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(K)ein Orchester für den Frieden

Daniel Barenboim, Dirigent und Gründer des West-Eastern Divan Orchesters, feiert seinen 75. Geburtstag

In Israel kam seine politische Kritik selten gut an, von den Palästinensern erhielt er hingegen die Ehrenstaatsbürgerschaft: Daniel Barenboim hat versucht, Brücken zu bauen zwischen den Menschen auf beiden Seiten des Konflikts. Noch hat er sein Ziel nicht erreicht.

Von Benjamin Hammer
Am 15.11.2017

Es war im Jahr 2005, als das West-Eastern Divan Orchester in Ramallah auf die Bühne trat: Israelische Musiker spielten gemeinsam mit Palästinensern und Vertretern arabischer Staaten Mozart. Für Dirigent und Orchestergründer Daniel Barenboim war das ein besonderer Moment, er wandte sich an das Publikum:

In diesem Orchester befinden sich wundervolle, intelligente und mutige Menschen. Ihnen in Ramallah muss ich nicht erklären, wie viel Courage von jedem einzelnen Musiker abverlangt wird, gemeinsam mit der anderen Seite zu spielen.

— Daniel Barenboim
Um mit seinem West-Eastern Divan Orchester aufzutreten, nimmt sich der Dirigent Daniel Barenboim Auszeiten. Foto: dpa | picture alliance

Das West-Eastern Divan Orchester gründete Barenboim 1999, gemeinsam mit dem palästinensischen Literaturkritiker Edward Said. Barenboim, der seine Jugend in Israel verbrachte, nimmt sich bis heute Auszeiten, um mit dem Divan Orchester Konzerte zu geben. Die Idee: Israelis und Palästinenser sollen in der Musik gleichberechtigt sein. Doch es gibt Dinge, die das Orchester schlicht nicht leisten kann, sagt Barenboim in einer Fernsehdokumentation des Bayerischen Rundfunks.

Man spricht über das West-Eastern Divan Orchester als ein Orchester für den Frieden. Das ist es nicht. Frieden heißt eigentlich: Gerechtigkeit für die Palästinenser und Sicherheit für die Israelis. Ein Orchester kann das nicht bringen. Was das Orchester zeigen kann: Wenn eine Situation von Gleichheit geschaffen ist, dann können alle miteinander zusammenarbeiten, essen, zusammen lachen und zusammen weinen.

— Daniel Barenboim

Barenboim und Israel: Das ist eine enge, aber nicht spannungsfreie Beziehung. Als er zehn Jahre alt ist, zieht er mit seiner Familie von Argentinien nach Israel. Der Junge gilt am Klavier als Wunderkind, trifft früh auf Israels Staatsgründer David Ben Gurion. Später zieht Barenboim wieder in die Welt hinaus. Seine Bindung zu Israel bleibt. Doch der Musiker entwickelt sich zum Kritiker des Landes. Schon 1967 prangert er die israelische Besatzung des palästinensischen Westjordanlandes an. Eine Kritik, die er seither mit so deutlichen Worten formuliert, dass er innerhalb der israelischen Gesellschaft auf Widerstände trifft.

Was mich am meisten stört, ist, dass so wenig Israelis in der Lage sind, zu sehen und zu sagen: Die Besatzung ist vielleicht auch ein Grund für die Gewalt, die aus Palästina kommt. Nicht nur. Ich will nicht alles auf der anderen Seite schön machen. Aber Israel hat eine größere Verantwortung. Israel ist ein Staat, Israel ist ein starker Staat. Die anderen sind ein Volk. Und besetzt.

— Daniel Barenboim

2008 bieten die Palästinenser Barenboim die palästinensische Ehrenstaatsbürgerschaft an. Der Dirigent nimmt an – und sorgt im rechten politischen Spektrum Israels für Entsetzen. Schon sieben Jahre zuvor hatte es einen weiteren Eklat gegeben. Da spielten Barenboim und seine Berliner Staatskapelle bei einem Konzert in Jerusalem gegen den Willen der Veranstalter Musik von Richard Wagner – dem Antisemiten und Lieblingskomponisten von Adolf Hitler. Der Dirigent sieht es so: Wagner mag ein Antisemit gewesen sein, seine Musik ist es nicht. Daniel Barenboim polarisiert in einer Region voller Gegensätze. Sein Ziel, mit dem West-Eastern Divan Orchester Brücken zwischen Israelis und Palästinensern zu bauen, ist vorerst gescheitert. Ein weiteres Konzert in Ramallah, sagt Barenboim heute, wäre im aktuellen politischen Klima nicht möglich. Die Palästinenser würden die israelischen Musiker nicht willkommen heißen.

Die Fernsehdokumentation des Bayerischen Rundfunks ist hier zu sehen.  

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1 thought on “(K)ein Orchester für den Frieden”

    Michael K., Freitag, 17.11.17, 22:50 Uhr

    Es gibt Menschen, die sehen viele Dinge richtig. Wenn die Kritik Israel betrifft, dann werden diese Menschen meistens als Staatsfeinde abgestempelt. Barenboim ist einer dieser Menschen. Was ihn am mei ...

    Es gibt Menschen, die sehen viele Dinge richtig. Wenn die Kritik Israel betrifft, dann werden diese Menschen meistens als Staatsfeinde abgestempelt. Barenboim ist einer dieser Menschen.

    Was ihn am meisten stört, ist, dass so wenig Israelis in der Lage sind, zu sehen und zu sagen: Die Besetzung ist vielleicht auch ein Grund für die Gewalt, die aus Palästina kommt. Man muss kein Genie sein, um diese Einsicht zu verstehen.
    Im Juni äusserte er sich dahin, dass Europa, dessen Antisemitism zum Holocaust führte, auch eine moralische und historische Verpflichtung gegenüber den Palästinensern hat, die immer noch unter den Konsequenzen leiden. Daher müsste Deutschland nicht nur ihre Holocaust Schuld an Israel begleichen, sondern sich gleichermassen gegenüber den Palästinensern verpflichtet fühlen. Wie recht er hat. Doch Israel sieht das nicht so. Sie tut sich mit Innovation und Start-ups hervor, berauscht sich an militärischer Überlegenheit und vergisst dabei die Rechte des Menschen.