palästinensisches Land.
      Gibt es in den vermeintlich paläsintensischen Gebieten eine Selbstbestimmung der Bewohner?
      Gibt es in den vermeintlich palästinenschischen Gebieten irgendeindeine Form von Selbstbestimmung?
      Gibt es in den vermeintlich palästinenschischen Gebieten irgendeine Art von Menschenrechten?

      Deine palästinensische Propagsnda ist nur noch peinlich.

    Alexander, Freitag, 08.02.19, 19:11 Uhr

    Liebe Gazaner: Hamas oder Flughafen. Beides geht nicht.

    Liebe Gazaner: Hamas oder Flughafen. Beides geht nicht.

      Florian, Sonntag, 10.02.19, 5:38 Uhr

      Die Hamas braucht diesen Flughafen. Damit die Waffen aus Iran direkt eingeflogen werden können.

      Die Hamas braucht diesen Flughafen. Damit die Waffen aus Iran direkt eingeflogen werden können.