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Kehrseiten des Booms

Seit einem Jahr halten E-Scooter Einzug in Tel Aviv – sie schonen die Umwelt, bereiten aber auch Probleme

Sie gefährden Fußgänger und werden teilweise achtlos mitten auf dem Gehweg abgestellt. E-Scooter sind Fluch und Segen zugleich. Die Stadt sucht nun neue Konzepte, um die elektrischen Roller besser zu integrieren.

Von Tim Assmann
Am 08.07.2019

Eyal ist ein großer E-Scooter-Fan. Der 52-Jährige steigt vier bis sechsmal die Woche auf das schmale Brett mit der Lenkstange und dem Elektroantrieb: „Der größte Vorteil ist, dass man den Scooter abstellen kann, wo man will und man kommt schnell von Ort zu Ort, ohne im Stau zu stehen. Und es macht Spaß.“ Seit der erste Verleiher vor rund einem Jahr startete, ist der Markt förmlich explodiert. 10.000 E-Scooter sind in Tel Aviv unterwegs, in den nächsten Monaten werden noch einige tausend hinzukommen, schätzt die stellvertretende Bürgermeisterin Meital Lehavi.

Bei unserer Vision für Tel Aviv stehen kleine Fahrzeuge wie E-Bikes und Scooter in der ersten Reihe. Wir wollen, dass ein Viertel aller Verkehrsbewegungen in der Stadt auf diese Fahrzeuge entfällt. 

— Meital Lehavi, stellvertretende Bürgermeisterin
10.000 E-Scooter sind bereits in Tel Aviv unterwegs, erklärt die stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt, Meital Lehavi. Foto: BR | Tim Assmann

Probleme müsse man in Kauf nehmen, sagt die Vize-Bürgermeisterin. „Es gibt Unfälle mit Autos, Fußgängern und Rädern. Die Zahl wird steigen. Mehr Nutzer, mehr Unfälle. Aber es gibt hier einen leisen Killer und das ist Luftverschmutzung durch Straßenverkehr.“ Auf den Bürgersteigen ist nicht genug Platz für die Scooter und sie gefährden die Fußgänger. Weil es nur wenige Radwege gibt, müssen die E-Scooter also meistens auf die Straße. Doch da ist es vielen zu gefährlich. Auch Eyal bleibt lieber auf dem Fußweg.

Es ist viel gefährlicher auf der Straße. Die Mitarbeiter des Ordnungsamtes zwingen uns, auf der Straße zu fahren, aber da ist es sehr gefährlich. Wenn ich auf der Straße fahre, dann wirklich in kleinen Straßen in 30er-Zonen. Auf den Hauptstraßen fahre ich nicht. Ich bleibe auf dem Bürgersteig und versuche, den Leuten vom Ordnungsamt zu entkommen.

— Eyal, E-Scooter-Fan

Wer erwischt wird, muss ein Bußgeld von umgerechnet rund 60 Euro zahlen. Es gilt auch eine Helmpflicht, an die sich aber viele nicht halten. Wer E-Scooter mieten will, muss mindestens 18 sein, erklärt Yaniv Rivlin von der Firma Bird, die als erste E-Scooter in Tel Aviv verlieh.

Wir werden Sicherheitskurse anbieten und Leuten zeigen wie man fährt. Wir werden weiter Helme ausgeben und das Bewusstsein schärfen. Sicherheit ist uns bei Bird sehr wichtig.

— Yaniv Rivlin, E-Scooter-Verleih Bird

Nach jeder Fahrt muss der abgestellte E-Scooter fotografiert werden. Dennoch sieht man überall im Stadtgebiet völlig gedankenlos geparkte Scooter die Bürgersteige, Hauseingänge, Verkehrsinseln oder Bushaltestellen blockieren. Die Stadt entfernt mittlerweile E-Scooter, die falsch geparkt sind. Die Verleihfirma muss ein Bußgeld von umgerechnet 15 Euro bezahlen. Nur in Einzelfällen berechne man dieses Geld dem Kunden, sagt Yaniv Rivlin von Bird. Die Stadt will das Parken der E-Scooter künftig regulieren, erklärt Vize-Bürgermeisterin Lehavi.

Wir werden Stellflächen markieren – in Abständen von 100 bis 150 Meter. Man wird also 50 bis 75 Meter laufen müssen. Sie werden es tun müssen. Menschen sind Lebewesen, die laufen. Wir schwimmen, fahren oder fliegen nicht. Wir laufen.

— Meital Lehavi, stellvertretende Bürgermeisterin

Die Zahl der E-Scooter wird ab dem ersten August auf 2500 pro Verleihfirma begrenzt. Yaniv Rivlin von Bird wird also bald 500 seiner 3000 E-Scooter einmotten müssen. Er hält die Regelung für falsch.

Die Zahl ist unglücklich, denn wir sehen ja die Nachfrage und die ist größer. Bei fast allen unseren Scootern sind die Batterien am Ende eines Tages leer. Das Angebot ist aktuell kleiner als die Nachfrage.

— Yaniv Rivlin, E-Scooter-Verleih Bird

Die Stadtverwaltung will den Boom erst einmal kontrollieren, weil sie mit dem Bau von Radwegen nicht nachkommt. Für eine eigene Spur für E-Bikes und Scooter fehlt schlicht der Platz.

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1 thought on “Kehrseiten des Booms”

    Knut, Sonntag, 21.07.19, 23:04 Uhr

    Da sieht man mal wieder, wie billig Verkehrssünder in Deutschland davonkommen... Nach Zulassung der kleinen Gefährte hierzulande wird man sich wohl an den Erfahrungen u.a. aus Israel orientieren müsse ...

    Da sieht man mal wieder, wie billig Verkehrssünder in Deutschland davonkommen… Nach Zulassung der kleinen Gefährte hierzulande wird man sich wohl an den Erfahrungen u.a. aus Israel orientieren müssen, bei hoffentlich ansteigenden Lernkurven… Und die Mittelmeermetropole samt Großraum darf sich wirklich auf das Zehn-Linien-Stadtbahnnetz freuen, dessen beide erste Linien nun endlich im Bau sind. Der Autoverkehr in der israelischen Boomregion schlechthin wir nämlich mit jedem Tag unerträglicher! Da sind leistungsfähige (und klimafreundlichere) Alternativen absolut überfällig!