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Kein Gottesdienst im Abendmahlsaal

Gerade an Ostern besuchen viele Christen den Abendmahlsaal auf dem Zionsberg – Eucharistiefeiern sind dort aber tabu

Das Gebäude auf dem Zionsberg hat Jesus selbst nie betreten – es wurde erst rund 1150 Jahre nach dessen Geburt von Kreuzfahrern errichtet. Für Christen ist es dennoch ein Pilgerort.

Von Benjamin Hammer
Am 21.04.2019

Für die chinesischen Touristen auf dem Zionsberg in Jerusalem ist es gar nicht so einfach, den Überblick zu behalten. Sie stehen im Hof eines verschachtelten Gebäudekomplexes mit mehreren Stockwerken und kleinen Treppen. Im Erdgeschoss befindet sich der Tradition zufolge das Grab des jüdischen Königs David. Eine Etage darüber: der Abendmahlsaal. Vom Dach aus hat man einen guten Überblick über den Zionsberg. Direkt gegenüber steht die deutschsprachige Dormitio Abtei der Benediktinermönche. Einer von ihnen ist Matthias Karl.

Für uns hat die Erzählung vom Abendmahl eine schon identitätsstiftende Größe. Denn unsere Sonntagstradition besteht ja genau darin. Dass wir uns zur Feier der Eucharistie zum Gedächtnis an das Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern treffen und dann auch Kelch und Brot teilen.

— Matthias Karl, Benediktinermönch 

In der Mitte des Abendmahlsaals stehen steinerne Säulen. Die prächtigen Fenster sind mit arabischen Schriftzeichen versehen. Denn das Gebäude war früher mal eine Moschee. Gerade an Ostern wollen Christen aus der ganzen Welt diesen Ort erleben. Dabei steht fest, dass Jesus Christus diesen Raum nie betreten hat. Kreuzfahrer bauten ihn erst rund 1150 Jahre nach dessen Geburt, schätzt Amit Re’em. Der Archäologe arbeitet für die Behörde für Altertümer des Staates Israel.

Für einen Archäologen ist es wirklich ein Traum, in Jerusalem zu arbeiten. Wir erforschen hier heilige Stätten, in denen das Judentum und das Christentum geboren wurden.

— Amit Re’em, Archäologe

Schon im vierten Jahrhundert sollen Christen an diesem Ort des letzten Abendmahls vor der Kreuzigung gedacht haben. Der Archäologe Re’em fand mögliche Spuren, die aus der Zeit des zweiten jüdischen Tempels stammen könnten. Und damit aus der Zeit Jesu Christi. Doch weil diese Stätte allen drei Weltreligionen heilig ist, kann Re’em nicht einfach drauflos buddeln.

Die Dinge liegen gewissermaßen außer Reichweite. Also haben wir hochmoderne Technik verwendet. Damit bekamen wir Einblicke, ohne etwas auszugraben.

— Amit Re’em, Archäologe

Der israelische Archäologe und sein Kollege Ilya Berkovich nutzten hochmoderne Lasertechnik für die Vermessung der Räume. Sie entdeckten Symbole der Kreuzfahrer, die bis dahin übersehen worden waren. Gerade der verheerende Brand der Notre-Dame-Kathedrale, sagt Re’em, zeige doch, wie wichtig eine genaue Dokumentation sei. Vor vier Jahren feierte Papst Franziskus eine heilige Messe im Abendmahlsaal. Eine absolute Ausnahme. Denn der Gebäudekomplex wird seit 1948 von Israel kontrolliert. Und weil sich im Untergeschoss der Tradition zufolge das Grab von König David befindet, lehnen manche Juden christliche Eucharistiefeiern in dem Gebäude strikt ab. Die israelischen Behörden folgen dieser Haltung. „Es geht nicht darum, dass wir Juden hier irgendwas wegnehmen wollen“, sagt Matthias Karl, der Benediktinermönch in der benachbarten Dormitio-Abtei. Er setzt auf Ausgleich mit den jüdischen Vertretern auf dem Zionsberg. Seine Hoffnung: „Dass irgendwann mal der Tag kommt, wo einfach alle Gläubigen dort an einer Eucharistiefeier teilnehmen können.“ Also an jenem Ort, wo die Eucharistie – das Abendmahl – aus Sicht der Christen ihren Ursprung hat. Seit Jahren verhandelt der Vatikan mit Israel über eine neue Regelung. Bisher ohne Erfolg. Wenn Religion auf Politik trifft, wird es gerade in Jerusalem kompliziert.